Batterie-Technologie: Revolution am Minuspol: Kommt jetzt das superschnelle Laden?
Schneller Laden, bitte: Dank neuer Materialien am Minuspol von Akkus könnte das bald möglich werden
Foto: imago imagesWohl kaum eine Technologie hat in den vergangenen Jahren so eine rasante Entwicklung genommen wie die Lithium-Batterie. Gerade mal gut 30 Jahre ist es her, dass ein Team aus japanischen, kanadischen und britischen Elektrochemikern die Lithium-Ionen-Zelle entwickelt hat. Inzwischen haben die drei dafür den Chemie-Nobelpreis bekommen, und Lithium-Ionen-Zellen sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Neben E-Autos und E-Bikes treiben sie Handys, Laptops, Akkurasenmäher und -werkzeuge; sie sichern wichtige Geräte wie Krankenhaus-Monitore oder Mobilfunkmasten gegen Stromausfälle ab, treiben tonnenschwere Loks und sogar Fähren an – und nicht wenige Ingenieure glauben, damit bald auch fliegen zu können.
In Zahlen hat die Lithium-Ionen-Zelle ihre Energiedichte – also die Menge an Strom, die sie pro Kilogramm Gewicht oder pro Kubikzentimeter Volumen speichern kann – in den vergangenen zehn Jahren fast vervierfacht, von etwa 100 Wattstunden pro Liter auf 396. Auch die Lebensdauer hat sich vervielfacht, von rund 300 Ladezyklen auf mehr als 5000, und der Preis ist dank Massenproduktion, sparsameren Materialeinsatzes und besserer Produktionsverfahren seit 2010 um über 90 Prozent gesunken.
Doch die Lithium-Batterie heutiger Prägung hat ein Problem: ihren Minuspol. „Nahezu alle technischen und elektrochemischen Fortschritte fanden an der Kathode, dem Pluspol statt“, sagt Dirk-Uwe-Sauer, Professor für Elektrochemie an der RWTH in Aachen. „Der Minuspol, die Anode, sieht dagegen noch immer fast genauso aus wie vor 30 Jahren.“ Sie besteht aus Grafit, einer speziellen Struktur aus Kohlenstoff.
Grafit macht Autobauer abhängig von China
Grafit ist ein natürliches Material und wird derzeit fast ausschließlich in China abgebaut und zur Batteriereinheit aufgearbeitet; die Abhängigkeit von China ist für westliche Autobauer und andere Batteriekunden ein Problem. Das Grafit begrenzt aber auch das elektrochemische Potenzial der Batterie. „Es ist der Flaschenhals für noch mehr Leistung, Energiedichte und auch für schnelleres Laden“, sagt Sauer. Und es ist schwer: Fast 200 Kilogramm der rund 600 Kilo eines E-Auto-Akkus entfallen auf die Minuspole, also auf das Grafit.
Lithium-Ionen wandern beim Laden und Entladen zwischen den beiden Polen hin und her; davon, wie viele in welcher Zeit sich dort einlagern lassen, hängen unter anderem Leistung, Kapazität und Ladetempo einer Batteriezelle ab. Während auf dem Pluspol in den vergangenen Jahren zahlreiche Durchbrüche erzielt wurden, begrenzt das Grafit diese Parameter auf der Minusseite. Das liegt an der Gitterstruktur des Grafits, erklärt Sauer: „Man braucht pro Lithium-Ion sechs Kohlenstoffatome, um es einzulagern. 90 Prozent des Grafit-Materials lassen sich nicht elektrisch laden, es geht für die Stabilität und Lebensdauer der Struktur der Anode drauf“, sagt der Chemiker.
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Startup E-Magy könnte Lösung gefunden haben
Das niederländische Startup E-Magy könnte nun einer Lösung einen entscheidenden Schritt näher gekommen sein. Schon seit einigen Jahren experimentieren Forscherinnen und Hersteller mit Silizium statt Grafit auf der Anodenseite. Silizium ist deutlich leichter als Grafit, „und man braucht wesentlich weniger Silizium-Atome, um die ladungstragenden Lithium-Ionen einzulagern, als Kohlenstoff-Atome beim Grafit“, so Batterieforscher Sauer. „Ein Silizium-Gitter kann mit 32 Silizium-Atomen 28 ladungstragende Lithium-Ionen einlagern; bei Grafit braucht man 72 Kohlenstoffteilchen für 7“, erklärt Sauer. „Dadurch wird die Batterie nicht nur viel leichter pro gespeicherter Kilowattstunde Strom, sie lässt sich auch viel schneller laden.“
Doch bisher scheiterten alle Versuche, Silizium-reiche Anoden zu bauen, an einer Eigenschaft des Materials: Es dehnt sich beim Laden viel zu stark aus. „Grafitgitter werden voll aufgeladen nur rund 10 Prozent größer, reine Siliziumgitter würden sich um über 300 Prozent ausdehnen“, so Sauer. Dass das ein großes Problem wäre in einer Zelle, deren Pole mikrometerdünn auf Kupfer- und Alufolien gewalzt sind, und die aus Sicherheitsgründen ein festes Metallgehäuse umfängt, ist auch für Laien erkennbar. „Den Herstellern ist es bisher mit sehr viel Aufwand nur gelungen, die Siliziumanteile im Grafit auf 6 bis 10 Prozent zu steigern“, sagt Sauer. Das bringt ein bisschen Ladetempo, ist aber weit entfernt von einem Durchbruch.
Niederländische Chemikerinnen und Ingenieure wollen das Problem des aufquellenden Minuspols nun geknackt haben. „E-Magy hat ein neuartiges Siliziummaterial mit einer porösen Struktur entwickelt, die das Aufquellen in den Nanoporen stark eindämmt“ sagt CEO und Co-Gründer Casper Peeters. „Unser Anodenmaterial hat eine um 40 Prozent höhere Energiedichte und ermöglicht eine schnellere Aufladung als bestehende Grafitlösungen, ohne sich so stark auszudehnen.“ Darüber hinaus sei seine Technologie „leicht skalierbar“, da sie kostengünstiges Silizium verwendet, das im Gegensatz zum chinesischen Grafit überall auf der Welt reichlich vorkommt.
Struktur wie ein Schwamm
Wie genau E-Magy das gelang, will Peeters aus Angst vor neugierigen Wettbewerbern nicht sagen. Nur so viel: „Wir stellen Silizium-Partikel mit besonders feinen Poren her“, so Peeters, „die fertige Struktur ist weniger ein gleichmäßig strukturiertes Gitter, wie der Grafit, sie ähnelt eher einem Schwamm.“ Und genau wie ein Schwamm sich nicht besonders stark ausdehne, wenn er sich voll Wasser saugt, sondern die Wassermoleküle in seinem Innern einlagert, gelinge dies auch mit dem speziellen neuen Anodenmaterial, sagt Peeters.
Auch die Idee, eine Schwammstruktur zu nutzen, sei nicht ganz neu, räumt Peeters ein, „einige Universitäten in den USA, Kanada, Europa und in Fernost experimentieren damit seit etwa zehn Jahren.“ Über ihre Labore kamen sie dabei jedoch nicht hinaus. Bisher nutzte man flüssiges Silizium, das beim Abkühlen wie Kerzenwachs auf einer Tischplatte erstarrt, um die Schwammstrukturen zu erzeugen.
E-magy nutzt gasförmiges Silizium. Damit sei die Silizium-Schwammproduktion erstmals so weit gelungen, dass sich das Verfahren in der Industrie in Großserien umsetzen lasse.
Eine Studie des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Ulm hat das im Kern bestätigt. Man habe die E-Magy-Anoden getestet und könne nach 100-maligem Laden bestätigen, dass das Material sich nur um vernachlässigbare fünf Prozent aufquelle, sagt ein Forscher des ZSW.
Nun muss das Verfahren sich nur noch in der Praxis bewähren, dann könnte ein Durchbruch im Schnellladen von E-Autos und anderen Akkus in greifbare Nähe kommen. Im April hat E-Magy einige Investoren, darunter den norwegischen Aluminiumkonzern Hydro, von sich überzeugt und 15 Millionen Euro eingesammelt. Peeters will davon die Pilotfertigung ausbauen und mehr Samples für potenzielle Abnehmer herstellen. Man sei mit mehreren „großen Batteriekonzernen“ in Gesprächen.
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