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Ethiker Axel W. Bauer „Das Designen von Tieren und Menschen wird kommen“

DNS in einem Reagenzglas (Illustration) Quelle: imago images

Die ökonomischen Versprechen der Synthetischen Biologie sieht der Ethiker Axel W. Bauer skeptisch. Er fürchtet, dass irgendwann nicht nur die Gene von Einzellern, sondern auch von Tieren und Menschen verändert werden.

WirtschaftsWoche: Ist die Herstellung synthetischer DNA, also künstlichen Erbguts, grundsätzlich moralisch fragwürdig?

Axel W. Bauer: Die Nutzung synthetischer DNA-Moleküle zur reinen Informationsspeicherung ist meiner Ansicht nach ethisch nicht zu kritisieren. Da stellt sich allenfalls die Frage nach der Präzision und Sicherheit dieses neuen Speichermediums. Bioethisch brisant wird es immer erst, wenn veränderte Gene in lebende Zellen eingebracht werden. 

Aber auch da gibt es keine letztbegründete, unbezweifelbare Antwort, denn der Mensch war schon immer ein Lebensgestalter, ein Homo Faber, der in biologische Prozesse eingreift. Und religiöse Bedenken gegen den Menschen als Homo Creator, als einen „Schöpfer“ des Lebens, treffen nicht den Kern des Problems, weil die Synthetische Biologie ja nicht künstliches „Leben“ schafft. Wie aus chemischen Molekülen eine lebende Zelle wird, bleibt nach wie vor ein Rätsel. Die Synthetische Biologie modifiziert aber das Leben. Wenn veränderte DNA zu veränderten Mikroorganismen und Genprodukten führt, würde auch ich als konservativer Ethiker nicht behaupten, dass das grundsätzlich illegitim wäre. Etwas anderes wäre es natürlich, veränderte DNA in die menschliche Keimbahn einzufügen, schon weil man nicht weiß, welche langfristigen Folgen das für die Nachkommen hätte. Man kann schließlich auch nicht den Betroffenen fragen – der würde ja durch diesen Eingriff erst „hergestellt“. Darum ist die künstliche Veränderung menschlicher Keimbahnzellen nach Paragraf 5 des Embryonenschutzgesetzes schon seit 1991 verboten.

In den USA kann man schon maßgefertigte DNA per Internet bestellen. Hierzulande legen sich Union und SPD im Koalitionsvertrag auf ein Gentechnik-Anbauverbot fest und lehnen Patente auf Pflanzen und Tiere ab. Ebenso das Klonen von Tieren zur Lebensmittelerzeugung. Schlechte Chancen für die Kommerzialisierung der Synthetischen Biologie in Deutschland, oder?

Auffällig ist, dass im Koalitionsvertrag das reproduktive Klonen von Tieren lediglich zur Lebensmittelerzeugung „abgelehnt“ wird, nicht aber das Klonen zu anderen Zwecken. Im Deutschen Ethikrat, in dem ich von 2008 bis 2012 Mitglied war, haben wir die Erfahrung gemacht, dass man im Koalitionsvertrag der vergangenen Legislaturperiode manches nicht erwähnt hat, was dann doch gesetzlich geregelt wurde. Zum Beispiel stand dort nichts von einer geplanten Regelung zur Sterbehilfe. Doch dann verabschiedete der Bundestag im November 2015 den neuen Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches, der lediglich die „geschäftsmäßige“ Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt und der nun dem Bundesverfassungsgericht zur Prüfung vorliegt. Ich befürchte für die laufende Legislaturperiode die Verabschiedung eines Fortpflanzungsmedizingesetzes, das den Embryonenschutz gänzlich zur Disposition stellen wird. Dazu steht jedoch im aktuellen Koalitionsvertrag keine Silbe.

Bei aktuellen Anwendungen synthetischer DNA geht es um Bakterien, also Einzeller. Fallen die rechtlich unter „Pflanzen und Tiere“?

Als man die Bakterien im 19. Jahrhundert entdeckte, hat man sie zunächst zu den Pflanzen gezählt. Später zählte man sie zur Tierwelt. Heute gelten Bakterien als Prokaryonten, also als Zellen ohne Kern. Sie dürften nicht unter die im Koalitionsvertrag abgelehnte Patentierung von Pflanzen und Tieren fallen. Dazu kommt noch die Frage, ob man die neuen Organismen patentieren lassen kann oder nur die Verfahren zu ihrer Erzeugung. Natürlich wollen Unternehmen Patente auf Organismen haben. In der Tagungsdokumentation des Deutschen Ethikrats „Werkstatt Leben“, die 2013 erschien, wird erwähnt, dass Synthetische Biologie, also die Einbringung künstlich veränderter DNA in lebende Organismen, noch weitgehend Grundlagenforschung ist. Es gibt aber schon einzelne Produktentwicklungen mit Marktzugang, zum Beispiel den Anti-Malaria-Wirkstoff Artemisinin.

Der bekannte Gen-Forscher Craig Venter stellt in Aussicht, dass die Menschheit dank synthetischer Einzeller, die künstliches Fleisch, Milch, Leder, Seide produzieren, irgendwann nur noch ein Zehntausendstel der Landwirtschaftsfläche bräuchte.

Das sind typische Übertreibungen, die man als Reklame verbuchen sollte. Vielleicht schafft man es, dass Bakterien große Mengen an homogenen tierischen Muskelzellen produzieren. Aber das wäre dann kein normales Fleisch, zu dem eben auch Fett, Bindegewebe und Blutgefäße gehören. Ob dieses Produkt dann gut schmecken würde, bleibt vorerst fraglich. Ich würde da jedenfalls kein Wagniskapital investieren. Die Synthetische Biologie ist als Geschäftsmodell einstweilen jedenfalls hoch spekulativ. Was hatte man sich zu Beginn der 2000er Jahre nicht alles von der Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen versprochen: die Heilung schwerer Krankheiten wie Parkinson, Krebs und Multiple Sklerose. Es ist so gut wie nichts Brauchbares dabei herausgekommen. Von den Heilsversprechen ist keine Rede mehr. Und so muss man auch bei der Synthetischen Biologie vorsichtig sein. Es ist anzunehmen, dass allerlei dabei herauskommen wird. Aber wir sollten nicht glauben, dass man die Fleischproduktion einstellen könne, weil Bakterien demnächst die Steaks produzieren.

"Nebenwirkungen, die man nicht voraussagen kann"

Darüber, dass man die Erbanlagen von Menschen nicht künstlich „designen“ darf, besteht weitestgehend Einigkeit. Wird das so bleiben?

Die Einigkeit in der Ablehnung ist deswegen da, weil es bisher technisch nicht funktioniert. Es ist immer leicht, etwas moralisch zu verurteilen, das man ohnehin nicht beherrscht. In dem Moment aber, wo es reibungslos funktionieren würde, wäre ich sehr viel skeptischer, ob die Einigkeit noch da wäre.

Besitzt auch ein Einzeller so etwas wie eine Würde oder zumindest Schutzwürdigkeit als Lebewesen?

Immanuel Kant begründete die Würde des Menschen mit dessen Teilhabe an der Vernunft. Für das Christentum liegt der Grund der Würde in der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Neben dieser anthropozentrischen Sichtweise gibt es aber auch eine pathozentrische Ethik, die Tiere deshalb mitberücksichtigt, weil sie leiden können. Der australische Bioethiker Peter Singer etwa sieht zwar menschliche Embryonen nicht als würdevoll an, weil sie seiner Meinung nach nicht leiden können, wohl aber zum Beispiel Affen! Dass irgendjemand jedoch Bakterien oder andere Mikroorganismen um ihrer selbst willen schützen möchte, habe ich noch nicht gehört. Wenn jemand diesbezüglich Bedenken hat, dann beziehen sich diese auf Gefahren für die übrige Natur, also etwa darauf, dass synthetische Organismen aus dem Labor ins Freie gelangen und dort Wirkungen hervorrufen könnten, die bislang in der Evolution noch nie vorgekommen sind.

Halten Sie diese Gefahr für real?

Gefahren sind real, zahlreich und unkalkulierbar. Man muss unterscheiden zwischen Safety und Security. Safety meint Sicherheit im Sinne von: Das Verfahren produziert genau das, was auch produziert werden soll. Etwas anderes sind Security-Fragen: Wie anfällig ist ein Verfahren gegen Obstruktion von außen, also gegen Hackerangriffe oder Terroristen.

Prof. Dr. Axel W. Bauer ist Leiter des Fachgebiets Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Heidelberg. Er war von 2008 bis 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Ist es denkbar, dass die Techniken zur Schaffung neuer Einzeller irgendwann zum Designen größerer Lebewesen umfunktioniert werden?

Im Moment ist das noch Zukunftsmusik. Aber man muss wohl davon ausgehen, dass so etwas eines baldigen Tages geschehen wird. Es wäre sonst das erste Mal, dass eine neue Technik nicht missbraucht würde. Aber man wird sie nicht deswegen einfach verbieten können. Ich persönlich bin gegenüber biotechnologischen Entwicklungen generell nicht euphorisch eingestellt, doch ich sehe immer wieder, wie schwierig es ist, diese als innovativ geltenden Verfahren gesetzlich zu regulieren. Wenn ich also sage: Das Designen von Tieren und Menschen wird wohl kommen, so ist das ein Ausdruck von Pessimismus.  

Also sind die Ängste vor neuen, gefährlichen Wesen, vor Klon-Kriegern und ähnlichen Science-Fiction-Szenarien berechtigt?

Wir sollten uns hüten vor einem genetischen Reduktionismus nach dem Muster: Man ändert diese und jene DNA-Bausteine und erhält dadurch am Ende dieses und jenes Lebewesen. So funktioniert das Leben nicht. Schon die embryonale und fötale Entwicklung verläuft komplexer. Nach der Geburt kommen die psychischen und sozialen Beziehungen zwischen Individuum und Umwelt hinzu. Der junge Mensch wächst nach der Geburt erst einmal heran und entwickelt sich in nicht voraussagbarer Weise.

Vor 60 Jahren hielt man die Kernspaltung für die Lösung aller Energieprobleme. Heute sehen viele Menschen sie als Sündenfall der Physik. Könnte das irgendwann einmal auch für die Genforschung gelten?

Bei neuen Technologien entstehen meist Nebenwirkungen, positive und negative, die man zu Anfang nicht voraussagen kann. Als von 1968 an das Arpanet für militärische Zwecke entwickelt wurde, konnte niemand voraussehen, dass heute Millionen Menschen durch die Straßen laufen, die wie gebannt auf ihre Smartphones starren. So ähnlich kann das auch bei der Genforschung sein. Sie könnte ganz andere Segnungen oder Missstände hervorbringen, als all diejenigen, über die wir heute diskutieren.

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