WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Konjunkturrisiken „Chicken Games“ für die Weltwirtschaft

Chinas Präsident Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump Quelle: imago images

USA gegen China, USA gegen Iran, Großbritannien gegen EU, Argentinien gegen den IWF: Vier strategische und ökonomische Großkonflikte könnten am Ende die gesamte Weltwirtschaft nach unten ziehen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Im klassischen „Chicken Game“ der Spieltheorie rasen zwei Fahrer direkt aufeinander zu. Wer als erstes ausweicht, ist der Verlierer; weicht keiner aus, sterben wahrscheinlich beide. In der Vergangenheit untersuchte man derartige Szenarien, um die Risiken im Zusammenhang mit den Rivalitäten unter den Großmächten einzuschätzen. Im Falle der Kuba-Krise beispielsweise standen die sowjetische und amerikanische Führung vor der Wahl, entweder das Gesicht zu verlieren oder eine katastrophale Kollision zu riskieren. Die Frage lautet stets, ob ein für beide Seiten gesichtswahrender Kompromiss erzielt werden kann.

Derzeit sind auf der Welt gleich mehrere geoökonomische Feiglingsspiele im Gange. In jedem davon käme es ohne Kompromisse zu einer Kollision, höchstwahrscheinlich gefolgt von einer weltweiten Rezession und Finanzkrise. Die erste und wichtigste Auseinandersetzung spielt sich zwischen den Vereinigten Staaten und China in den Bereichen Handel und Technologie ab. Im zweiten Fall handelt es sich um den Konflikt zwischen den USA und dem Iran. In Europa haben wir es mit einer eskalierenden Politik am Rande des Abgrunds zwischen dem britischen Premierminister Boris Johnson und der Europäischen Union rund um den Brexit zu tun. Und schließlich ist da noch Argentinien, das nach dem voraussichtlichen Sieg des Peronisten Alberto Fernández bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Monat auf Kollisionskurs mit dem Internationalen Währungsfonds geraten könnte.

Nouriel Roubini ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stern School of Business der New York University sowie CEO von Roubini Macro Associates. Er zählt zu den bekanntesten US-Ökonomen und schreibt ab sofort exklusiv für die WirtschaftsWoche. Quelle: imago images

Die vier Konfliktfelder: USA, China, Iran, Europa

Ein umfassender Handels-, Währungs-, Technologie- und Kalter Krieg zwischen den USA und China würde den gegenwärtigen Abschwung in der verarbeitenden Industrie, im Handel und bei den Investitionen auch in die Bereiche Dienstleistungen und privater Verbrauch ausweiten und die US-Wirtschaft sowie andere große Ökonomien in eine schwere Rezession kippen. In ähnlicher Weise würde ein militärischer Konflikt zwischen den USA und dem Iran die Ölpreise auf über 100 US-Dollar pro Fass treiben und eine Stagflation (Rezession mit steigender Inflation) auslösen. So geschah es im Jahr 1973 während des Jom-Kippur-Krieges, im Jahr 1979 nach der Iranischen Revolution und 1990 nach der Invasion des Irak in Kuwait.

Eine Eskalation aufgrund des Brexits wäre an sich noch kein Grund für eine weltweite Rezession, würde aber in Europa wohl eine derartige Entwicklung zur Folge haben - die dann auf andere Ökonomien übergreifen könnte. Die gängige Meinung lautet zwar, dass ein „harter“ Brexit zu einer schweren Rezession im Vereinigten Königreich führen würde, nicht jedoch in Europa, da Großbritannien stärker auf den Handel mit der EU angewiesen ist als umgekehrt. Doch diese Sichtweise ist naiv. Die Eurozone leidet bereits unter einem deutlichen Abschwung und befindet sich in den Fängen einer Rezession der verarbeitenden Industrie. Die Niederlande, Belgien, Irland und - das sich einer Rezession nähernde - Deutschland sind stark auf den britischen Exportmarkt angewiesen. Da das Geschäftsklima in der Eurozone ohnehin belastet ist, wäre ein chaotischer Brexit der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Man stelle sich die Warteschlangen aus tausenden LKW und Autos vor, die in Dover und Calais auf die Erledigung der neuen Zollformalitäten warten! Darüber hinaus hätte eine europäische Rezession Folgewirkungen, die das weltweite Wachstum untergraben und möglicherweise eine Risk-Off-Phase auslösen würden. Eine derartige Rezession könnte sogar zu neuen Währungskriegen führen, wenn der Kurs von Euro und Pfund gegenüber anderen Währungen (nicht zuletzt dem US-Dollar) zu stark fiele.

Eine Krise in Argentinien könnte ebenfalls weltweite Folgen nach sich ziehen. Sollte Fernández Präsident Mauricio Macri besiegen und anschließend das 57 Milliarden Dollar umfassende IWF-Programm des Landes über Bord werfen, wäre es möglich, dass sich Währungskrise und der Zahlungsausfall von 2001 wiederholen. Dies könnte zu einer Kapitalflucht aus Schwellenländern im Allgemeinen führen und in der hochverschuldeten Türkei sowie in Venezuela, Pakistan und im Libanon möglicherweise Krisen auslösen. Auch die Lage in Indien, Südafrika, China, Brasilien, Mexiko und Ecuador dürfte sich weiter verschärfen.

Keiner will der „Feigling“ sein

In allen diesen Konflikten wollen beide Seiten ihr Gesicht wahren. US-Präsident Donald Trump möchte ein Abkommen mit China, um die Wirtschaft und die Märkte vor seiner erneuten Kandidatur 2020 zu stabilisieren. Der chinesische Präsident Xi Jinping möchte ebenfalls eine Vereinbarung, um Chinas Abschwung zu bremsen. Hingegen keiner will der „Feigling“ im „Chicken Game“ sein, denn das würde die jeweilige innenpolitische Position untergraben und die andere Seite stärken. Ohne Abkommen bis Jahresende ist eine Kollision wahrscheinlich. Je mehr Zeit verstreicht, umso wahrscheinlicher wird ein ungünstiges Ergebnis.

In ähnlicher Weise dachte Trump, er könne den Iran schikanieren, indem er harte Sanktionen über das Land verhängt. Doch die Iraner wissen, dass sich Trump einen umfassenden Krieg und einen daraus resultierenden Ölpreisanstieg nicht leisten kann. Außerdem will der Iran bis zur Aufhebung einiger Sanktionen nicht in Verhandlungen eintreten, die Trump einen Fototermin verschaffen würden. Da beide Seiten nur ungern als erste nachgeben wollen – und die Trump-Administration außerdem von Saudi-Arabien und Israel angestachelt wird – steigt auch hier die Gefahr einer Kollision.

Und was ist mit Großbritannien? Möglicherweise durch Trump inspiriert dachte Premier Johnson naiverweise, er könne durch die Drohung eines harten Brexit die EU nötigen, ein besseres Austrittsabkommen anzubieten, als seine Vorgängerin ausgehandelt hatte. Doch mittlerweile hat das Parlament ein Gesetz zur Verhinderung eines harten Brexits verabschiedet und Johnson spielt zwei Feiglingsspiele gleichzeitig. Ein Kompromiss mit der EU hinsichtlich des irischen „Backstop“ ist zwar noch vor dem Stichtag 31. Oktober möglich, aber auch die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit steigt.

Große Egos im Spiel mit der Weltwirtschaft

In Argentinien bringen sich derweil beide Seiten in Position. Fernández strebt ein klares Wahlmandat an und wirbt mit der Botschaft, Macri und der IWF seien für alle Probleme des Landes verantwortlich. Zieht der IWF aber die nächste Tranche in Höhe von 5,4 Milliarden US-Dollar dauerhaft zurück und beendet die Rettungsaktion, droht Argentinien der erneute finanzielle Zusammenbruch. Aber auch Fernández verfügt über Handlungsspielraum, denn Schulden im Ausmaß von 57 Milliarden Dollar stellen für jeden Gläubiger ein Problem dar. Die Fähigkeit des IWF, anderen unter Druck geratenen Ökonomien zu helfen, wäre bei einem Kollaps Argentiniens eingeschränkt.

Das Problem besteht darin, dass ein Kompromiss beide Seiten zur De-Eskalation zwingt, die taktische Logik des Feiglingsspiels jedoch verrücktes Verhalten belohnt. Schaffe ich es, die andere Seite glauben zu lassen, dass ich über kein Lenkrad mehr verfüge, hat die andere Seite keine andere Wahl als auszuweichen. Werfen aber beide Seiten ihr Lenkrad aus dem Fenster, wird eine Kollision unvermeidlich.

Die gute Nachricht lautet, dass bei den vier genannten Großkonflikten immer noch jede Seite mit der anderen spricht oder sich unter bestimmten gesichtswahrenden Bedingungen offen für den Dialog gibt. Die schlechte Nachricht ist, dass alle Seiten noch weit von einer Einigung entfernt sind. Es sind große Egos im Spiel, von denen manche womöglich eher einen Crash in Kauf nehmen, als als Feigling dazustehen.

Die Zukunft der Weltwirtschaft hängt also von vier waghalsigen Spielen ab. Und noch ist völlig unklar, wie sie ausgehen.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%