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Blick hinter die Zahlen #32  –  Impfen Was das Verhalten bei Grippe-Impfungen über Corona verrät

Die Zahl der Impfungen gegen Grippe und Masern gibt einen Hinweis, wie es die Deutschen mit einem Schutz gegen das Coronavirus halten würden.

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Die ganze Welt scheint derzeit nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus zu forschen. Die Hoffnung: Mit diesem Schutz könnte das Leben wieder so normal werden, ohne Einschränkungen, wie vor der Pandemie. Doch würden die Menschen tatsächlich dem Rat der Ärzte folgen? Für Mediziner ist die Sache klar: Impfen hilft und hat nur in sehr seltenen Fällen ernste Nebenwirkungen.

Die Immunisierung durch abgeschwächte Erreger schützt einzelne schon als Kinder vor gefährlichen übertragbaren Krankheiten wie Masern, Mumps, Röteln und Hepatitis oder auch Diphterie und Tetanus. Wenn sich genug Menschen impfen lassen, schützen sie auch andere, die vielleicht wegen eines schwachen Immunsystems selbst keine Impfung bekommen sollen.

Bei der Polio-Lähmung gelang es sogar, durchs Impfen die Krankheit weltweit auszurotten. Fachleute nehmen an, dass für einen solchen Erfolg 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen. Würden sich so viele Menschen gegen Covid-19 impfen lassen? Dazu hilft ein Blick auf die Masern und die Influenza. Gegen die Kinderkrankheit soll nach den Empfehlungen der Dachkommission Stiko (Ständige Impfkommission) jeder im frühen Kindesalter zweimal geimpft werden. Gegen die jährlich wechselnden Grippeerreger sollen zumindest alle geschützt werden, die Vorerkrankungen haben oder im Alter ein schwächeres Immunsystem. Beide Impfungen werden von der Krankenkasse bezahlt.

Anteil der Kinder, die zum Schulstart 2019 zwei Masernimpfungen hatten (in Prozent)

Die Ausrottung wie bei Polio sollte eigentlich auch bereits bei der teils tödlichen Kinderkrankheit Masern geschafft sein. Die Masern hinterlassen oft dauerhafte Schäden im Körper. Doch das Ziel ist weltweit noch fern und auch in Deutschland unerreicht. Nur in manchen Bundesländern lassen sich genug Menschen schützen – obwohl seit 2019 ein Masernschutzgesetz verabschiedet ist. Ab März 2020 wurde eine Impfpflicht für diejenigen eingeführt, die eine Kita oder eine Schule besuchen oder dort arbeiten.

Zurzeit fragen Lehrerinnen und Erzieher bundesweit bei ihren Schützlingen ab, ob die Kinder durch zwei Impfungen ausreichend gegen Masern geschützt sind. Damit sie weiter die Schule oder die Kindereinrichtung besuchen können, müssen die Eltern das bis Ende Juli 2021 nachweisen. Das gilt auch für Ärzte und anderes medizinisches Personal, weil diese ebenfalls mit noch ungeimpften Säuglingen oder mit immunschwachen Menschen zu tun haben.

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu lokalen Masernausbrüchen. Manchmal waren es Zuwanderer, die in ihren Herkunftsländern nicht geimpft waren und vielleicht in einer Sammelunterkunft andere ansteckten. Mal waren es Kinder, deren Eltern Gegner von Impfungen sind – sei es, weil sie die Haltung vertreten, dass ihr Kind Krankheiten durchmachen solle, um Abwehrkräfte zu entwickeln, oder weil sie Lehren jenseits der Schulmedizin folgen.

In Deutschland gibt es beim Impfen immer noch unterschiedliche Traditionen. Die Ostdeutschen lassen sich deutlich häufiger impfen als die Westdeutschen. Die größten Impfmuffel scheinen im Südwesten der Republik zu wohnen. Das lässt sich bei Kindern und ihrem Masernschutz erkennen. 2019, als schon klar war, dass eine Pflicht für alle Schüler kommen würde, erreichten nur zwei Bundesländer einen Anteil der geimpften Schulanfänger, der dafür ausreicht, die Masern auszurotten.

Impfquote der über 60-Jährigen bei Influenza in ausgewählten Bundesländern 2018/19 (in Prozent)

In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern waren nach den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) jeweils 95,5 Prozent der Schulstarter zweimal und damit ausreichend geimpft. In Baden-Württemberg, mit dem niedrigsten Wert, waren es nur 89,1 Prozent, jeweils erhoben bei der Schuleingangsuntersuchung. In ganz Deutschland war fast jeder elfte Schulanfänger nicht genug gegen Masern geschützt: 92,8 Prozent.

Die Influenza-Impfung gibt einen Hinweis darauf, wie es die Deutschen womöglich mit einem Stoff gegen Covid-19 halten würden. Es gibt Unterschiede zwischen Influenza und Covid-19: der neue Erreger scheint noch leichter über die Luft übertragbar und scheint auch nicht nur saisonal aufzutreten wie die Grippe. Zudem ist Corona noch nicht so gut erforscht.

Zahl der gemeldeten Kranken jeweils für die Kalenderwochen 1 bis 31 (Januar bis einschließlich Juli 2020)

Je nach Grippe-Virusstamm scheinen beide Krankheiten ähnlich gefährlich, und zumindest in der Zeit zwischen Januar bis einschließlich Juli 2020 erkrankten ähnlich viele nach den Zählungen des RKI durch einen der Erreger: Bei der Influenza waren es 194.415 und mit Covid-19 waren es 208.698 Menschen. Je nach Grippewelle kann die Zahl der Todesopfer stark schwanken, von mehreren hundert bis über 20.000.   

Auch bei der Influenza zeigt sich ein deutlicher Ost-West-Unterschied. Nimmt man nur die über 60-jährigen, die sich zum Beispiel 2018/2019 immunisieren ließen gegen die Influenza, lässt sich die Gruppe betrachten, die als besonders gefährdet durch die Krankheit gilt. Hier liegt Sachsen-Anhalt deutlich vorne. 62,8 Prozent der Senioren dort gingen zur Impfung, in Brandenburg 59,9 Prozent. In der Hauptstadt Berlin war es immerhin noch knapp jeder zweite der Älteren. Doch in der Zählung, die nicht für alle Bundesländer vorliegt, kamen die Bremer nur auf 41 Prozent, die Baden-Württemberger nur auf niedrige 24 Prozent.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

Logo des Statistischen Bundesamtes (Destatis)

Eine neue Studie deutet in Bezug auf Covid-19 noch etwas anderes an. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI hat jüngst eine Studie präsentiert, die mit Daten aus den Niederlanden arbeitet und dabei die Impfungen von Menschen mit deren Risikobereitschaft verglich. Das nur scheinbar widersprüchliche Ergebnis: Vor allem Vorsichtige lassen sich seltener impfen. Sie wollen auch das „Risiko“ einer Impfung meiden. Das trage bei gefährdeten Menschen, oft Älteren, die auch vorsichtig seien, eher dazu bei, dass die eine Immunisierung mieden.

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