Zerstörte Seekabel vorm Jemen: „Dort ist nicht viel Platz, da liegen die Seekabel dicht beieinander“
Das Seekabel AAE-1 Verbindet große Teile des europäischen, afrikanischen und asiatischen Kontinents.
Foto: PR, retelit.itWirtschaftsWoche: Herr King, vor der Küste des Jemen sind drei Seekabel zerstört worden, über die rund ein Viertel des Datenverkehrs zwischen Europa und Asien laufen sollen. Löst so etwas bei Ihnen Großalarm im Netzmanagement aus?
Thomas King: Auf unserem Leitstand leuchten bestimmte Bildschirmanzeigen bei solch einer Störung tatsächlich rot auf. Und die Kollegen, die da die 24/7-Überwachung machen, müssen sowohl den Alarm quittieren als auch aktiv werden, um die Auswirkungen eines Leitungsausfalls zu kompensieren. Aber einen Großalarm hat der Vorfall nicht ausgelöst. Dass irgendwo auf der Welt Leitungen durch Schäden ausfallen, damit müssen wir uns zwei- bis dreimal im Monat befassen; insofern ist das fast Routine für uns.
Ist inzwischen klarer, was den Schaden verursacht hat? Ein Versehen, ein Unfall oder ein Anschlag?
Nach allem, was wir aus der Szene hören, war es tatsächlich ein Anker jenes Frachters, den die Huthi-Rebellen beschossen und am Ende versenkt haben. Irgendwann hat die Besatzung das Schiff verlassen und – man macht das wohl so in der Seefahrt – den Anker geworfen, damit das unbemannte Schiff nicht haltlos in der Gegend herumschwimmt. Leider hat der Anker aber das Schiff nicht gehalten. Das treibende Wrack hat ihn über den Meeresboden geschleppt und dabei hat er die drei betroffenen Leitungen zerrissen, bevor das Schiff schließlich gesunken ist. In der Region ist nicht viel Platz, da liegen die Seekabel dicht beieinander und da kann das leider passieren. Einfach ausgedrückt würde ich sagen: Dumm gelaufen. Aber sowas passiert halt.
Sie klingen recht entspannt, wie gravierend ist der Schaden? Was bedeutet der Ausfall konkret sowohl für klassische Unternehmen als auch für die Digitalwirtschaft?
Man muss zwischen der verfügbaren und der tatsächlich genutzten Kapazität unterscheiden. Wir und unsere Kunden merken von der Störung so gut wie nichts, weil wir eine 1:1-Redundanz vorhalten. Das heißt, wir haben so viel Kapazität auf der Strecke gebucht, dass wir den Teil des Datenverkehrs, der jetzt betroffen ist, auf Leitungen umleiten können, die wir uns vorher ungenutzt als Back-up-gesichert hatten. Von den drei beschädigten Leitungen hatten wir auch nur in einem Kapazität belegt; und da liegen, wie entsprechende Netzkarten zeigen, mehr als 15 Seekabel.
DE-CIX-Technologiechef Thomas King.
Foto: PRAber jetzt ist Ihre Redundanz weg und die müssen Sie woanders beschaffen. Ist noch genug Kapazität zwischen Europa und Asien übrig?
Das ist richtig. Wir haben schon bei anderen Leitungsbetreibern angefragt, ob wir da Kapazitäten bekommen können. Damit waren wir nicht allein.
Ziehen die Preise schon an?
Ich habe noch keine Angebote bekommen, aber wenn das Angebot begrenzt ist und die Nachfrage steigt, hat das Folgen. Ich rechne mit steigenden Preisen auf der Strecke. Jedenfalls bis klar ist, wie lange die Störung dauert.
Womit rechnet die Branche, wann die Leitungen wieder intakt sind?
Noch können wir darüber nur spekulieren. Grundsätzlich gehen wir bei Schäden an Unterseekabeln von zwei bis drei Monaten Reparaturdauer aus, weil es dafür Spezialschiffe braucht. Die sind in der Regel nicht vor Ort, sind meist über Wochen und Monate für Verlegearbeiten oder andere Reparaturen gebucht. Eine Reparatur, die an Leitungsstrecken über Land ein paar Tage dauert, geht im Meer schnell in die Wochen bis Monate.
Und vor dem Jemen? Ist eine rasche Reparatur angesichts der Bedrohung gegen westliche Schiffe durch die Huthi-Milizen überhaupt realisierbar?
Eine gute Frage, die wir uns auch stellen. Und mit uns die ganze Branche. Konkrete Infos habe ich nicht, aber man hört aus der Szene, dass es derzeit eher schwierig sein soll, Ressourcen für Reparaturen in der Gegend zu bekommen. Und das würde mich nicht wundern.
Was wären die Alternativen? Der Frachtverkehr mit Schiffen weicht zum Teil auf Routen um Afrika aus. Ist das für den Datenverkehr auch eine Option?
Eher nicht. Zum einen gibt es nur zwei Leitungen, die um Südafrika herum führen. Da ist viel zu wenig Kapazität vorhanden, um die Datenmengen komplett umzurouten, die jetzt durchs Rote Meer an Jemen vorbei laufen. Dazu kommt, dass die Leitungsstrecke um Afrika rund 15.000 Kilometer länger ist als der Weg an Jemen vorbei. Das würde wegen der längeren Signallaufzeiten insbesondere bei zeitkritischen Anwendungen wie Videokonferenzen oder Hochgeschwindigkeitshandel an Börsen Probleme bereiten. Aus dem gleichen Grund lassen sich solche Hochgeschwindigkeitsverkehre auch nicht westwärts über die USA führen. Beim Versand von E-Mails oder Dateien ist das weniger ein Problem.
Braucht es bei anhaltenden Konflikten und Risiken in Nahost also andere Kapazitäten nach Asien? Etwa mit Leitungsstrecken durchs Nordpolarmeer entlang der Routen des Luftverkehrs, die ja zwischen Europa und Asien auch teils Richtung Nordpol verlaufen?
Da passiert meines Wissens nichts. Bisher aus gutem Grund, denn die Leitungen, die wir heute nutzen, verbinden ja nicht allein Europa mit Japan, China oder Korea, sondern sie binden auch ökonomisch relevante Regionen, dazwischen an den Datenverkehr an, wie Indien, Singapur, Malaysia, Australien und viele Länder mehr. Diese Verkehre insgesamt sind es ja, die solche Leitungen überhaupt erst profitabel machen. Wir reden da immerhin von Milliarden-Dollar-Projekten, die in der Regel von Konsortien gebaut, betrieben und vermarktet werden. Für Polarkabel sehe ich solch eine Rentabilität aktuell nicht. Und die Tatsache, dass es da bislang keine Projekte gibt, unterstreicht das.
Also warten nun alle darauf, dass die Schäden beim Jemen behoben werden?
Richtig. Das wird auch passieren. Und ich rechne damit, dass auch auf der Route eher noch ein paar Leitungen dazu kommen. Denn die Nachfrage nach Kapazitäten kennt seit Jahren nur eine Richtung: Mehr, mehr, mehr!
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