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Digitale Optimisten
Quelle: AP

Die Welt nach Corona: Der Aufstieg der Hypochonder?

Das Smartphone wird zum unverzichtbaren Begleiter für einen gesunden Lebensstil. Eine ganze Industrie möchte uns schöner, gesünder und älter werden lassen. Wie ist es dazu gekommen? An was arbeitet die nächste Generation an Gründern im Silicon Valley? Und werden wir dadurch alle zu hypochondrischen Langweilern?

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Erinnern Sie sich noch an die Debatten vor der Einführung der Corona-Warn-App des Bundes? Ein Teil Deutschlands wartete sehnsüchtig auf die vermeintliche neue Wunderwaffe gegen das Virus und der andere Teil fürchtete ein Orwellsches Überwachungstool durch die Hintertür. Heute ist die App - trotz gelegentlicher Negativmeldungen - eine der erfolgreichsten Apps des Jahres mit über 16 Millionen Downloads.

Die Corona-Warn-App steht damit an der Spitze eines seit Jahren anhaltenden Trends: Smart Health, oder die Unterstützung von gesundheitsbewusstem Verhalten durch Apps. Viele Smartphone-Nutzer lieben es, mit Apps sich und ihre Gesundheit zu optimieren: Gerader sitzen, weniger sitzen, mehr schlafen, besser schlafen, fruchtbarer werden, mehr Kalorien verbrennen, gesünder essen, weniger abgelenkt sein. Höher, schneller, weiter wird mit dem Smartphone zu schöner, gesünder, älter. Wie ist es zu diesem Boom gekommen? An was arbeitet die nächste Generation an Smart Health Gründern derzeit und was macht die ständige Optimierung eigentlich mit unserer Psyche - werden wir alle zu gesundheitsmaximierenden, ängstlichen Hypochondern?

Ein Meilenstein in der Entwicklung von Smart Health war die Apple Watch. Als diese vor 5 Jahren vorgestellt wurde, dachte ich eigentlich nicht, dass sie den Erfolg des iPhones wiederholen könnte. Ohne allzu großes Aufsehen zu erregen (jedenfalls verglichen mit den anderen Apple-Blockbustern) verkauft Apple heute mehr Uhren als die gesamte Uhrenindustrie der Schweiz. Die Go-To-Market Strategie von Apple hat sich allerdings im Laufe der Zeit auch fundamental verändert. Die ersten Werbespots konzentrierten sich noch auf Features, die am Ende gar nicht entscheidend waren, nämlich die Möglichkeit, auf der Uhr Nachrichten zu schreiben und im Geschäft zu bezahlen. Heute steht das eigentliche Killer-Feature im Vordergrund: Das Aktivitätstracking. Jeden Tag versuchen Apple-Watch-Nutzer mehr Sport zu machen, aktiver zu sein und weniger zu sitzen: close your rings.

Im Sog von Apple arbeitet die nächste Generation junger Unternehmer an den Smart Health-Anwendungen von morgen. Die technologischen Voraussetzungen könnten kaum besser sein. Künstliche Intelligenz erkennt mittlerweile Brustkrebs besser als menschliche Fachärzte, und neuronale Netzwerke verstehen wissenschaftliche Beiträge zur Erforschung des Coronavirus. Kein Wunder, dass Risikokapitalgeber auch in der Coronakrise viel Geld in Smart Health Start-Ups investieren.

Für meinen Podcast „Digitale Optimisten“ sprach ich mit einem Gründer, der voll auf Smart Health wettet und exemplarisch für diese Entwicklung steht. Owen Phillips ist CEO von Brainkey, und mit seinem Start-Up Absolvent des Y Combinators im Silicon Valley, der vielleicht berühmtesten Start-Up Schmiede der Welt, aus der Firmen wie AirBnB, Stripe und Dropbox hervorgegangen sind. Owen hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als das letzte große Geheimnis des menschlichen Körpers zu lüften: Er will das Gehirn seiner Nutzer digitalisieren, visualisieren und analysieren.

Owen baut mit Brainkey eine Art Dashboard für das Gehirn, eine digitale Kommandozentrale, in der MRT-Scans des Gehirns in 3D aufbereitet werden und Nutzer sprichwörtlich in ihr eigenes Gehirn eintauchen können. Brainkey verwendet künstliche Intelligenz, um auffällige Abweichungen einzelner Gehirnregionen aufzuzeigen und gibt Ratschläge, wie Nutzer individuell ihr Gehirn trainieren können. Vor allem aber möchte Owen einen Beitrag dazu leisten, dass das Verhältnis zwischen Arzt und Patient von einer abhängigen zu einer partnerschaftlichen Beziehung wird. Mit Brainkey möchte er Nutzer empowern, sich selbst eine Meinung zu bilden und ein Arztgespräch auf Augenhöhe zu führen: zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihr Smartphone. Das volle Interview mit Owen finden Sie im Podcast „Digitale Optimisten“.

Alles super also? Sehen wir einer Zukunft entgegen voller kerngesunder, durchoptimierter Menschen, die aufgeklärt ihrem Arzt Hinweise geben, was die beste Therapie sein könnte?
Vielleicht. Allerdings haben technologische Veränderungen immer häufiger individuell-psychologische oder gesellschaftliche Konsequenzen. Genau wie Facebook unsere Aufmerksamkeitsspanne senkt, und Tinder uns traurig machen kann, wird auch der ständige Blick auf die Gesundheits-App Konsequenzen haben. Vor der letzten großen Sprunginnovation, dem Smartphone, gab es diese Entwicklung schon einmal: WebMD, eines der größten Web-Portale für Gesundheitsinformationen, schreibt es selbst: Das Internet führt zu mehr Hypochondern. Und wer hat sich selbst nicht schon einmal nach anhaltenden Kopf-, Bauch- oder Rückenschmerzen mit Hilfe von Dr. Google einen Tumor diagnostiziert? Der Beweis steht noch aus, ob wir am Ende nicht zu risikominimierenden Langweilern werden, die auf alles verzichten was zwar Spaß macht, aber möglicherweise der Gesundheit schaden könnte.

Am Ende ist die Corona-Warn-App und die enorme Aufmerksamkeit, die Gesundheit und Hygiene im Zuge der aktuellen Pandemie erhält, möglicherweise das Einfallstor für Smart Health in die breite Masse der Gesellschaft - vorangetrieben von Risikokapitalgebern und jungen Unternehmern, die neue Märkte wittern. Hoffen wir, dass es zu mehr Aufklärung und Gesundheit führt - und zu weniger first world problems.

Mehr zum Thema
Die vollständigen Gespräche mit Gründern und mehr Geschichten aus dem Silicon Valley können Sie im Podcast „Digitale Kolumnisten“ hören. (Apple Podcasts / Spotify). Die kompletten Interviews mit Gründerpersönlichkeiten können Sie hier in Gänze anhören.

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