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Wirtschaftswissenschaft Abrechnung mit dem Homo oeconomicus

Seite 3/5

Neue Öffnung

Blase geplatz

Die Verhaltensökonomen wollen das Fach nun wieder öffnen. Ziel ist es, psychologische Elemente menschlichen Verhaltens in die neoklassischen Standardmodelle zu integrieren, um deren Aussagekraft und praktische Relevanz zu erhöhen. Shiller sagt, seine Frau Virginia, mit der er seit mehr als 30 Jahren verheiratet ist, habe ihn immer wieder motiviert, in diese Richtung zu denken. Sie lehrt und forscht als klinische Psychologin in Yale.

Als Eisbrecher der Verhaltensökonomie etablierte sich in den Siebzigerjahren der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman. Gemeinsam mit seinem Kollegen Amos Tversky veröffentlichte er 1979 in der Fachzeitschrift „Econometrica“ – einer der angesehensten und zugleich mathematischsten Publikationen der VWL – einen Aufsatz mit dem Titel „Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk“. Kahneman und Tversky hatten ein Modell menschlicher Entscheidung entwickelt, das den Umgang mit Risiko neu erklärte. Die neoklassische Theorie geht nach dem Erwartungsnutzenkonzept davon aus, dass Menschen alle Optionen und Ergebnisse kennen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Sie multiplizieren den Ergebnisnutzen mit den Wahrscheinlichkeiten der Optionen und erhalten so ihr Ergebnis. Kahneman wandte hingegen das Prinzip der Verlustaversion (loss aversion) an: Menschen gewichten erwartete Verluste stärker als Gewinne in gleicher Höhe und erzielen damit ganz andere Nutzenwerte. Der Aufsatz sorgte für viel Aufsehen und ist bis heute einer der meistzitierten Texte des Journals geblieben. Gut 30 Jahre später – Tversky war schon gestorben – erhielt Kahneman 2002 für seine Arbeiten den Wirtschafts-Nobelpreis.

Nicht nur rationale Entscheidungsgründe

Kahnemans Erfolg beflügelte das Feld. Neue Konzepte der Präferenzbildung rückten ins Blickfeld. In Experimenten stellte sich heraus, dass Menschen ihre Entscheidungen auch danach treffen, in welcher Reihenfolge und mit welchen Worten ihnen die Alternativen präsentiert werden (framing). Sie tendieren dazu, sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen (overconfidence) und können sich kaum vorstellen, dass andere weniger wissen als sie selbst (curse of knowledge). Menschen, so die Verhaltensökonomen, zeigen zudem einen „wishful thinking bias“, der sie glauben lässt, was sie glauben wollen; und sie lassen sich von Informationen, die ihnen einfacher zugänglich sind, stärker beeinflussen (availability bias). All dies führt zu systematischen Abweichungen vom klassisch-rationalen Verhalten.

Mittlerweile hat auch die Politik den Ball aufgenommen. US-Präsident Barack Obama lässt sich von Cass Sunstein, einem Harvard-Juristen und Anhänger der Verhaltensökonomie beraten. Der britische Premier David Cameron hat ein ganzes „Behavioral Insight Team“ gegründet. Die Regierungsberater setzen sich für einen liberalen Paternalismus in der Wirtschaftspolitik ein: Da Menschen sich oft suboptimal verhalten, muss man ihnen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Sunstein und der Chicagoer Ökonom Richard Thaler haben dazu in ihrem aktuellen Buch „Nudge“ eine Menge praktischer Vorschläge geliefert: Wer will, dass Menschen sich tagsüber gesund ernähren, sollte in einer öffentlichen Kantine den Salat vor den Pommes frites platzieren.

Ökonomischer Herdentrieb

Shiller übertrug die Erkenntnisse seiner Kollegen auf das Feld der Behavioral Finance – er studierte die Verhaltensökonomie der Finanzmärkte. Bereits 1981 veröffentlichte er als junger Professor in der „American Economic Review“ einen Aufsatz mit dem Titel: „Do stock prices move too much to be justified by subsequent changes in dividends?“, in dem er die Effizienzmarkthypothese anzweifelte – damals eine Provokation. Im März 2000, fast zeitgleich mit dem Platzen der Dotcom-Blase an den Aktienmärkten, kam sein Buch „Irrational Exuberance“ auf den Mark. Der Yale-Professor erklärte, warum Finanzmärkte immer wieder übertreiben und sich in einen „irrationalen Überschwang“ hineinsteigern.

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