Manufakturen: Wie drei Marken den Hype um unabhängige Uhrmacher entfachten
Die meisten Uhrenkäufer haben nie von ihnen gehört. Kleine, unabhängige Marken sind der Gegenentwurf zu den Konzernmarken der börsennotierten Gruppen LVMH, Richemont und Swatch Group. Weltweit sind sogenannte Independents zum Symbol einer Fangemeinde geworden, für die klassische Marken nicht mehr als Statusobjekte taugen. Mit Covid ist ein Hype um sie entstanden, der nach dem Platzen der Uhrenblase eher noch größer geworden ist.
Independents, der englische Gattungsbegriff für unabhängige Unternehmen, kann nicht der Grund für den Erfolg sein, denn das sind auch große familiengeführte Unternehmen wie Chopard oder Patek Philippe. Was machen diese Firmen also wirklich anders, dass Sammler teilweise blind ordern, Jahre bevor erste Uhren ausgeliefert werden?
Nun, erstens ticken sie sprichwörtlich anders. Die Modelle brechen radikal mit traditionellen ästhetischen und technischen Standards. Dazu ist die Produktion nicht künstlich limitiert. Die Chefs sind nahbar, treten direkt mit den Fans in Austausch. Das Genre geprägt haben vor allem drei Marken. Schon deren Namen – Urwerk, MB&F und Ressence – klingen nicht nach klassischer Uhrmacherei. Sie haben das Image der jungen Wilden in den vergangenen drei Dekaden zur Markenphilosophie gemacht, dabei sind sie selbst längst etabliert. Die WirtschaftsWoche erklärt, warum ihre Produkte so begehrt sind – und worauf zu achten ist.
Urwerk
Felix Baumgartner und Martin Frei gelten bis heute als Avantgarde der Uhrmacher. Als sie sich vor fast 30 Jahren selbstständig machten, hielt man sie für komplett verrückt. Zu anders waren die Zeitmesser. Das Gehäuse der UR-101 beispielsweise, dem ersten Urwerk, war vom Millennium Falcon inspiriert, einem Raumschiff aus der „Star Wars“-Hollywoodsaga. Sie hatte keine Zeiger, die Stundenanzeige springt im Halbkreis über Minutenmarkierungen.
Baumgartner ist gelernter Uhrmacher, stammt aus einer Uhrmacherfamilie. Frei studierte Grafikdesign und konstruiert Kunst am Werk: Zur Ur-Uhr inspirierte eine Tischuhr aus der Renaissance, die für einen Papst gebaut wurde.
Heute gehören Basketballlegende Michael Jordan und Schauspieler Robert Downey Jr. zum prominenten Kundenkreis. Martin Frei erzählt: „Am Anfang ging es darum, Vertrauen zu gewinnen.“ Dabei ging er „keine Kompromisse“ ein. In den 1990er-Jahren vertrauten die Sammler nur bekannten Häusern. „Die Mehrheit der talentierten Uhrmacher war als Zulieferer für große Marken durch Verträge an sie gebunden“, sagt Baumgartner im Rückblick.
Mit Beharrlichkeit etablierte sich das Duo; Social Media und Direktvermarktung halfen, bekannt zu werden. Soeben wurde die erste Zusammenarbeit mit dem 179 Jahre alten Uhrenhersteller Ulysse Nardin präsentiert, ein Ritterschlag: In der limitierten Ur-Freak für 115.660 Euro kreuzt man die für Urwerk typische Zeitanzeige der rotierenden Satelliten mit der kronenlosen Optik der Freak von Ulysse Nardin. Schon das Zeitablesen wird da zum Kunststück.
Seit dem Sommer wird man von Wempe vertrieben, dem größten Luxusjuwelier in Deutschland. Scott Wempe, die fünfte Generation des Familienunternehmens, begründet es so: „Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Kunden auch diese Art Uhrmacherei anbieten müssen. Von anderen Herstellern verkaufen wir zwar größere Stückzahlen, aber wir begleiten unsere Kunden auf einer Reise: Wer sich erst einmal fürs Handwerk begeistert, sucht weiter. Urwerk fasziniert jene, die schon alles zu kennen glauben.“ Die ersten sechs Uhren, die es für den deutschen Markt gab, sollen verkauft sein.
MB&F
Bei MB&F brachte eine große Marke den Stein ins Rollen. Als um die Jahrtausendwende Harry Winston unabhängige Uhrmacher mit einer Sonderserie fördern wollte, entstand die Idee; der Projektverantwortliche wurde selbst zum Initiator: Maximilian Büsser gründete die erste Uhrenmanufaktur, die aus Colabs mit freien Uhrmachern bestand: Das F steht für Friends. Zum 20. Geburtstag 2025 geht es dem Unternehmen so gut, dass man zehn Uhren im Wert von je 75 000 Euro verlost. Mitmachen durften nur Besitzer aller jemals hergestellten 4000 Uhren, für jede gibt es ein Los.
Die Friends genannten Uhrmacher und Ideengeber schufen so eine Produktwelt wie aus dem Science-Fiction-Roman.
Für die Werke arbeitet Büsser auch mit Uhrmacherlegenden zusammen, darunter der Finne Kari Voutilainen. Der Designer Eric Giroud gestaltete die erste von inzwischen elf Horological Machines, deren Optik neben Rennwagen auch mal von einer Bulldogge inspiriert ist.
Freunde nennt er auch die rund 1500 Kunden, die man in einer Tribe genannten Community pflegt. Büsser ist es gleichgültig, ob die Fans ihre Zeitmesser neu in Genf oder auf dem Zweitmarkt gekauft haben. Das schafft Verbundenheit, den Gründer persönlich zu treffen. Mehr noch: Ohne den begnadeten Netzwerker wäre so ein Erfolg schwer möglich.
Betriebswirtschaftlich war das bis Covid Irrsinn: Über 20 unterschiedliche Kaliber schuf man bei einer Jahresproduktion von gerade mal 400 Uhren. Auch bei sechsstelligen Preisen fährt man damit nicht in die Gewinnzone.
Büsser war das egal, er nennt die Anfangsjahre „eine Fahrt durch einen Tunnel, bei der man gar nicht mehr mit Licht am Ende rechnet, sondern den Tunnel für den Normalzustand hält“. Doch seit Corona geht es steil bergauf, und mit der Einführung von preiswerteren Uhren und höheren Stückzahlen bei der Zweitmarke M.A.D. Editions ist er aus dem Tunnel heraus.
2024 beteiligte sich Chanel mit 25 Prozent. Soeben hat Büsser einen früheren Praktikanten zum Kronprinzen ernannt: Der Berliner Designer Maximilian Maertens soll künftig das Firmenmotto weiterspinnen: Ein kreativer Erwachsener ist ein Kind, das überlebt hat.
Ressence
Benoît Mintiens tritt dagegen fast leise auf. Der Belgier arbeitet von Antwerpen aus, lässt seine Uhren in der Schweiz herstellen. In Ressence vermählt der Industriedesigner die Worte Renaissance mit Essenz.
Die Zeitmesser sind auf den ersten Blick ästhetisch ansprechend. Die Zeitanzeige wurde dennoch neu gedacht. Er verzichtet auf klassische Zeiger und nutzt rotierende Scheiben. Das Zifferblatt ist in steter Bewegung, die Aufzugskrone fehlt, die Uhrzeit wird durch Drehung am Gehäuseboden eingestellt.
Absolutes Highlight bleibt, dass der Raum zwischen Zifferblatt und Uhrenglas bei diversen Modellen mit einem Spezialöl gefüllt ist. Es entsteht der Eindruck, dass die Anzeigen wie bei einer Smartwatch ein Minibildschirm sind. Das ist optisch faszinierend und uhrmacherisch anspruchsvoll. Schließlich versucht der Großteil der Uhrenbranche auf schmierendes Öl, das eben auch altern und verharzen kann, so gut es geht, zu verzichten.
Eins eint Großkonzern-Marken und Nischenanbieter: Entscheidend ist Beständigkeit. Gerade wer viel Geld in eine unbekannte Marke investiert, macht das mit einem besseren Gefühl, wenn die Chancen gut stehen, dass sie Jahrzehnte später noch existiert. Für die Gründer Mintiens, Büsser, Frei und Baumgartner zahlt sich der lange Atem daher nun doppelt aus.
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