Geldpolitik: Vorsicht vor zu schnellen Zinssenkungen!

Christine Lagarde nach dem EZB-Entscheid.
Foto: imago imagesÜberraschungen gehen anders. Der Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag, die Leitzinsen um 25 Basispunkte zu senken, war von den Finanzmärkten weitestgehend erwartet worden. Zwar waren die meisten Analysten (und wohl auch die meisten Notenbanker) nach der Leitzinssenkung im September zunächst davon ausgegangen, dass der nächste Zinsschritt erst im Dezember erfolgen werde.
Doch dann prasselten schlechte Nachrichten von der Konjunkturfront auf die Euro-Notenbanker nieder. Wichtige Stimmungsindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes und der Ifo-Geschäftsklimaindex brachen ein. Die Hoffnungen auf einen exportgetriebenen Aufschwung verflüchtigten sich vor dem Hintergrund der immer deutlicher hervortretenden Wachstumsschwäche Chinas. Zudem hielten sich die Konsumenten, anders als erhofft, mit dem Geldausgeben zurück.
Dazu kam, dass die Teuerungsraten in der Währungsunion schneller und kräftiger sanken als die Notenbanker erhofft hatten. Aktuell liegt die Inflationsrate mit 1,7 Prozent deutlich unter der Zielmarke der EZB von 2,0 Prozent.
Konjunktursorgen verdrängen Inflationssorgen
Dadurch drehte sich die Stimmung unter den Frankfurter Notenbankern. Nicht mehr die Inflation, sondern die Konjunktur steht jetzt ganz oben auf ihrer Sorgenliste. Auch wenn EZB-Chefin Christine Lagarde in der Pressekonferenz erklärte, die Konjunktur sei für die Notenbanker nur im Hinblick auf deren Folgen für die Inflation von Interesse, dürften tatsächlich auch die fiskalischen Folgen der schwachen Konjunktur eine Rolle im Denken der Notenbanker spielen. Denn je schwächer die Wirtschaft wächst, desto spärlicher sprudeln die Steuerquellen der Finanzminister. Weitere Löcher in den Budgets lassen die ohnehin schon hohen Staatsschulden und damit die Finanzierungsschwierigkeiten der Regierungen steigen.
Und so signalisierten die Notenbanker der Öffentlichkeit und den Finanzmärkten in zahlreichen Reden in den vergangenen Wochen, dass sie mit dem nächsten Zinsschritt nicht bis Dezember zu warten gedenken.
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Allerdings stellt sich die Frage, ob die Zinssenkung heute wirklich drängte. So ist es nicht die Aufgabe der EZB, die Konjunktur in der Eurozone zu stützen. Zumal ein nachhaltiger Rückgang der Inflation ohne eine ausgeprägte konjunkturelle Schwäche nicht zu erreichen ist. Zudem ist die Gefahr groß, dass die hochverschuldeten Länder rasche Zinssenkungen als Einladung missverstehen, es mit der erforderlichen Sanierung der Staatshaushalte nicht so ernst zu nehmen. Die zurückliegenden Nullzinsjahre sollten der EZB gezeigt haben, dass ihre Hoffnung, die Regierungen würden die Atempause bei den Zinsen zur Konsolidierung nutzen, auf Sand gebaut war.
Der Inflation das Genick brechen
Lagarde hat in der Pressekonferenz erklärt, die Notenbank habe der Inflation „noch nicht das Genick gebrochen“, sei aber auf dem Weg dorthin. Vor diesem Hintergrund wäre es ein Fehler, ruhte sie sich darauf aus, dass die Teuerungsrate kurzfristig unter die Marke von 2,0 Prozent gerutscht ist. Denn ohne den deutlichen Rückgang der Preise für Energie, die aktuell 6,1 Prozent unter ihrem Vorjahresniveau liegen, wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Die Richtung der Energiepreise aber kann sich angesichts des volatilen geopolitischen Umfelds (Stichwort Nahost-Konflikt) schnell ändern.
Relevante Orientierungsgröße für die EZB sollte in diesen Zeiten daher der unterliegende Preisauftrieb sein, wie er sich in der Kernrate (ohne Energie- und Nahrungsmittel) zeigt. Diese fällt mit 2,7 Prozent nach wie vor zu hoch aus. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern. Denn die Löhne in der Eurozone steigen mit einer Rate von 4,5 Prozent noch immer schneller als es mit dem Inflationsziel der EZB von 2,0 Prozent vereinbar ist.
Vor allem im Dienstleistungssektor, wo die Löhne die dominierende Kostenkomponente darstellen, ist der Preisauftrieb mit 3,9 Prozent weiterhin zu hoch. Die anhaltende Knappheit an Arbeitskräften droht den Lohn- und Preisdruck in diesem wichtigen Teil der Wirtschaft weiter hochzuhalten.
Statt sich von schlechten Konjunkturdaten kirre machen zu lassen und die Zinsen überstürzt zu senken, sollte die EZB in den nächsten Monaten Vorsicht walten lassen. Beschleunigt sich die Inflation durch ein allzu schnelles Drehen an der Zinsschraube wieder, wäre die Reputation der Notenbanker dahin und die Inflationserwartungen der Arbeitnehmer und der Unternehmer schössen nach oben. Der Kampf gegen die Inflation, den die EZB zu führen vorgibt, wäre dann verloren.
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