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Steigende Nachfrage nach Strom „Beim Ausbau des Stromnetzes müssen wir viel schneller werden“

„Beim Ausbau der Erneuerbaren und des Stromnetzes müssen wir viel schneller werden“, sagt Marco Wünsch, Experte für Energiemärkte bei der Forschungsgesellschaft Prognos. Quelle: imago images

Marco Wünsch, Experte für Energiemärkte bei der Forschungsgesellschaft Prognos, berät Industrie und Bundesregierung. Er mahnt, Deutschland müsse zügig sehr viel Wind- und Solarkapazität ausbauen – andernfalls werde Strom für das Industrieland Deutschland künftig noch teurer. 

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WirtschaftsWoche: Herr Wünsch, gerade erst hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier seine Prognose zum voraussichtlichen Stromverbrauch 2030 um elf Prozent erhöht, auf 645 bis 665 Terawattstunden (TWh) pro Jahr. Experten hatten sie schon länger als bislang zu niedrig kritisiert. Einige Institute rechnen mit bis zu 750 TWh pro Jahr ab 2030. Was treibt den Bedarf?
Marco Wünsch: Der Stromverbrauch heute ist etwa so hoch wie im Jahr 2000. Mehrbedarf durch das Wirtschaftswachstum und bessere Energieeffizienz haben sich ungefähr ausgeglichen. Im Gegensatz zum etwa konstanten Stromverbrauch in der Vergangenheit wird die Nachfrage in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten aber stetig steigen. Einfach, weil wir viele Bereiche, die derzeit mit fossiler Energie betrieben werden, elektrifizieren: Die Gebäudeheizung etwa, wo immer mehr alte Heizungen nicht mehr durch Öl- und Gasheizungen, sondern durch Wärmepumpen ersetzt werden. Und natürlich die Elektromobilität, die bisher auf die Schiene beschränkt war und nun auf den Straßenverkehr übergreift. Aber auch ganz neue Verbraucher wie der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft und große Batteriefabriken kommen hinzu. 

Über welchen Mehrbedarf reden wir konkret? 
Wir rechnen in unserer aktuellen Prognose mit einem Bruttostrombedarf von 655 Terawattstunden (TWh) 2030. 2020 lag dieser Wert bei rund 550 TWh. Die Haupttreiber werden Verkehr, Gebäude, Industrie und Wasserstofferzeugung sein. Wir rechnen etwa mit 14 Millionen Elektroautos 2030, inklusive Plugin-Hybriden. Der Verkehr wird den Stromverbrauch Deutschlands in 2030 gegenüber heute dadurch um etwa 55 TWh ansteigen lassen. Das ist keine Riesenmenge, aber auch nicht marginal. Außerdem gehen wir von sechs Millionen Wärmepumpen 2030 aus, also fünf Millionen mehr als heute. Die dürften mit weiteren 30 TWh in 2030 zu Buche schlagen. Und schließlich wird es einen ganz neuen Verbraucher geben: nochmals 30 TWh entfallen dann auf die Erzeugung von grünem Wasserstoff, den wir überall dort brauchen, wo ein direktelektrischer Betrieb nicht möglich oder sehr teuer sein wird. Zum Beispiel energieintensive Prozesse in der Industrie – Primärstahlerzeugung und Herstellung von chemischen Grundstoffen. 

Wie wird sich das auf die Strompreise auswirken?
In den letzten Jahren, zwischen 2012 und 2020, hatten wir aufgrund von niedrigen Brennstoff- und CO2-Preisen sehr niedrige Strom-Großhandelspreise von 3 bis 4 Cent je Kilowattstunde, kWh. An der Leipziger Strombörse EEX wird Baseload-Strom aktuell und für nächstes Jahr aber schon für 7 bis 8 Cent die kWh gehandelt. Bis 2030 kann durch den Ausbau der erneuerbaren Energien das Preisniveau wieder auf 6 Cent je kWh sinken. Für die Endkunden-Strompreise, die neben der reinen Stromerzeugung Steuern, Abgaben und Netzentgelte enthalten, ist die Entwicklung dieser Komponenten aber eher maßgebend als die der Großhandelspreise. Privatkunden zahlen rund 30 Cent. Gewerbekunden im Mittel rund 22, die Industrie zwischen 5 und 18 Cent. Je nach Branche und Abnahmemengen sind die Großverbraucher von Abgaben befreit. Die EEG-Umlage wird stark fallen und bis 2030 oder sogar früher wegfallen. Auf der anderen Seite werden die Netzentgelte steigen.

Also keine klare Tendenz, sondern viel „wenn, dann“.
Zusammengefasst: Je besser es gelingt, die erneuerbare Energie schnell auszubauen, gute Standorte in ganz Deutschland zu nutzen und damit den notwendigen Netzausbau zu begrenzen, desto niedriger werden die Strompreise ausfallen. Gelingt das aber nicht schneller als bisher, werden die Preise steigen. 

Das müssen Sie erklären. Bisher war erneuerbarer Strom ein Preistreiber, unter anderem wegen der hohen Subventionen für Photovoltaik und die EEG-Umlage…
Ja, aber das wird sich in Zukunft umdrehen. Zum einen sinken die Kosten für Solar- und Windstrom erheblich. Zum anderen macht der steigende CO2-Preis die anderen, fossilen Primärenergien immer teurer und letztlich unwirtschaftlich. Braunkohlestrom etwa war lange konkurrenzlos günstig. Heute liegen schon die Kosten für die Kohle und die notwendigen CO2-Zertifikate über den Kosten von Windstrom. Windenergie an Land kostet inzwischen nur 5 bis 8 Cent. An günstigen Standorten liegen die Kosten für Strom aus Freiflächensolaranlagen auch im Bereich von 4 bis 6 Cent je kWh. Die Stromerzeugungskosten aus Gas- und Kohlekraftwerken liegen schon darüber. Die Erzeugungskosten aus fossilen Kraftwerken werden bis 2030 voraussichtlich weiter steigen. Denn der CO2-Preis für die Tonne ist in den vergangenen 12 Monaten erst von 25 auf über 50 Euro gestiegen. Das kann bis 2030 auch Richtung 90 oder 100 gehen. 

Einige Dax-Konzerne warnen schon vor Verteilungskämpfen um den dann nicht nur klimaschonenden, sondern auch günstigen Grünstrom. Panikmache?
Nein, leider nicht ganz. Panik ist sicher nicht angebracht. Aber es ist durchaus denkbar, dass sich einzelne Akteure die sehr guten und günstigen Windstandorte sichern, zum Beispiel Projektentwickler in Verbindung mit energieintensiven Konzernen. Andere Stromkunden wären dann auf teureren Strom aus fossilen Kraftwerken angewiesen und von ungünstigeren Wind-Standorten. Andererseits kann der Wettlauf um die besten Wind- und PV-Projekte den Ausbau der erneuerbaren Energien auch beschleunigen.

Marco Wünsch ist Experte für Energiemärkte bei der Forschungsgesellschaft Prognos und berät Industrie und Bundesregierung zum Thema Energie. Quelle: Koroll

 Klingt nach einer großen Herausforderung für ein Industrieland. 
Ja, aber was in der öffentlichen Diskussion gerne untergeht – Fachleuten ist das natürlich klar: Im Gegenzug sparen wir immense Mengen an fossiler Primärenergie ein. So benötigt zwar der Verkehr ab 2030 55 TWh mehr Strom pro Jahr, aber im Gegenzug entfallen umgerechnet etwa 100 TWh an Diesel- und Benzin-Energie; weitere 100 TWh entfallen an Heizöl und Gas durch die Wärmepumpen, und so weiter. Man kann sich grob merken: Eine weitgehend elektrifizierte Gesellschaft hätte einen halb so großen Gesamtenergieverbrauch wie heute. Und einen doppelt so hohen Stromverbrauch. 
Weil viel mehr fossile Energie wegfiele als an Strom zusätzlich gebraucht wird? 
Genau. Denn elektrifizierte Sektoren gehen effizienter mit Energie um. Ein Elektroauto hat einen etwa 2,5-mal höheren Wirkungsgrad als ein Diesel, und eine Wärmepumpe ist sogar 3 Mal energieeffizienter als eine moderne Gasheizung. Deutliche Primärenergieeinsparungen ergeben sich auch durch den zukünftig viel geringeren Einsatz von thermischen Kraftwerken, die nur mit hohen Umwandlungsverlusten aus Kohle und Gas Strom erzeugen. 



Warum exportiert Deutschland so viel Strom über das europäische Verbundnetz ins Ausland. Oft zu negativen Preisen?
Noch tut es das. Das kann sich aber jederzeit umkehren. Deutschland ist ja erst seit rund fünf Jahren so ein starker Nettoexporteur. Im wesentlichen, weil schneller Wind zugebaut als Braunkohle abgeschaltet wurde. Null oder kurzfristig negative Strompreise gibt es, weil das Abschalten und Wiederhochfahren von Kraftwerken teurer ist, als sie über einigen Stunden lang mit Verlust zu betreiben. Die Exportmenge ist aber seit 2019 schon stark rückläufig.  

Was können wir tun, damit die Strompreise künftig nicht zu sehr steigen?
Auf jeden Fall muss zügig sehr viel Wind- und Solarkapazität zugebaut werden. Wie gesagt: je weniger, desto teurer wird es später. Dann muss das Stromnetz in Deutschland ausgebaut werden, damit die CO2-arme, saubere Energie auch durchgeleitet werden kann. Als Drittes brauchen wir ein Vielfaches der heutigen Speicherkapazitäten, weil der saubere Wind- und Sonnenstrom nicht immer erzeugt werden kann, wenn wir ihn brauchen. Das können Großbatterien für kurzfristige Lastspitzen oder dezentrale Fotovoltaikanlagen mit Heimspeichern sein; eine stärkere Anbindung ans Ausland hilft beim Glätten der erneuerbaren Stromerzeugung und die großen Wasserkraftwerke in Skandinavien und den Alpen besser zu nutzen.

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Wasserstoff als Energieträger hilft dann zur Stromerzeugung in den verbleibenden Situationen. Schließlich sollten wir das Stromnetz schneller digitalisieren, damit wir neue Verbraucher wie E-Autos flexibel laden können, wenn gerade viel Wind- oder Sonnenstrom im System ist. Das wiederum minimiert die Netzausbaukosten. Je besser es gelingt, an allen vier Säulen zu arbeiten, desto geringer die Gesamtkosten. Denn die Maßnahmen ergänzen sich gegenseitig.

Mehr zum Thema: Um neue Klimaziele zu erfüllen, braucht das Land viel mehr grüne Energie. Doch Bürokratie und Proteste blockieren den Ausbau. Strom wird zum Luxusgut – und der Industrie droht der Blackout.

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