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Teststart der „Spectrum“-Rakete vom deutschen Hersteller Isar Aerospace im norwegischen Raumfahrtbahnhof Andøya: Europa soll mehr autonome Zugänge ins All erhalten. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PR

Entscheidung über Esa-BudgetEuropa will eine souveräne Weltraummacht werden

In Bremen entscheiden 23 Länder über die Zukunft der europäischen Raumfahrt. Es geht um mehr Autonomie im All. Und: Um Aufträge für deutsche Unternehmen.Andreas Menn 26.11.2025 - 08:25 Uhr aktualisiert

Wer am Dienstagnachmittag das Congress Centrum Bremen betritt, passiert ein großes Logo der Europäischen Weltraumorganisation Esa, gefolgt von den 23 Flaggen ihrer Mitgliedsländer. Vor dem großen Konferenzsaal: Zwei Modelle der europäischen Raketen Ariane und Vega – und ein großes Banner, das das Thema der nächsten zwei Tage vorgibt: „Europas Autonomie und Resilienz stärken.“

500 Minister, Beamte, Raumfahrtfunktionäre aus 23 Ländern kommen in Bremen zur sogenannten Ministerratskonferenz der Esa zusammen. Bis Donnerstag wollen sie über die Programme, Pläne und Projekte im All für die nächsten drei Jahre entscheiden – und welche Gelder die Mitgliedsstaaten dafür beisteuern.

Autonomie, Resilienz – das ist ein neuer Tonfall bei der Esa. War vor drei Jahren das Motto der Konferenz noch „Wissenschaft, Partnerschaften und Innovation“, geht es nun in der europäischen Raumfahrt stärker denn je um handfeste Sicherheitsinteressen.

„Es ist der entscheidende Moment, um Investitionen zu tätigen“, sagt Josef Aschbacher, Generaldirektor der Esa. Viel stehe auf dem Spiel: Europas Rolle in der weltweiten Raumfahrt, die Stärke der europäischen Raumfahrtindustrie – und, angesichts der geopolitischen Lage, auch Europas Verteidigungsfähigkeit.

Im Weltraum liegt Europa zurück

Bei allen Punkten hat Europa noch einigen Nachholbedarf. Gemessen an der Wirtschaftskraft investiere Europa zu wenig in die Raumfahrt, sagt Aschbacher. „Wir liegen zurück und wir müssen uns steigern.“

Mit der Diagnose ist der führende europäische Raumfahrtmanager nicht allein. „Die Wettbewerbs- und Innovationslücken Europas vergrößern sich, und der Weltraum bildet dabei keine Ausnahme“, warnen die Autoren des Think-Tanks European Space Policy Institute (ESPI) in einem neuen Report.

Die USA haben seit Anfang des Jahres 163 Raketen ins All geschickt – Europa fünf. Zehn Raumschiffe mit Astronauten sind in den USA gestartet, in Europa keines. Erst recht Satelliten: Die USA haben 11.244 im All – Europa 1351. Wäre Raumfahrt ein Quartett-Spiel, dann hätte Europa keine besonders guten Karten.

Damit droht der Kontinent laut den ESPI-Experten wirtschaftlich Anschluss zu verpassen in einem Wachstumsmarkt – 613 Milliarden Dollar hat die Raumfahrtbranche weltweit im Jahr 2024 umgesetzt, so die NGO Space Foundation.

Aufklärungsbilder fürs Militär

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Doch auch geopolitisch wächst der Druck: „Der Krieg in der Ukraine unterstreicht, wie unverzichtbar weltraumgestützte Fähigkeiten für die moderne Kriegsführung sind“, schreiben die Autoren des ESPI-Reports. Schalten die USA in der Ukraine die Starlink-Kommunikation ab, liefern keine Satellitenbilder mehr, hat die Armee ein ernstes Problem.

Mit ihrem Vorschlag für das neue Budget will die Esa gegensteuern. 22 Milliarden Euro möchte Generaldirektor Aschbacher von den Mitgliedsländern zugesichert bekommen. Mehr also als die rund 17 Milliarden Euro in den vorherigen drei Jahren, auch wenn man die Inflation berücksichtigt.

Geld für deutsche Raketenbauer

Der wichtigste Posten im Budgetvorschlag, mit einem Anteil von 17,5 Prozent: Transporte ins All. Die große Ariane-6-Rakete und die kleinere Vega, die beide als Modell in Bremen ausgestellt sind, sind aktuell Europas einziger souveräner Zugang in den Weltraum. Doch deren Kapazität dürfte nicht reichen für die großen Flotten aus hunderten Satelliten, die etwa die EU und die Bundeswehr jeweils planen. „Einen wirklich verfügbaren Zugang ins All haben wir in Europa, wenn wir auf Zuruf starten können“, sagt Christian Schmierer, Chef des deutschen Raketen-Start-ups Hyimpulse. „Davon sind wir immer noch weit weg.“

Doch es tut sich etwas: Hyimpulse ist einer der neuen Raketenbauer, in den die Esa zuletzt investiert hat. Mit 11,8 Millionen Euro der Raumfahrtagentur will das Start-up die Entwicklung seines Launchers SL-1 beschleunigen. „Wir wollen in zwei Jahren die erste Orbitalträgerrakete starten“, sagt Schmierer. „Die ersten Komponenten der SL-1-Rakete sind im Bau."

Über beträchtliche Zuwendungen könnten sich nach der Konferenz in Bremen möglicherweise auch die beiden deutschen Konkurrenten Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg freuen. Die beiden Unternehmen gehören zu einer Auswahl von fünf Start-ups, die im Rennen sind um jeweils bis zu 169 Millionen Euro Esa-Förderung.

Mit dieser „European Launcher Challenge“ will die Raumfahrtbehörde das Angebot an Trägerraketen in Deutschland steigern und so einen robusteren Zugang ins All schaffen. Und einen besseren Service für Satellitenbetreiber: „Wenn wir in Europa starten, können wir von der Logistik bis zur Exportkontrolle eine deutlich bessere Dienstleistung anbieten als SpaceX“, sagt Hyimpulse-Gründer Schmierer.

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von Andreas Menn

Mehr Autonomie für Europa soll ein weiteres Programm namens „European Resilience from Space“ schaffen. Das Ziel: Eine Flotte aus Erdbeobachtungssatelliten, die in der Lage sind, alle 20 bis 30 Minuten aktuelle Bilder von einem Punkt auf der Erde zu liefern, egal bei welchem Wetter. Eine Milliarde Euro peilt die Esa für dieses neue Programm an. Geplant sind hochauflösende Kameras, Radarsensoren, möglicherweise auch Infrarotsensoren im All. Ihre Bilder und Daten dürften nicht nur etwa für den Katastrophenschutz von Interesse sein, sondern auch für das Militär.

Ab 2028 sollen die ersten Satelliten für diese Aufklärungsflotte im All sein. Auch Datenverbindungen via Weltall sollen mit dem Programm ausgebaut werden, obendrein: Ein neuartiges Navigationssystem namens PNT, dessen Satelliten im niedrigen Erdorbit fliegen. Experten erwarten von solchen Systemen, die eine höhere Signalstärke als etwa GPS haben, genauere Positionsdaten sowie seltenere Ausfälle durch vorsätzliche Signalstörungen (Jamming).

Neben der Beobachtung der Erde plant die Esa auch Missionen gegen außerirdische Gefahren: Sonden, die vor gefährlichen Sonnenstürmen warnen (Vigil), die gefährlichen Weltraumschrott abschleppen (Adrios) und einen Asteroiden mit Armageddon-Kaliber untersuchen, der die Erde im Jahr 2029 nur knapp verfehlt (Ramses).

Ob ein Budget von einer Milliarde Euro für die Erdbeobachtung und Navigation reicht, muss sich zeigen. Was sich abzeichnet: Deutschland dürfte diesmal deutlich mehr Geld in den Esa-Topf werfen – statt 3,5 Milliarden Euro sind fünf Milliarden im Gespräch. Da jeder Staat gemäß seinem Anteil auch Industrieaufträge der Esa erhält, dürfte das mehr Geld für deutsche Luft- und Raumfahrtunternehmen bedeuten.

Von denen gibt es allein im Bremen 140, darunter Airbus, ArianeGroup und OHB. In einer Halle beim Raumfahrtkonzern Airbus etwa bauen Ingenieure das europäische Antriebs- und Versorgungsmodul für das Orion-Raumschiff, mit dem Nasa-Astronauten ab dem nächsten Frühjahr mehrfach zum Erdtrabanten fliegen sollen.

Wie lange die Kooperation mit der Nasa nach Plan weiterläuft, wird angesichts der geopolitischen Situation immer unsicherer. Esa-Chef Aschbacher hat sich schon früher gegenüber der WirtschaftsWoche für eigene Fähigkeiten ausgesprochen, Astronauten ins All zu schicken. Immerhin arbeitet die Esa nun an einem Frachter für Mondflüge. In Bremen wird entschieden werden, wie viel Geld bereitsteht für Rover, Experimente und andere Geräte, die beim ersten europäischen Mondflug dabei sein sollen.

Denn die Erkundung des Alls, Forschung und Wissenschaft bilden immer noch den Kern der Esa. Neben einer Mission zum Mars im Jahr 2028 plant die Agentur Missionen zur Venus, zu einem Kometen und zum Saturnmond Enceladus, unter dessen Eiskruste es Lebewesen geben könnte.

Doch bis eine Sonde dort ankommt, brauche es zehn Jahre Technologieentwicklung, zehn Jahre Bau und zehn Jahre Flug, heißt es bei der Esa. Bei allen Aktivitäten im Erdorbit: Beim Aufbruch ins Sonnensystem steht die Menschheit technologisch noch ganz am Anfang.

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