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Energie Klimafeind auf Ökokurs

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CCS-Verfahren sind noch zu teuer

Die Gegner des Verfahrens überzeugt das nicht. Sie fürchten, das Klimagas könne Salzwasser an die Oberfläche drücken und Grundwasser verunreinigen. Liebscher hält die Vorsicht grundsätzlich für richtig. „Aber wenn Geologen eine Lagerstätte vorher gründlich auf Risse und Störungen untersuchen und sie genau überwachen, sind die Risiken beherrschbar“, versichert er. Dennoch verhinderten Anwohnerproteste ein weiteres Projekt in Sachsen-Anhalt ebenso wie eines von Vattenfall in Brandenburg. Das Unternehmen stellte daraufhin im April alle Forschungen zur CO2-Abtrennung in Deutschland ein.

Bleibt eine Alternative: Das Kohlendioxid muss raus in die Nordsee, wo ohnehin mehr als 70 Prozent der potenziellen CO2-Lagerstätten der Anrainerstaaten liegen. 2016 will der Öl- und Gasmulti Shell dort das größte CCS-Projekt Europas unter dem Namen Peterhead starten. 100 Kilometer vor der Küste Schottlands sollen pro Jahr eine Million Tonnen CO2 aus einem Gaskraftwerk eingelagert werden. Mit einem neuen Kohlekraftwerk in England Namens White Rose plant der französische Technikkonzern Alstom mit zwei Partnern Ähnliches. Die britische Regierung will die Vorhaben mit 1,3 Milliarden Euro unterstützen; die EU schießt bei White Rose 300 Millionen zu. Dafür will Alstom ein ganz neues Verfahren für die Kohle entwickeln, das bei der Verbrennung statt Luft sehr reinen Sauerstoff verwendet und so hauptsächlich CO2 und Wasser produziert – eine teure Wäsche wie in Niederaußem ist nicht mehr nötig.

Reinigungen machen Kohle so teuer wie Solarenergie

All diese CCS-Verfahren sind derzeit noch teuer – zu teuer, um je am Markt bestehen zu können, urteilt jedenfalls der Industrie-Ökonom Christian von Hirschhausen von der Technischen Universität Berlin. Und nennt das Verfahren bereits spöttisch den „Transrapid der Energiewirtschaft“.

Derzeit kostet es zwischen 30 und 40 Euro, um eine Tonne CO2 in einem Kraftwerk einzufangen. Allein bei RWE in Niederaußem würde sich das auf mindestens 750 Millionen Euro pro Jahr summieren. Auf die fünf Cent, die eine Kilowattstunde aus einem neuen Braunkohlekraftwerk im Schnitt kostet, kämen rund drei Cent hinzu, plus Transport und Lagerung des CO2. Strom aus Kohlekraftwerken würde damit in etwa so viel kosten wie Energie aus Gaskraftwerken, Wind- oder Solaranlagen.

Die gesundheitsschädlichsten Kohlekraftwerke Deutschlands

Dennoch können sich klimafreundliche Kohlekraftwerke lohnen. Das will jedenfalls der kanadische Energieversorger Saskpower ab Oktober mit dem ersten kommerziellen CCS-Projekt weltweit beweisen. Strengere Klimavorgaben zwangen das Unternehmen, einen Block in seinem Kraftwerk Boundary Dam nahe der Grenze zur USA für 900 Millionen Euro nachzurüsten. Nur einen Teil des CO2 zweigen die Ingenieure künftig ab, die Kohle zieht so in der Klimabilanz mit Erdgas gleich. Zudem verkauft Saskpower sein Kohlendioxid an eine Ölförderfirma, die damit alte Felder wieder zum Sprudeln bringt. In den USA sind derzeit zwei ähnliche Projekte im Bau.

Hohe Gesundheitskosten bleiben

Aber selbst wenn CCS eines Tages wirtschaftlich wird und sich CO2 entsorgen lässt: Umweltschützern und Anwohnern der Kohlekraftwerke reicht eine weiße Klimaweste längst nicht. Denn auch Schadstoffe wie Feinstaub, Quecksilber und Stickoxide, die Kohlekraftwerke ausstoßen, sorgen regelmäßig für Schlagzeilen.

Forscher der Universität Stuttgart haben im Auftrag von Greenpeace ausgerechnet, dass Feinstaub aus deutschen Kohlekraftwerken pro Jahr zu 3100 vorzeitigen Todesfällen führt. Eine Studie der Health and Environment Alliance (Heal) sprach 2013 von Gesundheitskosten von 2,3 bis 6,4 Milliarden Euro, die Schadstoffe aus Kohlekraftwerken in Deutschland verursachen. Heal ist ein europaweiter Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen. Auch das Umweltbundesamt (UBA) kreidet der Kohle erhebliche Gesundheitskosten an.

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