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Esa-Chef im Interview„Europa braucht ein eigenes Raumschiff“

Europa steht zur Zeit ohne große Rakete da – und brauche daher einen Paradigmenwechsel, sagt Josef Aschbacher. Der Esa-Chef über seine Pläne für private Raketen, Raumstationen – und eine Raumfähre aus Europa.Andreas Menn 21.10.2023 - 13:00 Uhr

Josef Aschbacher ist Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA).

Foto: Esa

WirtschaftsWoche: Herr Aschbacher, europäische Astronauten starten mit einer Kapsel von Elon Musk ins All, europäische Raumsonden inzwischen mit Musks Raketen, die ukrainische Armee braucht Musks Satelliten – die er auch mal abschaltet. Hängt Europas Raumfahrt vom guten Willen eines Milliardärs im Silicon Valley ab? 
Josef Aschbacher: Das ist vielleicht überspitzt formuliert, aber ein gutes Körnchen Wahrheit ist dran: Wir hängen in Europa sehr stark von anderen Partnern ab. Und das ist natürlich SpaceX, was die Trägerraketen betrifft – hier sind wir derzeit sehr stark auf die USA angewiesen. Und sicher, Starlink beeinflusst den Krieg in der Ukraine, und damit auch die Sicherheit Europas. Aber auch Europa hat eigene exzellente Telekommunikationslösungen aus dem All anzubieten, vor allem im geostationären Orbit. 

Die europäische Ariane-5-Rakete ist eingemottet. Wie bekommt Europa wieder einen eigenen Zugang ins All?
Wir müssen die neue Ariane-6-Rakete schnellstmöglich auf das Launchpad bringen – und ihre stabile Nutzung sicherstellen. Und die nächste Frage ist: Welche Trägerrakete braucht Europa, nachdem die Ariane 6, vielleicht nach mehr als 10 Jahren, ausgedient hat? Das müssen wir jetzt klären. 

Die Ariane-6-Rakete.

Foto: ESA

Die Ariane 6 kommt Jahre später als geplant – und ist nicht wiederverwertbar wie die Raketen von SpaceX. Muss Europa seine Raketen-Strategie nicht grundsätzlich ändern?
Ja, wir brauchen einen Paradigmenwechsel in Europa: Wir müssen beim Bau der Trägerraketen Wettbewerb herstellen. Das funktioniert sehr gut bei Satelliten – die kosten in Europa nur die Hälfte oder ein Drittel als anderswo auf der Welt. Jetzt müssen wir auch bei den Raketen Unternehmen ähnlich wie SpaceX entstehen lassen.  

SpaceX ist nur groß geworden durch Ankeraufträge von der Nasa. Müsste die Esa also nicht viel mehr Flüge bei europäischen Privatanbietern ordern?
Das ist genau die Marschrichtung. Ich bin gerade dabei, einen Wettbewerb vorzuschlagen, bei dem unsere kleineren Satelliten mit Raketen wie denen von Isar Aerospace, Rocket Factory Augsburg, HyImpulse oder anderen Anbietern in Europa gestartet werden können. Auf dem europäischen Raumfahrtgipfel im November in Sevilla möchte ich eine politische Einigung für eine solche Strategie vorschlagen – um dann auf der Esa-Ministerratskonferenz 2025 die Finanzierung sicherzustellen.

Auch bei der astronautischen Raumfahrt ist Europa von den USA abhängig…
…die USA verlassen sich aber auch auf Europa: Für die Artemis-Mondmissionen der Nasa hat Europa das Antriebs- und Servicemodul bereitgestellt, federführend von Airbus in Bremen gebaut. Ohne dieses Modul könnten die Nasa-Astronauten nicht zum Mond und zurück fliegen. Wir leisten also einen sehr wichtigen Beitrag. Allerdings reicht das nicht. Wir müssen auch sehen, wie wir mittel- bis langfristig unsere Astronauten unabhängig in den Weltraum bekommen. Hier erwarte ich von den Ministern der Esa-Mitgliedsländern eine ganz wichtige Richtungsentscheidung, wie Europa sich dazu positionieren sollte, vielleicht sogar mit ersten konkreten Schritten.

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Sie plädieren für ein europäisches Raumschiff?
Absolut, Europa braucht ein eigenes Raumschiff. Schauen Sie, was in anderen Ländern derzeit passiert vor ein paar Tagen hat Indiens Premierminister Modi angekündigt, dass Indien 2035 eine eigene Raumstation ins Weltall, 2040 einen Astronauten auf den Mond bringen wird. Wir haben neulich die Landung einer indischen Raumsonde am Südpol des Mondes gesehen. Das begeistert mich. Und wenn Indien das kann, muss Europa das auch können. Da liegt sehr viel strategisches und ökonomisches Interesse dahinter.

Wird die Esa den Bau dieses Raumschiffs der Industrie überlassen oder doch lieber wieder selbst angehen?
In der Vergangenheit haben wir eine Rakete von Beginn bis zum Ende entwickelt. Künftig wollen wir das ganz anders machen, möchten der Industrie Aufträge geben und etwa einen Flug zur Raumstation als Dienstleistung einkaufen. Das motiviert junge, neue Firmen, aber auch existierende Unternehmen, hier mehr Risiko einzugehen und Wagniskapital einzubringen. 

Hat die europäische Raumfahrtindustrie die nötige Expertise dafür? 
Absolut! Meine Ingenieure sind in den Startlöchern und ich kann sie kaum zurückhalten. Und wir haben ein dynamisches Ökosystem an Jungunternehmen und Start-ups. Aber die müssen wir fördern: Wenn wir nicht als Kunde auftreten, können sie sich schwer entwickeln – ohne die Nasa würde SpaceX auch nicht existieren. Und das ist eine Frage der politischen Entscheidungen. 

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Sie haben gerade auch eine Vereinbarung mit dem US-Unternehmen Axiom Space getroffen, das eine private Raumstation baut. Werden Esa-Astronauten künftig quasi im Coworking-Space umherschweben?
Wenn die Internationale Raumstation nach dem Jahr 2030 den Betrieb einstellt, wollen wir mit unseren Astronauten natürlich weiter Experimente und Forschung im All durchführen. Private Anbieter wie Axiom Space wollen dafür Raumstationen anbieten – und an solchen Partnern sind wir interessiert. Aber wir wollen unser Geld nicht nach Amerika überweisen – die Infrastruktur, die Raumkapseln sollten in Europa gebaut werden.

Die Ukraine, Israel setzen auf Starlink-Satelliten für ihre sichere Kommunikation und Verteidigung. Wie schnell kann Europa sein eigenes Starlink aufbauen?
Starlink hat derzeit 5000 Satelliten im Weltall, das kann man nicht so schnell aufholen. Europa wird sich eine andere Lösung angehen müssen, die auf Innovationen setzt und einen Technologiesprung macht. Und hier kann die Esa ihre Expertise ausspielen. Europa bereitet derzeit das IRIS2-System vor. Europa hat aber auch OneWeb, eine neue Konstellation, die gerade aufgebaut wird und vom europäischen Telekombetreiber Eutelsat gerade akquiriert wurde.

Schauen wir auf die nähere Zukunft: Auf welche Missionen freuen Sie sich im kommenden Jahr?
Natürlich auf die Raketen Ariane 6 und die Vega C, die beide auf die Startrampe kommen. Und wir haben einige Satelliten, die nächstes Jahr gestartet werden – etwa der Satellit Biomass, um den Zustand und die Veränderung der Wälder weltweit aus dem All zu vermessen oder Sentinel-Satelliten, um das Klima der Erde genauer zu verstehen. 

Wann betritt der erste Europäer den Mond? 
(lacht) Das würde ich auch gerne wissen. Wir haben drei Slots mit der Nasa vereinbart – bei den Missionen Artemis 4 und 5 haben wir bereits einen Platz gesichert, den dritten verhandele ich gerade mit der Nasa. Wann genau die Missionen starten – das werden wir noch erfahren.

Lesen Sie auch: Die nächste Reise zum Mond ist gestartet

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