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Außenpolitik Lehre aus Omikron: Die EU braucht dringend einen Afrika-Verantwortlichen

Südafrika: Eine Frau erhält im Mehrzweckzentrum von Orange Farm eine Corona-Impfung. Quelle: dpa

Die EU wendet immer noch nicht genug Mühe auf, um Afrika wirtschaftlich und medizinisch voran zu bringen. Aus ökonomischer Sicht ist das unklug, wie die neueste Entwicklung der Corona-Pandemie gerade zeigt. Ein designiertes Afrika-Ressort in Brüssel muss die Arbeit koordinieren. Ein Kommentar.

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Die Omikron-Variante nimmt gerade ein europäisches Land nach dem anderen ein und auch Deutschland droht nach Neujahr die bislang wohl schlimmste aller Infektionswellen der Corona-Pandemie. Das offenbar aus dem südlichen Afrika stammende Virus belegt aber auch, dass die Europäische Union dringend ein auf Afrika-Angelegenheiten spezialisiertes Ressort in Brüssel einrichten und einen Hohen Vertreter für Entwicklungshilfe in Afrika ernennen sollte. Denn Europa muss weit mehr tun gegen die Probleme dieses ärmsten Kontinents der Welt direkt in unserer Nachbarschaft. (Die wichtigsten Informationen zur aktuellen Corona-Lage finden Sie hier.)

Schon die vergangenen Jahre haben gezeigt, was passiert, wenn wir Afrika ignorieren. Es beschert Europa gewaltige Probleme, die den europäischen Gedanken ins Wanken bringen, Wähler in die Arme von Populisten oder Extremisten treiben können. Nicht selten werden die Probleme Afrikas durch eine undurchdachte Politik Europas noch verstärkt.

In der Flüchtlingskrise 2015 etwa, als auch Menschen aus Somalia, Sudan, Burkina Faso, dem Kongo oder der Elfenbeinküste nach Europa strömten, waren diese nicht nur vor Bürgerkriegen geflohen. Auch die Wirtschafts- und Handelspolitik der EU sorgte dafür, dass Menschen fern der Heimat nach dem Glück suchten.

Überfischte Küsten und niedriger Kakaopreis

Umstrittene Fischereiabkommen zwischen der EU und westafrikanischen Ländern unterminieren die Nahrungsmittelsicherheit vieler Küstenregionen. Eine mangelhafte europäische Fair-Trade-Politik trägt dazu bei, dass Kakaobauern an der Elfenbeinküste Kinder versklaven und sie auf Plantagen arbeiten lassen. Und industriell produzierte europäische Milch fließt massenhaft nach Afrika, ruiniert dort die Existenzgrundlage der lokalen Bauern.

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    Auch die aktuelle Krise, die Corona-Variante Omikron, ist wohl zu einem guten Stück auf eine unzulängliche Politik reicher europäischer Länder in Afrika zurückzuführen. So halten es Wissenschaftler für ziemlich wahrscheinlich, dass Omikrons Mutationen in den vergangenen Monaten in einem der vielen Millionen unbehandelten HIV-Patienten Afrikas entstanden sind.

    Diese Schlussfolgerung ist naheliegend: Wissenschaftler in Südafrika etwa haben eine 36-jährige unbehandelte Aids-Patientin, die sich mit Covid infiziert hatte, für eine von der Bill and Melinda Gates Foundation mitfinanzierten Studie über Monate begleitet und untersucht. Tests zeigten, dass das Virus 216 Tage in ihrem immungeschwächten Körper überlebte, immer wieder mutierte. Am Ende waren es 32 Mutationen. Immer wieder bildete die Frau neue Antikörper, die das Virus zwar angegriffen, aber nicht endgültig besiegen konnten.

    Gerade solche Fälle ließen sich leicht verhindern: Heute existieren die Medikamente, um HIV im Zaum zu halten, soweit, dass es im Körper nicht nachweisbar ist und auch keine Immunschwäche auslöst. Auch wenn laut dem US-Wissenschaftsjournal „Nature“ inzwischen 19,5 Millionen Menschen im Subsahara-Afrika einen solchen antiretroviralen Cocktail erhalten, der das HI-Virus hindert, Kopien von sich selbst zu machen, gibt es immer noch acht Millionen Afrikaner in der Region, die die Medikamente nicht bekommen. Und jeder von ihnen könnte eine neue Virusvariante wie Omikron hervorbringen.

    Covax muss viel mehr Fahrt aufnehmen

    Aber nicht nur beim Kampf gegen Afrikas Aids-Problem muss Europe mehr Gas geben, um die Corona-Krise in den Griff zu bekommen. Begünstigt wurde die Mutation möglicherweise auch durch die schleppende Impfkampagne. Der Kommission Untätigkeit vorzuwerfen, wäre hier unfair. Zwischen Mai und Oktober 2020 schaffte eine Luftbrücke 1150 Tonnen medizinische Hilfsgüter nach Afrika. Europa ist einer der größten Finanziers der Covax-Kampagne, die Afrika mit Covid-Impfstoff versorgen soll. Die investierte eigenen Angaben zufolge allein bis September insgesamt 34 Milliarden Euro in die Coronahilfe für den Kontinent.

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    Dennoch: Erst sieben Prozent der Bevölkerung Afrikas haben eine vollständige Impfung erhalten. Europa muss unterstützen, die Impfdosen zu den Menschen zu bringen. So hat beispielsweise Kamerun gerade mal 23 Prozent der gelieferten Impfdosen verimpft, im Kongo sind es nicht einmal fünf Prozent. Was einmal verpasst wurde, lässt sich nicht wieder einfangen. Denn an eine dritte Dosis gegen Omikron ist nicht zu denken, solange die ersten beiden Dosen immer noch fehlen.

    All das zeigt, dass Europa dringend eine dezidierte Afrika-Politik braucht, die dem Kontinent hilft, sich selbst zu helfen – natürlich ohne in alte Kolonialgewohnheiten zu verfallen. Der im Februar bevorstehende EU-Afrika-Gipfel wäre eine gute Gelegenheit, ein solches Vorhaben einzuleiten. Analog zum Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik könnte es einen Hohen Vertreter für Entwicklungshilfe in Afrika geben. Der Bedeutung für Europa wäre es angemessen. Und es hätte einen nützlichen Nebeneffekt. Es könnte dem wachsenden Einfluss Chinas auf dem Kontinent etwas mehr entgegenwirken.

    Mehr zum Thema: Wie kaum ein anderer beobachtet Rasmus Bech Hansen, CEO und Gründer des Datendienstleisters Airfinity, die Pandemie. Er und sein Team beraten Regierungen und Pharmakonzerne – und rechnen erst 2023 mit einer Rückkehr zur Normalität.

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