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Medizin Erste universelle Krebsimpfung in Sicht

Einem deutschen Forscherteam um Ugur Sahin ist ein entscheidender Durchbruch bei einer sogenannten therapeutischen Impfung gegen Krebs gelungen. Sahin, gleichzeitig Chef des Mainzer Biotechnik-Unternehmens Biontech, glaubt damit in fünf Jahren auf dem Markt sein zu können.

Quelle: dpa

Wenn sich in den kommenden Tagen an die 30.000 Wissenschaftler und Ärzte auf dem alljährlichen Krebskongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago treffen, wird eine Arbeit heiß diskutiert werden: Die des Mainzer Forschers Ugur Sahin, dem Gründer des Biotech-Unternehmens Biontech. Er hat mit Kollegen eine neue, universelle und hochwirksame Art der Krebsimpfung entwickelt – und einen Artikel über die ersten Ergebnisse an drei Hautkrebs-Patienten gerade in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins „Nature“ veröffentlicht.

Bisher waren die Erfolge solcher therapeutischen Krebsimpfungen eher mäßig. Doch Sahin hat nun einen Trick angewandt: Er spritzt Nanopartikel – winzige Fetttröpfchen, die mit Suchmotiven für die Krebszellen beladen sind - ins Blut und gaukelt so dem gesamten Körper eine Virusinfektion vor.

Formen der Krebs-Therapie

Eine solche Viruserkrankung übersieht das Immunsystem nicht und richtet sofort alle verfügbaren Abwehrzellen auf den Feind. Wie dieser Feind aussieht, das lernen die Immunzellen durch die Impfung: Die in den Nanopartikeln verpackten Krebs-Suchmotive weisen den Weg und ermöglichen es den Abwehrzellen, große Krebswucherungen, aber auch kleinste Tochter-Tumore, die Metastasen, überall im Körper zu finden.

Die Aktivierung der Immunabwehr gegen den Krebs funktionierte sowohl im Tierversuch als auch bei drei Patienten mit fortgeschrittenem Hautkrebs hervorragend ohne vor allem ohne gefährliche Nebenwirkungen, wie Sahin und sein Team nun in der aktuellen Nature-Ausgabe beschreiben.

Mit den Nanopartikeln, die von den Immunzellen mitsamt ihrer Wegbeschreibung zu den tödlichen Tumorzellen gerne aufgenommen werden, hat Sahin einen „universellen Zustelldienst“ entwickelt, wie er sagt: „Wir müssen die Pakete nur mit den richtigen Impfstoffen beladen.“

Wenn alles weiter so gut funktionert wie in den bisherigen Versuchen, könnte eine erste solche Krebsimpfung schon in fünf Jahren zulassungs- und damit marktreif sein, sagt Sahin. Diese ließe sich dann sehr schnell auf jede Krebsart übertragen. Der Biontech-Chef hat damit einen Weltmarkt für Krebsmedikamente von derzeit schon weit über 100 Milliarden Dollar im Visier.

Gerade weil Biontech für vorangegangene Generationen von Krebsimpfungen schon einen riesigen Fundus von Impfmotiven entwickelt hat, finden sogar Konkurrenten wie Christian Schetter, Chef der des Bonner Biotechnik-Unternehmens Rigontec, das neue Konzept „sehr interessant“. Sahin habe die Sache „sehr gut verpackt“, sagt Schetter - und meint das durchaus doppeldeutig: Zum einen seien die mit Impfstoff befüllten Nano-Lipidpartikel eine sehr vielversprechende Strategie. Aber auch der Zeitpunkt der „Nature“-Veröffentlichung vor dem weltgrößten Krebskongress sei exzellent gewählt, um von einer großen Zahl von Krebsforschern und Ärzten wahrgenommen zu werden.

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