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  4. Arbeitszeit: Was die Deutschen über die Viertagewoche denken

Arbeitszeit„Die Viertagewoche für alle ist keine ökonomisch sinnvolle Lösung“

Sollen und wollen wir weniger arbeiten – und kann das ohne Lohnverzicht funktionieren? Das Meinungsforschungsinstitut Civey hat für die WirtschaftsWoche rund 5000 Erwerbstätige befragt. Die Ergebnisse sind überraschend.Bert Losse 30.07.2024 - 17:10 Uhr
Foto: dpa Picture-Alliance

Fast 80 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten an fünf Tagen in der Woche. Doch unser althergebrachtes Arbeitszeitregime gerät unter Druck. Manche Ökonomen und Gewerkschaften propagieren die Idee einer Viertagewoche, auch als Lockmittel für knappe Fachkräfte. Aktuell läuft dazu in Deutschland mit rund 50 Unternehmen das erste große Pilotprojekt.

Aber ist weniger wirklich mehr? Hat womöglich ganz im Gegenteil der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz recht, der jüngst konstatierte: „Wir werden vielleicht sogar wieder ein bisschen mehr arbeiten müssen in Deutschland“? Und was denken eigentlich die Arbeitnehmer selbst über die Viertagewoche? Das Meinungsforschungsinstitut Civey hat dazu für die WirtschaftsWoche eine detaillierte repräsentative Online-Befragung durchgeführt. Und diese offenbart eine überraschend große Skepsis im Arbeitnehmerlager.

Von den 5000 online befragten Erwerbstätigen sind nur acht Prozent überzeugt, dass sich die Viertagewoche innerhalb der nächsten zehn Jahre überwiegend durchsetzen kann. „Der Hype um die Viertagewoche flaut wieder ab“, registriert Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Arbeitszeitpräferenzen der Menschen seien heterogen, eine „eindimensionale Viertagewoche für alle ist daher keine ökonomisch sinnvolle Lösung“. Zumal diese für die Volkswirtschaft eine um zwölf Prozent sinkende Stundenkapazität bedeuten würde.

Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage, wer am Ende die Kosten einer Arbeitszeitverkürzung trägt. „Die Popularität der Debatte um die Viertagewoche speist sich vermutlich weniger aus den bestehenden Möglichkeiten, sie in die Tat umzusetzen“, heißt es süffisant in einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Vielmehr „dürfte die Wunschvorstellung eine Rolle spielen, man könne im Sinne einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit einen Tag weniger arbeiten, aber das Gleiche verdienen“. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass sich die kürzere Arbeitszeit durch eine entsprechend steigende Stundenproduktivität kompensieren lasse.

Genau daran aber glauben die Arbeitnehmer offenkundig nicht. Laut Umfrage sagen gerade mal 23 Prozent der Befragten, eine Viertagewoche werde in jedem Fall ihre persönliche Produktivität erhöhen. Jeder dritte Erwerbstätige schließt dies sogar kategorisch aus. Heruntergebrochen auf verschiedene Altersklassen zeigt sich eine Schere zwischen jüngeren und älteren Beschäftigten. Unter den 18- bis 29-Jährigen trauen sich immerhin 42 Prozent in jedem Fall oder zumindest „eher“ eine höhere Produktivität zu – bei den 50-bis 64-Jährigen sind es nur 31 Prozent.

Wenn aber die Produktivität nicht ausreichend nach oben geht, ist in vielen Betrieben ein voller Lohnausgleich wirtschaftlich nicht darstellbar. Würden die Beschäftigten in diesem Fall notfalls Lohneinbußen in Kauf nehmen, um einen zusätzlichen freien Tag in der Woche zu bekommen? Die Antwort ist ziemlich eindeutig: 62 Prozent lehnen die Viertagewoche ab, sofern sie dabei auf Geld verzichten müssen. Etwas größer ist die Bereitschaft, Lohneinbußen in Kauf zu nehmen, nur in der jüngeren Altersgruppe zwischen 18 und 39 Jahren.

Diese Ergebnisse decken sich mit früheren Umfragen. „Hohe Zustimmungsraten erhält die Viertagewoche nur, wenn es für weniger Stunden das gleiche Geld gibt“, hat Arbeitsmarktökonom Weber beobachtet. „Sinkt der Lohn, ist für die meisten Vollzeitbeschäftigten eine Viertagewoche keine Option.“

Allerdings gibt es eine Situation, in der eine relative Mehrheit der Beschäftigten die Viertagewoche goutiert – wenn die volle Wochenstundenzahl bei vollem Gehalt in vier statt fünf Tagen abgeleistet werden kann. Bei einem entsprechenden Angebot des Arbeitgebers wollen laut Umfrage 45 Prozent „eindeutig“ oder „eher“ zugreifen und nur 41 Prozent abwinken.

Auffällig ist hier die Schere zwischen den Geschlechtern: Während 47 Prozent der Männer das Modell mögen, sind es bei Frauen nur 41 Prozent.

Wie aber geht nun weiter mit der Arbeitszeitdebatte? IAB-Ökonom Weber ist sich sicher, dass „die Arbeitszeit ein wichtiges Thema für die Beschäftigten und eine zentrale Variable für die Arbeitswelt von morgen bleibt“.

Insgesamt gebe es in Deutschland durchaus eine Entwicklung zu sinkenden Arbeitszeiten. Diese „verläuft aber nicht erdrutschartig, sondern langsam“.  

Seine Empfehlung für die Zukunft: eine flexible „X-Tage-Woche“, bei der Beschäftigte und Arbeitgeber je nach individueller Lebenslage differenzierte Arbeitszeiten vereinbaren – was auch eine höhere Wochenstundenzahl als heute beinhalten könnte.

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