Nahrungsmittel-Engpässe Biolandwirtschaft ist ein fatales Luxusgut

Ein Landwirt zeichnet bei Erfurt ein 200m großes Peace-Symbol auf sein Feld. Quelle: imago images

Die rein biologische Landwirtschaft ist ein Luxusgut, das nur wir uns in den reichen Industrienationen leisten können. Oder besser: konnten. Der Ukraine-Krieg macht das mehr als deutlich. Es braucht ein Umdenken! Ein Kommentar.

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Wieder einmal ist es Wladimir Putin gelungen, eine Schwachstelle des Westens auszumachen. Der russische Präsident will Getreidelieferungen freigeben, wenn Europa im Gegenzug die Sanktionen gegen sein Land fallen lässt. Er setzt Hunger als Waffe ein. Tatsächlich haben die EU und Deutschland in den vergangenen Jahren nicht nur bei Öl und Gas blauäugig agiert. Das trifft auch auf die Landwirtschaft zu.

Dass Russland und die Ukraine zur Kornkammer der Welt wurden, hat die hiesige Politik bequem hingenommen, hierzulande den Bioanbau ausgeweitet, die Gentechnik verboten. Beide politischen Schritte machen uns nun angreifbar, man könnte sogar überspitzt sagen, beides tötet potenziell irgendwo auf dem Planeten Menschen. Da hilft es wenig, dass Deutschland sich weitgehend selbst versorgen kann - mit Luxus-Bio-Weizen.

Besonders West- und Nordafrika sind abhängig von ukrainischem und russischem Getreide. Unterbindet Putin mit seinem Krieg in der Ukraine und Exportverboten die Versorgung dieser Weltregionen, wird das zwangsläufig zu neuen Flüchtlingsströmen auch in Richtung Europa führen. Forscher haben errechnet, dass ein Prozent mehr Hunger zwei Prozent mehr Migration bedeuten. Das dürfte Europa erneut destabilisieren, rechtsextreme europafeindlichen Parteien dürften neuen Auftrieb bekommen. Einspringen können hiesige Landwirte für von Putin zurückgehaltene Mengen bisher kaum – zumindest nicht nach heutigen Regeln.

Wir müssen uns also zwingend über Bioanbau und Gentechnik unterhalten!
Die Ausweitung der Biolandwirtschaft hat den Output dieser Anbauflächen in den vergangenen Jahren deutlich reduziert. Schädlinge fallen über das ungeschützte Getreide her. Der Erdfloh etwa macht bei einem Bauern schnell mal 50 Prozent der Rapsernte kaputt. Manch anderes Ungeziefer zerstört gleich ganze Felder. Ohne Stickstoffdünger fehlt den Pflanzen zudem Nährstoff. Die Ernte fällt kleiner aus. Es fehlt beim Getreide etwa an Eiweiß und anderen Eigenschaften, die es zum Brotbacken braucht. Die mickrige Ernte ist dann nur als Viehfutter zu gebrauchen.

Statt die radikale Biolandwirtschaft zu fördern, sollte die Politik also lieber eine kluge, nachhaltigere konventionelle Landwirtschaft voran treiben. Eine die beispielsweise auf Pflanzenschutz setzt, der den Bienen nicht schadet. Dem Verbraucher bleibt es freilich frei, Bio zu kaufen. Er sollte sich aber bewusst sein, dass er damit wertvolle Ackerbaufläche für ein Luxusgut opfert, die der Nahrungsversorgung auf der Welt entzogen wird.

Aber nicht nur bei der Biolandwirtschaft braucht es ein Umdenken. Das gilt auch für den Einsatz von Gentechnik auf dem Acker. Schon heute gibt es etwa gentechnisch veränderten Mais, dem der europäische Maiszünsler, ein Kleinschmetterling, und mit ihm verbundene Pilz- und Bakterienerkrankungen nichts anhaben können. Solch ein modifizierter Mais aber darf in Deutschland nicht angebaut werden. Schließlich gelten hierzulande mit die schärfsten Gengesetze der Welt. Und das, obwohl schon vor Jahren 60 Millionen Euro an staatliche und universitäre Einrichtungen geflossen sind, um mögliche Nebenfolgen der Gentechnik für die Umwelt und die Gesundheit von Mensch und Tier zu untersuchen. Das Ergebnis: Nachweisen ließ sich nichts.

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Der von den deutschen Biologen Ingo Potrykus und Peter Beyer initiierte „goldene Reis“ etwa könnte statt dessen Millionen von Leben retten. Die Reissorte ist gentechnisch so verändert, dass eine Portion den Bedarf an Vitamin A, Zink und anderen Vitaminen deckt – und damit die Unterernährung beenden könnte. Andere genveränderte Lebensmittel könnten auch uns helfen, wie die Kartoffel, die beim Frittieren nur noch wenig Acrylamid produziert, das vermutlich krebserregend ist.

Auch wenn ein Umsteuern der Politik die unmittelbare Krise nur bedingt abmildern kann, so könnte sie zumindest langfristig wirken. Denn Hitzewellen wie zuletzt in Indien, die der Getreideproduktion massiv zusetzen, wird es künftig aufgrund des Klimawandels wohl noch häufiger geben. Gleiches gilt für Starkregen, der Ernten vernichten kann. Und Länder wie Russland können auch künftig Hunger als Waffe nutzen. Wir müssen in Europa daher die technischen Möglichkeiten intelligent ausnutzen, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, und nicht in einen Ackerbau wie im 18. Jahrhundert zurückfallen, wo Hungersnöte auch unseren Kontinent plagten.

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