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Paul Samuelson Der Bestseller der Volkswirtschaft

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Cafeteria-Keynesianer

An der University of Chicago vermittelte man das Bild von einer Welt des stabilen Gleichgewichts, das keine Massenarbeitlosigkeit kannte - das Bild auf den Straßen sprach jedoch von etwas anderem. Quelle: dpa

Samuelson suchte in den Hörsälen am Lake Michigan nach Erklärungen für die Probleme seiner Zeit. Doch Chicago lehrte eine Welt des stabilen Gleichgewichts, die den zügigen Ausgleich von Angebot und Nachfrage predigte und keine dauerhafte Massenarbeitslosigkeit kannte. „Was man mir in Chicago beibrachte, konnte ich nicht mit dem in Übereinstimmung bringen, was ich auf den Straßen sah“, sagte er später.

Kurze Zeit darauf, 1936, veröffentlichte der britische Ökonom John Maynard Keynes seine „General Theory of Employment, Interest and Money“, die die Wirtschaftsprobleme seiner Zeit aufgriff und in eine neue Theorie integrierte. Keynes argumentierte, dass die Preise und Löhne in der Realität oft unflexibel seien. Dies verhindere den automatischen Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf den Güter- und Arbeitsmärkten und führe so zu dauerhaften Ungleichgewichten. Da der Markt sich aus Keynes’ Sicht nicht selbst korrigieren kann, forderte er einen stärkeren Staat, der über schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme den Konsum ankurbeln, die Arbeitslosigkeit zurückdrängen und so die Wirtschaft auf einen neuen Wachstumspfad führen sollte.

Literatur von und über Paul Samuelson

Kritischer Parteigänger

Das Buch schlug in Wissenschaft und Politik ein wie eine Bombe. „Mein Chicago-trainiertes Gehirn widerstand zunächst der keynesianischen Revolution. Aber die Vernunft gewann schließlich gegen Tradition und Dogma die Oberhand“, erinnerte sich Samuelson. Er wurde Keynesianer, doch anders als viele Kollegen blieb er ein kritischer Parteigänger: „Mein Keynesianismus war immer in Entwicklung – weg vom Neanderthal-Modell der Anfangszeit.“ Aufbauend auf den Arbeiten des Ökonomen John Hicks entwickelte er mit den Kollegen Modigliani, Tobin und Solow Keynes’ Modelle weiter und durchdrang sie mathematisch. In den Fünfzigerjahren mündete diese Forschung in die „Neoklassische Synthese“, die als eines der großen Verdienste Samuelsons um die Volkswirtschaftslehre gilt. Sie verbindet in dem bekannten IS-LM-Modell keynesianische und neoklassische Elemente: Auf lange Sicht befindet sich der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht, kurzfristig herrschen keynesianische Rigiditäten vor.

Die Synthese symbolisierte, wofür Samuelson zeit seines Lebens stand: einen undogmatisch-pragmatischen Ansatz, die Bereitschaft, die eigenen Erkenntnisse immer neu zu prüfen, und das Bemühen, Theorie und Wirklichkeit in Einklang zu bringen. „Ich bin ein Cafeteria-Keynesianer“, sagte er im Frühjahr 2009 dem Magazin „The Atlantic“. „Ich picke mir wie ein Cafeteria-Katholik die Teile aus der Doktrin heraus, die mir passen.“

Sein Wunsch nach Konsistenz und Klarheit ließ den jungen Wissenschaftler früh in ein für die Volkswirtschaftslehre damals kaum genutztes Terrain vorstoßen: die Mathematik. Der verbale Ausdruck in der Ökonomie – bis dahin noch allgemeiner Standard – störte ihn wegen seiner Widersprüche und Unklarheiten. Samuelson suchte nach einem klaren methodischen Fundament. In Harvard, wo er nach 1935 sein Studium als Graduierter fortsetzte, durchforstete er auf eigene Faust die Bibliotheken nach „brauchbarer Mathematik“. In den Vorlesungen fiel er durch kluge und nicht selten besserwisserische Kritik an seinen Dozenten auf. Schnell hatte er in Harvard den Ruf eines hochbegabten „Enfant terrible“ weg.

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