Wirtschaftskrisen: Sechs Rezepte für den Aufschwung
Ein Spekulant hat am Schwarzen Freitag in New York sein Geld verloren und bietet nun sein Auto für 100 Dollar zum Verkauf an.
Foto: dpa Picture-AllianceFür Ben Bernanke ist die Sache klar: „Die Große Depression zu verstehen, ist der Heilige Gral der Makroökonomie“, sagt der renommierte US-Ökonom und langjährige Präsident der amerikanische Notenbank. Die Megakrise der Dreißigerjahre, ausgelöst 1929 durch den „Schwarzen Freitag“ an der Börse, gilt seit jeher als perfektes Anschauungsmaterial für Wirtschaftswissenschaftler, wie ökonomische Krisen entstehen, verlaufen, enden – und welche kleinen und großen Fehler die Politik dabei machen kann.
Die deutschen Wissenschaftler Werner Plumpe und Dominik Enste sind jetzt einen Schritt weiter gegangen. In einer noch unveröffentlichten Studie, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, haben sie die großen Wirtschaftskrisen der vergangenen 200 Jahre nach Entstehungsgründen, Parallelen und Unterschieden durchforstet – gerade mit Blick auf die jeweiligen staatlichen Antikrisen-Strategien. In die Analyse eingeflossen sind nicht nur die Weltwirtschaftskrise in der Mitte des 19. Jahrhunderts und der „Gründerkrach“ von 1873, sondern auch die konjunkturellen Verwerfungen der 1970er-Jahre, die globale Finanzkrise ab 2007 und das jüngste Ungemach rund um Pandemie, Ukrainekrieg und Energieangst.
Plumpe ist emeritierter Wirtschaftshistoriker von der Universität Frankfurt, Enste ist Professor für Institutionenökonomik und Wirtschaftsethik an der TH Köln sowie Leiter des Clusters Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik am Institut der deutschen Wirtschaft. Auftraggeber der Studie war das von den bayrischen Arbeitgeberverbänden getragene Roman-Herzog-Institut, das sich als Think Tank für ökonomische Zukunftsfragen und strategische Führung versteht.
„In historischer Perspektive besaß die deutsche Wirtschaft erstaunliche Fähigkeiten, Krisen, Rückschläge, ja Katastrophen zu überwinden“, schreiben die – liberalen – Autoren. Sie identifizieren in der historischen Rückschau sechs Merkmale für erfolgreiche Aufschwünge, um aus einem ökonomischen Tal der Tränen wieder aufzusteigen. Dies sind: eine niedrige Staatsquote, ein ausreichendes und ausreichend qualifiziertes Arbeitskräftepotenzial, wettbewerbsfähige Löhne, der Zugang zu Hochtechnologie, ein verlässlicher institutioneller Rahmen sowie eine funktionierende weltwirtschaftliche Arbeitsteilung.
Allerdings haben viele dieser Faktoren in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten an Strahlraft verloren. Bei den Krisen der Gegenwart warnen die Studienautoren gar vor „krisenpolitischen Sackgassen“ – und meinen damit vor allem den schier unaufhaltsamen Vormarsch des Staates, gepaart mit ständig wachsenden Schulden. „Anders als viele glaubten (und noch glauben) sind Schulden kein Phänomen der Krisenüberwindung, sondern ein veritables Krisensymptom“, schreiben Plumpe und Enste. „Der Versuch, die multiplen Krisen durch ein Mehr an Verschuldung zu lösen, setzt auf zahlreiche Hoffnungen, aber auf wenig gesicherte historische Erfahrung.“
Ein Blick zurück: Im Jahr 1914 hatten die Staatsausgaben in Deutschland einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt von gerade mal 15 Prozent. Doch im Laufe der Jahrzehnte ging es steil nach oben – von immer noch moderaten 25 bis 30 Prozent in den Jahren zwischen 1950 und 1970 auf Werte weit über 40 Prozent nach der Jahrtausendwende. Der Rekordwert wurde mit 51,3 Prozent im Pandemiejahr 2021 erreicht. Aktuell liegt die deutsche Staatsquote bei knapp 48 Prozent. Zum Vergleich: In Irland sind es laut Studie schlanke 20 Prozent, im finanziell maladen Frankreich abenteuerliche 57 Prozent.
Für den Vorstandsvorsitzenden des Herzog-Instituts, Randolf Rodenstock, unterstreicht die Studie vor allem die Bedeutung von finanziellen Spielräumen in Krisenzeiten, die es durch finanzpolitische Solidität zu schaffen gelte: „Eine weitere Ausweitung von staatlichen Interventionen treibt die Schulden in die Höhe und schränkt unsere wirtschaftspolitischen Möglichkeiten immer mehr ein“, warnt Rodenstock.
Doch so viel die Politik auch falsch macht und so unruhig die Zeiten auch sein mögen: Die Studie von Enste und Plumpe hat auch eine tröstliche Botschaft für uns parat. Trotz aller Wirtschaftskrisen seit 1850 hat sich unser Wohlstand seither mehr als verzehnfacht. Die Botschaft an die Politik: "Ein Blick in die Geschichte und auf die Erfolge und Misserfolge staatlicher Eingriffe lehrt uns, dass eine gute Ordnungspolitik letztlich die beste Krisenpolitik ist."
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