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Wissenschaftsorganisation Politiker fordern Aufklärung der Vorgänge bei Fraunhofer

Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, bei der virtuellen Eröffnung ein Forschungszentrums für Mikroelektronik im Fraunhofer-Institut in Dresden. Quelle: dpa

Insider werfen Fraunhofer-Chef Reimund Neugebauer vor, private und dienstliche Angelegenheiten zu vermischen. Nun fordern erste Politiker Konsequenzen.

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Dass die Fraunhofer-Gesellschaft eine Ausstellung von Fotokunst der Gattin ihres Präsidenten Reimund Neugebauer finanziert hat, stößt im politischen Berlin auf Kritik. „Wenn Vorwürfe von Bevorzugung in einer renommierten Wissenschaftsorganisation wie der Fraunhofer-Gesellschaft im Raum stehen, müssen die schnell aufgeklärt werden – sonst droht ein Reputationsschaden“, sagt der wissenschaftspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Kai Gehring.

Den Hinweisen müsse nun unverzüglich nachgegangen werden und die Complianceregeln müssten greifen, so der Politiker. Auch erwarte er, dass Neugebauer zu den Vorwürfen Stellung bezieht. Freiheit und Autonomie der Wissenschaft würden nicht von redlichem Verhalten entbinden, sondern dazu verpflichten.

Die WirtschaftsWoche hatte vergangene Woche über die Finanzierung der Ausstellung der Gattin des Fraunhofer-Präsidenten berichtet. Anstoß nehmen Kritiker zudem am Aufstieg des Strafrechtlers Endrik Wilhelm, einem Skatpartner Neugebauers, der zuletzt bei Fraunhofer Karriere gemacht hat. Der Fraunhofer-Zentrale zufolge hätten die Vorgänge nicht gegen Complianceregeln verstoßen. 

Form der Führung und Zusammenarbeit wichtig

Klare Worte findet dennoch der wissenschaftliche Sprecher der FDP im Bundestag, Thomas Sattelberger. Wissenschaftsorganisationen, insbesondere von Bürgerinnen und Bürgern als Steuerzahler finanzierte, seien in der Exzellenz ihrer Führungskultur besonders gefordert.

„Wir betrachten viel zu oft nur Input und Output, nicht jedoch die Form der Führung und Zusammenarbeit, die mit Ressourcen und Menschen umgeht und möglichst Nützliches für die Gesellschaft hervorbringen soll“, sagt Sattelberger der WirtschaftsWoche. Anstand, Moral, Compliance sowie Vorbildhaftigkeit der Spitzenführungskräfte seien dabei unerlässlich. Der FDP-Politiker fordert daher, dass  "Herr Professor Dr. Neugebauer, umfassend zu den Vorwürfen Stellung nimmt und diese gegebenenfalls ausräumt“. Dies sei er der Reputation und Integrität akademischer Forschung in Deutschland schuldig. 

Sattelberger hatte vor einigen Tagen eine kleine Anfrage an das Bundesforschungsministerium gestellt, in der es auch um das Verhalten Neugebauers geht. Darin hatte er das Ministerium etwa mit der Tatsache konfrontiert, dass Reimund Neugebauers Ehefrau Gabriele Neugebauer als Schirmherrin des Fraunhofer-Netzwerks für „Wissenschaft, Kunst und Design“ fungiert. Gabriele Neugebauer, eine Fotokünstlerin hatte im Rahmen des Netzwerks auch eigene Werke ausgestellt. Eine Bewertung des Ministeriums hierzu steht noch aus.

Reihenweise Institute ohne Ausgründung

Sattelberger kritisiert außerdem seit Jahren die Ausgründungspolitik von Fraunhofer und anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen als unzureichend. Diese Unzulänglichkeit untermauern jetzt Daten des Bundesforschungsministeriums, die er angefordert hatte. Von 76 Fraunhofer-Instituten hatten demnach zwischen 2005 und 2020 insgesamt 14 Institute keine einzige Ausgründung zustande gebracht. Insgesamt 39 Institute hatten weniger als drei Ausgründung. Dabei gilt der Transfer von Technologie in die deutsche Wirtschaft als ureigenste Aufgabe von Fraunhofer. Für die wird die Organisation vom Staat mit Milliardensummen unterstützt.



Fraunhofer-Insider fordern eine tiefgreifende Reform der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie schlagen vor, etwa die Amtszeit der Präsidenten künftig zu begrenzen. Außerdem könne eine männlich und weiblich besetzte Doppelspitze, die anstelle eines einzelnen Präsidenten führt, Besserung bringen.

Mehr zum Thema: Die mächtige Fraunhofer-Gesellschaft wird vom Staat Jahr für Jahr mit Milliarden versorgt. Doch statt aus genialen Ideen Geschäfte zu machen, bremst sie Gründer und Investitionen in wichtige Zukunftsfelder.

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