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Verena Wiederkehr „Warum sollten wir noch Fleisch von Tieren essen?“

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„Bisher werden in Europa Tierprodukte sehr stark gefördert“

Sie halten vegane Schnitzel also nicht für eine vorübergehende Modeerscheinung?
Diese Produkte boomen, und sie werden nicht mehr verschwinden. Immer mehr Verbraucher möchten qualitativ hochwertige Nahrungsmittel konsumieren, die nicht nur für sie selbst gut sind, sondern auch für die Umwelt, für die Tiere, für die anderen Menschen. Zwischen 40 und 60 Prozent der Bevölkerung in den westlichen europäischen Ländern sind darum Umfragen zufolge mittlerweile Flexitarier...

...wie bitte?
Das sind Menschen, die gezielt aktiv an einzelnen Tagen ihren tierischen Konsum reduzieren und durch pflanzliche Lebensmittel ersetzen. Und weil es zunehmend Alternativen gibt, sagen Flexitarier: Okay, ich habe Lust auf Würstchen, aber ich esse dann eben die rein pflanzlichen.

Sind die denn so viel besser für die Umwelt?
Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch schluckt 15.400 Liter Wasser – das entsprechende pflanzliche Produkt nur wenige hundert Liter. Weltweit verwenden wir heute 83 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für die Viehzucht oder die Futtermittelproduktion. Sechs bis neun Kilogramm Futter ergeben ein Kilogramm Rindfleisch. Das bedeutet: Wenn wir die Pflanzen direkt verwenden, statt sie an Tiere zu verfüttern, geben wir riesige Flächen und Ressourcen frei und könnten viel mehr Menschen ernähren.

Fehlen veganen Lebensmitteln nicht wichtige Nährstoffe?
Unser Körper braucht acht essentielle Aminosäuren aus der Nahrung, um Proteine für Muskeln, das Immunsystem oder die Organe herstellen zu können. Vegane Lebensmittel können diese Proteinbausteine und andere unverzichtbare Nährstoffe genauso liefern wie herkömmliches Fleisch.

Die muss man sich aber erst einmal leisten können. Vegane Burger sind meist deutlich teurer als der herkömmliche Fleischklops.
Die traditionelle Tierhaltung wurde über die letzten Jahrzehnte komplett optimiert, der letzte Cent an Effizienzgewinn wurde schon herausgepresst. Bei den pflanzlichen Alternativen ist man erst am Anfang. Aber prinzipiell sind diese Rohstoffe viel, viel preiswerter und man kann günstigere Produkte herstellen. Wenn die Produktion erst einmal hochskaliert wird, können wir auch erwarten, dass die Preise sinken werden.

Was muss noch passieren, bis neuartige Proteine zum Massengeschäft werden?
Es gibt noch einige produktionstechnische Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Das Start-up Mosa Meat in den Niederlanden etwa baut gerade eine Produktionslinie, um die Herstellung im größeren Maßstab zu testen. Auch Memphis Meats aus den USA, das neulich 161 Millionen Dollar eingesammelt hat, hat vor einer Woche erst verkündet, eine Pilotfertigung aufzubauen. Bei der Skalierung betreten diese Unternehmen Neuland. Und dann muss jedes neue Produkt durch die Behörden genehmigt werden, das kostet Zeit.

Viele Ernährungs-Start-ups kommen aus den USA. Wie gut ist Europa aufgestellt?
Es gibt in Europa einige spannende Unternehmen. Mosa Meat zum Beispiel war ja ganz vorne, hat den ersten kultivierten Burger präsentiert. Aber das Investment-Umfeld für junge Unternehmen ist in den USA viel besser. Auch Israel und asiatische Länder sind immer mehr im Kommen. Die Politik könnte da helfen.

Wie zum Beispiel?
Bisher werden in Europa Tierprodukte sehr stark gefördert. Würden bei den Subventionen andere Anreize gesetzt, dann wäre auch der Schwenk zu fleischlosen Proteinen einfacher.

Dagegen dürfte sich die Fleischindustrie wehren, die weltweit eine Billion Dollar umsetzt. Sie wird sich das Geschäft sicher nicht kampflos verderben lassen.
Im Gegenteil, viele Unternehmen sehen schon die Chancen. In unserem Konsortium ist etwa Woerle, ein weltweit aktiver Käseproduzent, der hofft, in vier Jahren die nächste Generation des pflanzlichen Käses auf den Markt zu bringen. Für konventionelles Fleisch im Supermarktregal liegen die Margen im unteren einstelligen Bereich, bei den neuen pflanzlichen Produkten liegen sie um ein Vielfaches höher.

Und was bleibt für die Bauern zu tun? Wenn Sie mit Ihrer Prognose recht haben, können Landwirte schon in ein paar Jahren viel weniger Schweine oder Kühe an den Schlachter verkaufen.
Ein Schlüssel kann sein, dass man die Landwirte unterstützt. Sie brauchen Training, um etwa neue pflanzliche Rohstoffe anzubauen. Der Umbruch bietet Chancen, wenn Bauern sie erkennen. Nehmen Sie Valio, eine Molkerei-Kooperative aus Finnland, die den Landwirten gehört. Die sagt: Wir möchten selbst neue Protein-Produkte entwickeln. Seit zwei Jahren bietet Valio Milch an, die nicht von Kühen stammt – sondern aus Hafer hergestellt wird.

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