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Blick hinter die Zahlen #51 – Silbermarkt Was Silber als Geldanlage so interessant macht

Millennials wollen den Silbermarkt leer kaufen – fast wie in den Siebzigerjahren die Brüder Nelson Bunker und Herbert Hunt. Doch wie funktioniert der Silbermarkt und warum ist Silber als Geldanlage nun wieder gefragt?

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„Der Wahnsinn geht weiter“, sagt Eugen Weinberg, Leiter des Rohstoffresearchs bei der Commerzbank mit Blick auf Millionen junger Kleinanleger, die sich weiter in Internetforen organisieren und jetzt ein neues Ziel verfolgen: Sie wollen den Silbermarkt leerkaufen, den Unzenpreis so nach oben und milliardenschwere Banken in die Enge treiben.

Das kann theoretisch gelingen, aber nicht über Terminbörsen wie die New Yorker Comex. Dort schließen professionelle Finanzanleger Wetten ab auf die zukünftige Entwicklung des Silberpreises, während sich Produzenten, Händler und Verarbeiter des Metalls absichern gegen unerwünschte Preisschwankungen. In der Regel werden virtuelle Lieferansprüche auf Silber gehandelt, nur selten wird tatsächlich ausgeliefert. Außerdem können die Börsenbetreiber jederzeit die Handelsregeln ändern.

Die CME Group, die Betreiberin der Comex, erhöhte am Dienstag vergangener Woche, nachdem der Silberpreis tags zuvor um zehn Prozent gestiegen war und erstmals seit acht Jahren an der Marke von 30 Dollar kratzte, die Sicherheitsleistung (Initial Margin), die bei Vertragsabschluss fällig wird – von 14.000 auf 16.500 Dollar pro Kontrakt. Ein Kontrakt bezieht sich auf 5000 Feinunzen. Prompt legte die Rally des Silberpreises eine Pause ein.

Nettokäufe von Barren, Münzen und Silber-ETCs

Nachhaltig bewegen lässt sich der Silberpreis nur, wenn die globale physische Nachfrage über längere Zeit spürbar zunimmt. Erst dann wirkt sich das auch auf den virtuellen Silbermarkt aus. Möglich ist das über Käufe von Barren, Münzen oder börsennotierten Wertpapieren (Exchange Traded Commodities, ETCs), die physisch mit Barren besichert sind. Der größte Silber-ETC ist in den USA der ishares Silver Trust des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock.

In den Tresoren aller vom Börsendienst Bloomberg erfassten ETCs lagern mittlerweile über 1.000 Millionen Unzen oder 130 Prozent der jährlichen Minenproduktion. Ende 2006 waren es erst 124 Millionen Unzen. Über den Kauf der ETCs ließe sich der physische Silbermarkt einengen und der Preis stark nach oben treiben. Schließlich muss der Anbieter für jeden neuen Anteil physisches Silber kaufen und es sicher und ausreichend versichert in Tresoranlagen bunkern.

Angebot und Nachfrage am weltweiten Silbermarkt

Es wäre nicht das erste Mal, dass Investoren den Silbermarkt unter ihre Kontrolle bringen wollen. Berühmtes Beispiel aus der Vergangenheit: Die Brüder Nelson Bunker und Herbert Hunt, Söhne des schillernden texanischen Öl-Tycoons Haroldson Lafayette Hunt, begannen Anfang der 1970er Jahre mit dem Kauf von Silber ihr Milliardenvermögen zu erhalten und vor Inflation zu schützen. Die Hunt-Brüder kauften anfänglich 200.000 Unzen, bauten ihren Silberschatz bis 1974 aber weiter aus auf 55 Millionen Unzen. Das entsprach damals etwa einem Zehntel des weltweiten Silberangebots. Zusammen mit Termingeschäften, die einen Anspruch auf physische Lieferung verbrieften, sicherten sich die Gebrüder Hunt in der Spitze Zugriff auf die Hälfte des weltweit lieferbaren Silbers. Bis Januar 1980 stieg der Silberpreis, in den letzten Monaten geradezu exponentiell, auf fast 50 Dollar pro Feinunze.

Das Problem der Hunts: Sie kauften die Lieferansprüche an den Terminbörsen größtenteils auf Pump. Als die Börsen CBoT und Comex ihre Handelsregeln änderten und den Handel gar vorübergehend suspendierten, geriet der Silberpreis stark unter Druck. Die Gebrüder Hunt konnten aber keine Sicherheitsleistungen mehr nachschießen – Game over, das Spiel war aus. Ihre Spekulation endete mit Milliardenverlusten im Privatkonkurs. 1988 wurden die Hunts wegen „Verschwörung zur Manipulation des Markts“ verurteilt

Die wichtigsten Förderländer für Silber

Die große Frage heute ist: Wie will man Millionen von jungen Kleinanlegern die Daumenschrauben anlegen, die sich nur locker in sozialen Medien austauschen? Oder andersrum: Warum sollten junge Anleger, die Silber auf eigene Rechnung kaufen möchten, das auf einem freien Markt nicht dürfen?

Schon vor dem jüngsten Ansturm der jungen Silberfans hat die Bedeutung der Investoren am Silbermarkt stark zugenommen. 2020 kauften Anleger über Silber-ETCs netto 350 Millionen Unzen, über den Direktkauf von Anlagemünzen und Barren noch einmal 237 Millionen Unzen, insgesamt mehr als doppelt so viel wie 2019. Silber, das über viele Jahrhunderte das gängigste Zahlungsmittel war, erlebt ein Comeback als Werterhaltungsmittel mit monetärem Charakter. Unter Berücksichtigung der gesamten Investmentnachfrage erreichte der Silbermarkt 2020 ein bislang nie dagewesenes Angebotsdefizit von rund 320 Millionen Unzen.

Das Defizit wäre noch größer ausgefallen, wenn die Nachfrage aus der Industrie wegen Lockdowns und zeitweiliger Unterbrechungen der Lieferketten nicht um ein Zehntel auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen wäre. Die industrielle Nachfrage sollte sich aber wieder stabilisieren. Unter allen Metallen besitzt Silber die höchste Leitfähigkeit für Wärme und Energie und das höchste Reflexionsvermögen. Benötigt wird das Metall unter anderem für den Ausbau der Solarindustrie und der Elektromobilität, also in wachsenden und zusätzlich von der Politik geförderten Bereichen.

In welchenen Minen Silber gefördert wird

Wo sie liegen, wer sie betreibt und wie viel sie fördern

Silber wird meist als Nebenprodukt in Bergwerken gewonnen, die Blei, Zink oder Kupfer fördern. Der Nachschub aus den Minen ging zuletzt zurück – vor allem wegen zwischenzeitlichen Schließungen nach Corona-Ausbrüchen unter den Minenarbeitern. Betroffen waren vor allem Bergwerke in Mexiko und Peru. Auf die beiden lateinamerikanischen Länder konzentriert sich fast 40 Prozent der weltweiten Silberproduktion. Auch auf der Angebotsseite besteht also ein gewisses Klumpenrisiko. Insgesamt fiel die weltweite Silberförderung um sechs Prozent auf 780 Millionen Unzen. Das war die geringste Fördermenge seit 2011.

Aktien primärer Silberproduzenten

Privatanleger, die bequem über die Börse Silber kaufen wollen, können das mit einem Silber-ETC (ISIN DE000A0N62F2ETFS). Abrunden lässt sich ein Silberportfolio mit Aktien von Minenunternehmen, die primär Silber aus dem Boden holen. Setzt sich die Hausse fort, werden ihre Kurse noch stärker steigen als der Silberpreis selbst.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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