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Nachgehakt Das wurde aus dem revolutionären Trichterkraftwerk

Mit einem Trichterkraftwerk wollte ein US-Tüftler die Branche revolutionieren - und hat heute vor allem Kritiker.

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Kleiner, niedriger, günstiger: Mit innovativen Trichterkraftwerken wollte Daryoush Allaei Windparks wie diesen überflüssig machen. Quelle: dpa

Es war einer der meistgelesenen Texte bei WiWo Green. Kein Wunder, denn er handelte von nicht weniger als der Revolution der Windkraft: Mit einem Trichterkraftwerk, das wahre Wunder wirken sollte.

Zumindest war dies die Botschaft des US-Amerikaners Daryoush Allaei, der das Milliardengeschäft aufmischen oder - passenderweise - erden wollte. Mit einer trichterförmigen Anlage, ähnlich einer überdimensionaler Pfeife, wollte er den Wind kanalisieren, nach unten auf Bodenhöhe schleusen, um dort Turbinen anzutreiben. Eine Revolution, weil seine Anlagen im Vergleich zur herkömmlichen Konkurrenz ein Vielfaches an Strom erzeugen würden. Das jedenfalls war das Versprechen.

Fast zweieinhalb Jahre liegt die Veröffentlichung des Artikels nun zurück. Seitdem ist auf unserer Seite viel geschehen, einige tausend Texte sind dazugekommen, die wir mit großer Neugierde, manchmal skeptisch, meist jedoch optimistisch geschrieben haben. Beim Blick zurück haben wir auch - zugegeben - manchmal sehr positiv über verrückte Ideen berichtet. In unserer neuen Rubrik "Nachgehakt" wagen wir künftig den Vergleich und schauen, was daraus geworden ist.

Allaeis Trichterkraftwerk ist so ein Thema: Die Kritik, die ihm entgegenschlug, war so groß wie seine Pläne selbst. Allein unter dem Artikel auf unserer Seite zählten wir 37 Kommentare, die sein Vorhaben überwiegend infrage stellten. Sie sollten einen Vorgeschmack bieten auf die kritischen Stimmen, die in den USA folgten - und einen Konflikt ausgelöst haben, dem sich das Unternehmen auch heute noch nicht wirklich stellen möchte. Gebaut wurden schließlich nur zwei weitere Anlagen - die Revolution blieb aus.

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    Kritische Kommentare

    Das erste Kraftwerk dieser Art installierte Allaei im Städtchen Chaska im US-Bundesstaat Minnesota. Der ehemalige Mitarbeiter des amerikanischen Energieministeriums schloss sich mit ein paar anderen Kollegen aus der Branche zusammen, gründete das Unternehmen Sheerwind und veröffentlichte Testergebnisse des Prototypen, Werbeclips und Erklärgrafiken im Netz.

    INVELOX haben sie das Trichterkraftwerk getauft. Es könne sechsmal so viel Energie produzieren wie gewöhnliche Windkraftanlagen, schwärmten sie und beriefen sich dabei auf den sogenannten Venturi-Effekt: Die Luft, die auf der einen Seite in den Trichter hinein ströme, würde aufgrund des enger werdenden Schachts an Geschwindigkeit gewinnen, die letztlich die Turbinen antreibt. 16 Stundenkilometer Eintrittsgeschwindigkeit des Windes beispielsweise würden sich erhöhen auf 64 Stundenkilometer.

    Die Rotorblätter seien viel kleiner. Ein weiteres Kostenersparnis neben der niedrigen Höhe, die den Installations- und Wartungsaufwand verringern würde. Blogs wie Machine Design und Nachrichtenseiten griffen Allaeis Technologie auf. Schon bald darauf verzeichneten dessen Seiten über eine Millionen Aufrufe. "Soziale Medien sind unser Freund", erklärt Sheerwind-Pressesprecherin Carla Scholz im Interview mit WiWo Green die rasante Verbreitung.

    Wer heute Nachrichtenarchive nach dem Unternehmen durchforstet, findet vor allem Ankündigungen. An vielen Orten auf der Welt könnten es schon bald jene Trichterkraftwerke geben. Für den Bau vor Ort haben sie Lizenzen an Unternehmen vergeben - in den Niederlanden, in Dänemark, im Iran, in China und in Neuseeland. Interessenten könnten sich an diese wenden und den Bau eines INVELOX in Auftrag geben.

    Jeweils mehrere Kraftwerke seien in der Pipeline. Das hätte man ihnen garantiert, versichert Scholz, die jedoch noch im selben Gespräch widersprüchliches über die lizenzierten Firmen einräumt: “Ich bin nicht einmal auf den neuesten Stand bei allen von ihnen“.

    Teures Trichterkraftwerk

    Die beiden bereits fertiggestellten Anlagen jedenfalls hat Sheerwind in den USA noch selber gefertigt. Eine auf der Pazifikinsel Palmyra-Atoll und eine in Michigan für das Gelände der Nationalgardeabteilung des US-amerikanischen Heeres. Sie hätte eine Leistung von 200 Kilowatt, könne aber ohne weiteres auf ein Vielfaches aufgerüstet werden. Etwa eine halbe Millionen Euro habe sie gekostet. Auf die Frage, ob dies die Kosten vollständig decken würden, antwortet die Sheerwind-Sprecherin: "Ich bin da sehr vorsichtig".

    Ein wirklich stichhaltiger Vergleich lässt sich so nicht herstellen. Beim Bau einer herkömmlichen Windkraftanlage kann schon einmal mit 1000 Euro pro Kilowatt kalkuliert werden. Etwa 2500 Euro pro Kilowatt wären es bei der installierten Anlage von Sheerwind. Jedenfalls bei der aktuellen Leistung.

    Scholz wird zunehmend unsicher, erklärt, dass die Performance der Anlage ja bis ins "Unendliche" zu steigern sei. Angesprochen auf den Widerspruch dieser Aussage und die Kritik an der Technologie, entschuldigt sie sich. Mit derlei Details würde sie sich nicht mehr ausreichend auskennen. Sie unterbricht das Gespräch und holt Allaei persönlich hinzu, der das Interview fortsetzen soll.

    Allaei sind die Worte seines schärfsten Kritikers vertraut. Der IBM-Berater und umtriebige Blogger Mike Barnard schrieb einen Verriss über Sheerwind auf der US-amerikanischen Seite Cleantechnica. Vor allem stellt er die Behauptung infrage, dass das Trichterkraftwerken sechsmal so viel Energie wie eine herkömmliche Turbine erzeugen würde. Er zieht die veröffentlichten Daten des Unternehmens heran, rechnet sie durch und kommt zu einem ganz anderen Urteil: "Sheerwind stellt völlig unangemessene Vergleiche auf zwischen ihrem längst widerlegen Ansatz und der tatsächlich nützlichen Winderzeugung", hält er ihnen vor.

    Auf der nächsten Seite: Jahrelanger Streit mit Kritikern

    "Die Zahlen zeigen, dass sie wahrscheinlich etwa achtzehnmal weniger Elektrizität erzeugen als eine wirklich vergleichbare Windturbine", sagt Barnard über die Trichterkraftwerke. Und dafür würden sie auch noch mehr Material aufwenden müssen. Sein vernichtendes Fazit: "Potentielle Investoren: bleibt fern. Derzeitige Investoren: Erwartet nicht, euer Geld wiederzusehen". 

    Blogger unter Beschuss

    Im Gespräch holt Allaei nach einer knappen Begrüßung auch gleich zu einer Tirade gegen Barnard aus. Ein paar Dinge müsse er klar stellen. Es würde ja viele Experten auf der Welt geben. Barnard jedenfalls sei keiner. "Er ist nichts weiteres als ein Blogger", spottet er in verächtlichem Unterton. Er verweist auf zwei Aufsätze, von Wissenschaftlern gegengelesen und im Energy Journal veröffentlicht. Das müsse Beleg genug sein.

    Auf die konkret formulierten Argumente Barnards möchte er nicht eingehen. Ein öffentliches Statement würde dem Kritiker nur zu Aufmerksamkeit und Bedeutung verhelfen, rechtfertigt er sein Schweigen: "Das ist unsere Politik gegenüber Bloggern". In einer Mail schickt Sheerwind einige Artikel, die den Autoren als Windkraftlobbyisten diskreditieren sollen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Barnards Standpunkten gibt es auch hier nicht.

    Schließlich erwidert Allaei doch noch auf die Kritik an seiner Technologie - allerdings erst als er auf die kritischen Kommentare unserer Leser angesprochen wird. "Moderne konventionelle Windenergieanlagen haben in der Praxis einen Wirkungsgrad von etwa 30%, wobei der maximal mögliche Wirkungsgrad bei 59% liegt. Wie soll es möglich sein, die Energie-Ausbeute auf einen Wirkungsgrad von 180% zu erhöhen?", fragt beispielsweise unser Leser Berend: "Nach meinem Verständnis wird in der Venturi-Düse lediglich Druckenergie in kinetische Energie umgewandelt. Das mag ja ein bisschen was bringen, ist aber auch kein Perpetuum Mobile".

    Schuld sind die anderen

    Allaei scheint den Einwand zu kennen: "Wir haben nirgends behauptet, dass wir dies überschreiten werden", sagt er: "Wir sprechen über die produzierte Energie". Das Trichterkraftwerk würde seinen Wettbewerbsvorteil daraus ziehen, dass es bereits bei Windgeschwindigkeiten ab zwei Metern die Sekunde produzieren könnte, während herkömmliche Kraftwerke erst etwa bei Geschwindigkeiten von vier Metern die Sekunde anfahren würden. Der INVELOX würde demnach viel häufiger Energie produzieren können - zumal die Anlage auch noch bei hohen Windgeschwindigkeiten laufe, bei denen herkömmliche Anlagen abgeschaltet würden. So käme der sechsfache Output zustande

    Dass seine Windrad-Revolution bislang ausgeblieben ist, sieht auch Allaei ein. Schuld daran seien jedoch die Anderen. "Der Marktwiderstand ist riesig", sagt er über seine Erfahrungen mit der High-Tech-Branche: "Da steht viel auf dem Spiel". Erst einmal bräuchte er Investoren und Kunden. Gäbe es neue Trichterkraftwerke, dann würde sich seine Technologie in der Praxis schon beweisen, sich herum sprechen und verbreiten. Zwischen fünf und zehn ernstzunehmende Anfragen hätte er bereits aus Deutschland erhalten, versichert Allaei. Vielleicht hat sich Sheerwind auch deshalb auf das Gespräch eingelassen. Immerhin.

    Denn Ogin, ein weiteres US-amerikanisches Startup, hat auf mehrere Anfragen von WiWo Green gar nicht erst reagiert. Auch sie setzen auf den Venturi-Effekt und hätten einen “Durchbruch” darin erzielt, “die Energiegewinnung neu zu gestalten”, um “jedem saubere und erschwingliche Energie verfügbar zu machen”. Das wäre natürlich allen Beteiligten zu wünschen. Wenn nicht: Wir haken in ein paar Jahren sicherlich noch einmal nach.

    Sehen Sie hier eines der Videos mit denen Sheerwind für seine Technologie wirbt

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