Tarifpolitik: Die EZB kann sich nach dem Metallabschluss nicht entspannt zurücklehnen

Am Ende ging es ganz schnell. Nach zwölfstündigen Verhandlungen einigten sich die Tarifparteien in der Metall- und Elektroindustrie im Pilotbezirk Baden-Württemberg in der Nacht zum Freitag für die 3,9 Millionen Beschäftigten der Branche auf einen Tarifabschluss. Er sieht bei einer Laufzeit von 24 Monaten zum Juni nächsten Jahres Lohnerhöhungen um 5,2 Prozent vor. Ab Mai 2024 gibt es ein weiteres Plus von 3,3 Prozent. Hinzu kommen steuerfreie Einmalzahlungen von insgesamt 3000 Euro.
Kumuliert über zwei Jahre steigen die Tariflöhne damit um 8,5 Prozent. Für einen Facharbeiter bedeute das rund 7000 Euro mehr auf dem Konto, sagt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. 3000 Euro davon fließen steuerfrei. Auch wenn das Lohnplus im nächsten Jahr nicht reicht, den erwarteten Anstieg der Lebenshaltungskosten von sieben bis acht Prozent auszugleichen, stellt es für die Betriebe der Branche doch einen kräftigen Kostenschub dar.
Dass die Arbeitgeber trotzdem ihre Unterschrift unter den Tarifvertrag setzten, dürfte nicht zuletzt an den hohen Auftragsbeständen liegen, die es in den nächsten Monaten abzuarbeiten gilt. Ein längerer Streik wäre in der ohnehin angespannten Situation kontraproduktiv gewesen. Zudem spiegelt der hohe Lohnabschluss die sich rapide wandelnden Kräfteverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt wider. Die demografische Entwicklung macht den Faktor Arbeit zu einem immer knapperen Gut und verleiht den Gewerkschaften wachsende Verhandlungsmacht.
Der Druck auf die Gewinnspannen wächst
Mit fünf und drei Prozent dürfte das vereinbarte Lohnplus für die beiden nächsten Jahre den Produktivitätszuwachs im Schnitt der Metallbetriebe deutlich übersteigen. Die Lohnstückkosten werden mithin kräftig zulegen. Die Gewinnspannen der Betriebe, die wegen des Höhenflugs der Energie- und Rohstoffkosten ohnehin mächtig unter Druck stehen, dürften weiter schrumpfen. Die Unternehmen werden deshalb versuchen, ihre Absatzpreise anzuheben. Auch wenn die Lohnzuwächse für 2023 und 2024 degressiv gestaltet sind, ist die Gefahr, dass sich Preise und Löhne gegenseitig hochschaukeln, daher noch längst nicht gebannt.
Viel wird davon abhängen, wie die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert. Sie muss die Zinsen weiter anheben und die Geldversorgung der Wirtschaft zurückfahren und damit die Preiserhöhungsspielräume der Unternehmen begrenzen, will sie die Inflation besiegen. Das geht zulasten der Investitions- und Beschäftigungsbereitschaft der Betriebe und dürfte die Wirtschaft nach Lage der Dinge in die Rezession treiben. Auch bei der Wiedergewinnung der Preisstabilität gilt: There is no such thing like a free lunch – es gibt auf dieser Welt nichts umsonst.
Lehnt sich die EZB angesichts des degressiven Verlaufs der vereinbarten Lohnzuwächse in der Metallindustrie entspannt zurück und stoppt im Vertrauen auf einen nachlassenden Lohnkostendruck den aktuellen Zinserhöhungszyklus zu früh, werden die Inflationserwartungen und mit ihnen die Löhne in der nächsten Tarifrunde kräftig in die Höhe schießen. Die Aussicht auf eine Rückkehr zu stabilen Preisen tendierte dann gen null.
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