Konjunkturforschung: Wachstum gibt’s erst wieder, wenn die Kauflust zurückkehrt

Der Konjunturverlauf steht und fällt auch mit der Konsumlaune.
Foto: imago imagesDie Entwicklung des riesigen, ungezählten Einflüssen ausgesetzten und gerade ziemlich ächzenden Apparates namens deutsche Volkswirtschaft auf eine Nachkommastelle genau vorherzusagen, ist keine leichte Sache. Trotzdem ist es erstaunlich, wie sehr die Konjunkturforscher seit nun mehreren Gutachten konstant daneben liegen.
Im September 2022 waren die Ökonomen für dieses Jahr noch von einem Wachstum der Wirtschaft von 1,9 Prozent ausgegangen. Seitdem ging es immer weiter runter: Von 1,5 auf 1,3, dann auf 0,1 Prozent – heute steht in der Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute eine erneute Korrektur. Minus 0,1 Prozent. Zwei Jahre hintereinander werden wir schrumpfen.
Wo haben sich die Konjunkturforscher geirrt? Punkt eins: „Die privaten Ausrüstungsinvestitionen befinden sich seit vier Quartalen im freien Fall“, steht in der jüngsten Prognose. Übersetzt heißt das: Unternehmen kaufen keine Maschinen, Geräte, Fahrzeuge mehr. Im zweiten Quartal ist der Beitrag dieser Investitionen zur Wirtschaftsleistung um 4,1 Prozent gefallen. Das haben die Forscher in diesem Ausmaß nicht vorausgesehen.
Punkt zwei: Auch die Haushalte kaufen nicht genug. Sie halten ihr Geld beisammen, geben die gestiegenen Reallöhne nicht aus und bremsen dadurch den Konsum. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ergibt das wenig Sinn, warum sollten die Menschen Einkommenszuwächse nicht ausgeben oder investieren?
Der Grund ist ein privater: Die hohe wirtschaftspolitische Unsicherheit. Und jetzt kommt auch noch die sich langsam regende Sorge vor dem Arbeitsplatzverlust dazu. Diese Unwägbarkeiten (Stichwort E-Auto-Förderung, Industriestrompreis, Haushaltsstreit) lassen sich in den Modellen nicht gut abbilden. Deswegen ist noch nicht ausgemacht, ob sich der Mini-Aufschwung von 0,8 Prozent im nächsten Jahr wirklich materialisiert. Oder ob schon bald die nächste Korrektur der Korrektur anfällt.
Damit es nicht so endet, bräuchte es klare Ansagen seitens der Bundesregierung. Ihre Maßnahmen für mehr Wachstum waren in Teilen zu unkonkret, als dass die Ökonomen ihre Wirkung in die Prognose aufnehmen konnten. Ein dicker Impuls wird das Paket nicht. Es bräuchte zudem weitere Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank, wovon immerhin auszugehen ist.
Die Ökonomen erwarten eine Absenkung der Leitzinsen auf 2,25 Prozent bis zum Sommer 2025. Auch eine Inflation um die zwei Prozent wirkt in diesen Zeiten stabilisierend. Der Konsum muss anziehen, die Lust am Geldausgeben zurückkehren, wenn die Konjunktur wieder Sprünge machen soll.
Und es bräuchte die Flucht nach vorne, mehr Innovation. Und die ist tatsächlich absehbar, schreiben die Autoren: Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind im zweiten Quartal stark gestiegen. „Anders als bei Maschinen und Geräten wachsen hier die Ausgaben im Trend kräftig.“
Es gibt sie also, die Hoffnungsschimmer.
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