WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Gastbeitrag Neue Arbeitswelt: Wer gewinnt, wer verliert

Welche Jobs übernimmt künftig Kollege Roboter – und was bleibt dann noch für den Menschen? Quelle: Getty Images

Ist die Digitalisierung ein Segen – oder ein Jobkiller und Katalysator für steigende Ungleichheit? Ein Beitrag von Ökonomie-Nobelpreisträger Christopher Pissarides exklusiv für die Wirtschaftswoche.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Christopher Pissarides ist Wirtschaftsnobelpreisträger und Professor an der London School of Economics.

Es ist eine alte und seit jeher kontrovers diskutierte Frage: Ist der Fortschritt ein Jobkiller? Von den Ludditen des frühen 19. Jahrhunderts bis hin zu berühmten Ökonomen wie John Maynard Keynes und Wassily Leontief hat das Phänomen der Automatisierung viele Sorgen ausgelöst. Keynes und Leontief bezweifelten, dass für die Menschen genug Arbeitsplätze übrig bleiben würden.

Angesichts des aktuell hohen Automatisierungstempos teilen viele heutige Ökonomen das Unbehagen der großen Denker von damals. Es geht um drei entscheidende Fragen: Wird es künftig noch genug Arbeitsplätze geben? Wo werden sich diese Jobs befinden? Und wird die Entlohnung hoch genug sein, um einen Anstieg von Armut und Ungleichheit zu verhindern?

Wirtschaftsnobelpreisträger Christopher Pissarides Quelle: imago images

Die Antwort auf die erste Frage ist eindeutig. Die Geschichte zeigt, dass technologische Innovationen, die Arbeitskräfte ersetzen, nicht zu langfristigen Veränderungen der Beschäftigungs- und Arbeitslosenquoten in Industrieländern führen. Keynes sprach von „technischer Arbeitslosigkeit”. Als es etwa in Großbritannien in den 1920er Jahren und in der Zeit der Großen Depression zu einem Niedergang der Kohleindustrie kam, war einer der Hauptgründe für steigende Arbeitslosigkeit die Konkurrenz aus Deutschland und den USA. Die Qualifikationen der Arbeiter und ihr geografischer Standort ließen ihren raschen Einsatz anderswo in der Wirtschaft nicht zu. Doch dies war eine Übergangsphase und ging vorüber.

Die Angst vor technischer Arbeitslosigkeit existiert bis heute, weil nicht klar ist, wieviel neue Arbeitsplätze durch technologischen Fortschritt entstehen. Mittlerweile gibt es aber reichlich Beweise, dass menschlicher Einfallsreichtum per se eine Quelle neuer Arbeitsplätze darstellt. Als Keynes seine Schriften verfasste, waren in Großbritannien und den USA etwa 40 Prozent der Arbeitskräfte im Dienstleistungssektor beschäftigt. Sektoren wie Gesundheit, Pflege, Tourismus- und Gastgewerbe waren winzig. Heute sind in diesen Bereichen mehr Menschen beschäftigt als in der Fertigung. John F. Kennedy formulierte es so: „Wenn die Menschen über das Talent verfügen, neue Maschinen zu erfinden, die Menschen arbeitslos machen, dann haben sie auch das Talent, diesen Menschen neue Arbeit zu geben.“

Das Problem der Digitalisierung besteht nicht darin, dass diese zu wenig Arbeitsplätze schafft – sondern dass zu wenige Arbeitskräfte über die Kompetenzen verfügen, diese Arbeitsplätze zu besetzen. Ebenso wie manche Jobs von neuen Technologien profitieren und andere dadurch hinfällig werden, steigen auch manche Qualifikationen im Wert, während andere leicht zu ersetzen sind. Das Automobil steigerte den Wert technischer Qualifikationen und ließ den Marktwert von Fähigkeiten in der Pferdezucht sinken. Pferdezüchter mussten sich neue Kompetenzen aneignen, um weiterhin über ein Einkommen zu verfügen.

Bei den Arbeitsplätzen, die in den frühen Stadien der Robotik und der künstlichen Intelligenz bedroht waren, handelte es sich um Routinejobs oder Aufgaben im Bereich der Datenverarbeitung. Der Güterumschlag in Lagerhäusern oder die Verladung landwirtschaftlicher Erzeugnisse auf Lastwagen war leicht zu mechanisieren. Aufgaben in der Datenverarbeitung waren mit KI-Software zu erledigen und ein Rechtsassistent, der Gerichtsakten nach relevanten Präzedenzfällen durchsuchte, konnte durch eine Suchmaschine und ein paar Schlüsselwörter ersetzt werden.

Folge war eine Polarisierung in der Arbeitswelt. Dabei standen die Arbeitskräfte vor der Herausforderung, entweder in Jobs zu wechseln, die eine Ergänzung der neuen Technologien darstellten (etwa Computer-Programmierung oder Robotik). Oder sie wechselten in Berufe, die nicht durch Computer ersetzt werden konnten (etwa Unternehmensberatung und Pflege). Diese neuen Jobs erforderten entweder höhere Qualifikationen und waren besser bezahlt als Routinejobs. Oder es handelte sich um schlechter bezahlte Arbeit mit geringeren Anforderungen an die Qualifikation. Das führte zu einer Aushöhlung der Mitte in der Einkommensverteilung.

Die dritte Frage zur Ungleichheit ist schwieriger zu beantworten. Die Ökonomie liefert zwar eindeutige Antworten auf Fragen zur Effizienz der Arbeitsmärkte. Bei der Frage der Ungleichheit geht es hingegen zum Teil um politische Entscheidungen. Die sektorale Ausrichtung der neuen Technologien bedeutet, dass die Ungleichheit typischerweise steigt, wenn diese Technologien verfügbar werden. Wem es gelingt, sie zu seinem Vorteil zu nutzen, kann mit höheren Belohnungen rechnen als die anderen Arbeitskräfte.

Die Schlüsselfrage sollte jedoch nicht lauten, ob manche Menschen sehr reich werden, sondern ob die Löhne von Menschen mit geringerer Qualifikation hoch genug sind, um Armut zu vermeiden. Das hängt teilweise von der Unternehmenspolitik ab. Im digitalen Zeitalter haben Unternehmen die Wahl: Sie können Technologie einsetzen, um Arbeit durch Kapital zu ersetzen und die Löhne niedrig zu halten. Oder sie setzen Technologie mit Blick auf längerfristige Gewinne zum Wohle ihrer Mitarbeiter ein. In letzterem Fall profitieren Arbeitnehmer stärker von der neuen Technologie, nicht unbedingt nur durch höhere Löhne, sondern auch durch bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.

Was wir nun brauchen, sind Bildungssysteme, die anstelle einer frühzeitigen Spezialisierung ein breites Spektrum an Kompetenzen vermitteln. Wir brauchen flexible Arbeitsmärkte mit guten Umschulungsmöglichkeiten. Und wir brauchen den Zugang zu Finanzierungen für Start-ups – denn diese können in der New Economy einige der Arbeitskräfte anstellen, die davor ihren Job verloren haben.

Wenn die neuen Technologien zwar die wirtschaftliche Ungleichheit, aber nicht die Armut ansteigen lassen, ist es eine gesellschaftliche Entscheidung, wie man damit umgeht. Die Abneigung gegen Ungleichheit ist in europäischen Ländern stärker ausgeprägt als in den Vereinigten Staaten, und es gibt eine Vielzahl von Umverteilungsprogrammen, um Ungleichheit zu verringern. Ungeachtet der Einstellung einer Gesellschaft zur Ungleichheit, gilt es, Löhne zu vermeiden, die die Menschen in die Armut (oder Beinahe-Armut) abgleiten lassen. Ein verpflichtender Mindestlohn oder Steueranreize für Unternehmer zur Erhöhung der Löhne könnten notwendig sein.

Schließlich geht es bei technologischer Innovation nicht darum, den Menschen einen Grund zu geben, sich ihr zu widersetzen.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%