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Reisen Grippe oder Coronavirus: Das sind die sichersten Plätze im Flugzeug

Südkoreanische Soldaten desinfizieren ein Flugzeug. Quelle: dpa

Sind Menschen stundenlang in einer Metallröhre zusammengepfercht, kann sich ein Virus unter ihnen schnell ausbreiten. Doch mit der Platzwahl im Flieger können Passagiere ihr Risiko reduzieren, haben Wissenschaftler herausgefunden.

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Wer derzeit durch den Flughafen von Singapur zum Abfluggate schlendert, kommt an Soldaten vorbei, die auf Monitore starren. Darauf sind Wärmebilder zu sehen, die verraten, welche Flugpassagieren womöglich Fieber haben. Kein mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 Infizierter soll an Bord einer Maschine. Ähnlich läuft es an Flughäfen in Japan und anderen asiatischen Ländern.

Tatsächlich ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei Infektionskrankheiten beträchtlich – vor allem, wenn ein kranker Passagier niest, hustet oder sich übergibt. Laut WHO ist die Gefahr, sich anzustecken, vor allem bei denjenigen groß, die in derselben Reihe sowie in den zwei Reihen vor und zwei Reihen hinter dem Infizierten sitzen. Denn viele Grippe- und auch Coronaviren verbreiten sich über Tröpfchen in einem Umkreis von rund einem Meter durch die Luft. Gelangen sie ins Auge, in den Mund oder die Lunge eines anderen Menschen, kann auch dieser erkranken. Auf dieser Annahme beruhen unter anderem die Vorsichtsmaßnahmen im Flugzeug, die das Robert-Koch-Institut (RKI) und andere Seuchenkontrollstellen in Europa empfehlen.

Eine Studie, die Epidemiologen aus den USA und Asien nach dem Ausbruch der ersten Coronavirus-Erkrankung SARS (SARS-CoV) anfertigten, ergab jedoch schon 2003, dass die Ansteckungsgefahr auch anderswo im Flugzeug signifikant ist. Dafür untersuchten sie etwa den Flug einer Boeing 737 von Hongkong nach Peking.


Ein 72-jähriger mit SARS infizierter Mann auf Platz 14E hatte seit einigen Tagen Fieber und starb später an der Lungenkrankheit. Der sogenannte Indexpatient – also derjenige, auf den weitere Infektionen zurückzuführen sind – steckte auf dem Flug wahrscheinlich 22 der 120 Menschen im Flieger an, einschließlich zweier Flugbegleiter. Mehr als die Hälfte der so Infizierten saß aber nicht im von der WHO definierten unmittelbaren Gefahrenbereich.

Warum sich diese Menschen trotzdem angesteckt haben, dafür kommen den Wissenschaftlern zufolge mehrere Ursachen infrage. Ein möglicher Übertragungsweg ist die Warteschlange beim Einsteigen oder das Einsteigen selbst. Ein infizierter Passagier kann aber auch Menschen anstecken, wenn er zur Toilette geht und dabei durchs halbe Flugzeug läuft.

Die Emory University in Atlanta hat aus diesem Grund im Jahr 2018 die Bewegungen von Passagieren bei Mittel- und Langstreckenflügen untersucht. Dazu war das Team bei zehn Flügen an Bord, die zwischen 3,5 und 5 Stunden dauerten. Die Wissenschaftler beobachteten, wie Passagiere durchs Flugzeug laufen, und simulierten anschließend im Computer die Wahrscheinlichkeiten, bei wem sich ein Infizierter mindestens einmal auf dem Flug bis auf einen Meter nähert. Der vermeintlich Infizierte saß dabei in der Mitte des Flugzeugs, auf Platz 14C.

Das sind die sichersten Plätze im Flugzeug

Die Erkenntnis: Plätze am Fenster (siehe Grafik) sind die sichersten, solange sie nicht in der Nähe des Infizierten lagen. Ein deutlich höheres Risiko hatten Passagiere, die auf einem Mittel- oder Gangplatz saßen. Ihnen kann sich ein Reisender, der bereits infiziert ist, beispielsweise auf dem Weg zur Toilette nähern. Bei der Simulation allerdings nahm das Risiko auch hier ab, je weiter vorn im Flugzeug die Passagiere saßen. Ein sehr hohes Risiko, sich anzustecken, hatten Flugbegleiter und diejenigen, die im unmittelbaren Umfeld des Infizierten saßen.

Während ein Passagier bei der Buchung keinen Einfluss darauf hat, ob er in der Nähe eines infizierten Reisenden sitzt, kann er zumindest das Risiko einer Ansteckung dadurch reduzieren, dass er einen Platz am Fenster und weit vorn im Flugzeug reserviert. Er senkt das statistische Risiko eines Kontakts zudem, wenn er sich nicht in die Boarding-Schlange einreiht, sondern erst spät ins Flugzeug steigt. Auf Toilettengänge zu verzichten, hilft ebenfalls.

Die EU-Arbeitsgruppe Airsan, zu der auch das RKI gehört, empfiehlt, sich die Hände regelmäßig mit Wasser und Seife zu waschen oder ein Desinfektionsmittel zu nutzen. Auch ist es wichtig, dass Reisende sich nicht in die Augen, an die Nase oder an den Mund fassen. So verhindern sie, dass das Virus über Schleimhäute in den Körper gelangt – etwa, nachdem sie einen kontaminierten Sitz angefasst haben.

Die Klimaanlagen im Flugzeug zumindest dürften in den meisten Fällen nicht als Quelle einer Infektion taugen. Bei der Lufthansa und ihren Konzerntöchtern etwa sind die Flugzeuge mit speziellen Filtern ausgerüstet, die Staub, Bakterien und Viren herausfischen. Der Reinigungsgrad entspreche dem eines Filters, der in klinischen Operationssälen verwendet wird, sagt ein Lufthansa-Sprecher. 40 Prozent der Luft in einem Flugzeug zirkuliert, 60 Prozent wird als Frischluft von außen angesaugt. Auch wird der Luftstrom im Flugzeug so gesteuert, dass er möglichst viele – beispielsweise beim Niesen abgesonderte – Tröpfchen auf den Boden drückt.

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