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Gefälschte Medikamente Das schmutzige Geschäft der Pillen-Mafia

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Tödliche Zulieferungen

25 Millionen gefälschte Medikamente wurden 2010 allein in Deutschland vom Zoll beschlagnahmt. In kriminellen Werkstätten wie dieser in Kolumbien werden Pillen gepresst, die zu wenig, zu viel oder gar keinen Wirkstoff enthalten. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)

Im Spätsommer 2006 kam der Hustensaft in Umlauf. Ab September mehrten sich in Panama-Stadt lebensbedrohliche Fälle von Nierenversagen und Lähmungen, die zu keinem bekannten Krankheitsbild passten. Der Infektionsspezialist Néstor Sosa wurde zu Hilfe gerufen, denn zunächst vermuteten die Ärzte einen neuen Erreger. Sosa kam schließlich der Ursache auf die Spur: „Es ist kein Virus, das die Menschen umbringt, es ist unser Medikament.“

Auch in Europa ist die Gefahr, auf solche tödlichen Zulieferungen hereinzufallen, enorm gestiegen. Das belegen Analysen der EU-Kommission. Viele der rund 700 europäischen Pharmahersteller beziehen Vorprodukte und sogar die aktiven Arzneimittelwirkstoffe aus Drittländern. Vor allem die Generikahersteller lassen sich die Wirksubstanzen von außereuropäischen Herstellern liefern. Laut EU-Analyse haben Generikaunternehmen zwischen 200 und 1000 solcher Zulieferer. Insgesamt versorgen etwa 4500 Lieferanten mit 20 000 Produktionsstätten Europas Pharmaindustrie mit medizinischen Wirkstoffen. 90 Prozent der Produktion stammt aus Indien und China.

Weil auch die Medikamentenhersteller längst nicht mehr alle Lieferanten persönlich kennen, versuchen sie sich vor bösen Überraschungen zu schützen: Sie nehmen Stichproben der eingehenden Ware und analysieren sie, bevor sie sie weiterverarbeiten. Tatsächlich hätte ein solcher Check auch die Todesfälle in Panama verhindert. Das giftige Glykol wäre sofort aufgefallen.

Doch auch die Fälscher lernen dazu und werden immer professioneller. Sie umgehen gezielt die Qualitätstest und tricksen die Analytiker aus. Selbst seriöse Hersteller können so perfekt getäuscht werden, dass sie guten Gewissens ein tödliches Produkt über die ganz legalen Vertriebswege wie Apotheken und Kliniken verkaufen.

Neu und beunruhigend

Genau das passierte beim Blutgerinnungshemmer Heparin. Er wird Patienten in Kliniken standardmäßig nach Operationen gespritzt, damit sich keine Blutgerinnsel bilden, die eine Thrombose oder einen Infarkt auslösen könnten. Heparin wird aus dem Schweinedarm gewonnen. Weil im bevölkerungsstarken China auch viel Schweinefleisch gegessen wird, hat sich das Land zum weltweit wichtigsten Lieferanten von Heparin entwickelt.

Doch dann raffte eine Virusinfektion die chinesischen Schweinebestände dahin, das Heparin wurde knapp – und teuer. Anfang 2008 stieg der Marktpreis innerhalb weniger Wochen um 400 Prozent. Kriminelle erkannten ihre Chance und streckten das Produkt mit einer heparinähnlichen Substanz, dem sogenannten übersulfatierten Chondroitinsulfat (OSCS). Es ist etwa 200-mal billiger als Heparin.

Der Vorteil für die Fälscher: OSCS war praktisch nicht nachzuweisen. Denn auch OSCS hemmt die Blutgerinnung – zwar anders als Heparin, aber es reichte, um den Gerinnungstest der Qualitätsanalysen zu täuschen. So passierte die gepanschte Ware alle Sicherheitskontrollen, sowohl in China als auch in Europa und USA. Dass etwas nicht stimmte, fiel erst auf, als erste allergische Reaktionen mit Todesfolge gemeldet wurden. Sie summierten sich weltweit auf knapp 100 Fälle.

„Da klingelten bei uns und vielen anderen in der Branche die Alarmglocken“, sagt Amgen-Qualitätsmanager VanTrieste: „Es war offensichtlich, dass da etwas ganz Neues und sehr Beunruhigendes passierte.“

Wie kurz zuvor beim giftigen Melamin in chinesischem Milchpulver kamen Fälschungen in Umlauf, die biochemisch so perfekt waren, dass sie jede Kontrolle passierten. Eine neue Generation von Fälschern war am Werk, die genau wusste, was sie tat. Eine echte Molekül-Mafia.

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