Waldbrände Warum die Versicherer trotz großer Brände nur mit geringen Schäden rechnen

Waldbrand Quelle: REUTERS

Deutschland und Europa sind in diesem Sommer so heftig von Waldbränden getroffen, wie kaum zuvor. Doch trotz großer gesamtwirtschaftlicher Schäden dürfte sich das kaum in den Bilanzen der Versicherer widerspiegeln.

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Ernst Rauch ist Chef-Klimatologe der Munich Re, dem größten Rückversicherer der Welt. Rauch ist mit seinem Team auch für die Bewertung der langfristigen Risikoentwicklung durch Naturkatastrophen verantwortlich. Die Einschätzung der Experten sind über den Finanzsektor hinaus gefragt.

WirtschaftsWoche: Herr Rauch, europaweit hat es in diesem Jahr bereits so oft und auf so großen Waldflächen gebrannt, wie kaum zuvor in den vergangenen Jahrzehnten. Wagen Sie eine Prognose, wie groß die Schäden 2022 insgesamt werden? 
Ernst Rauch: Wir haben gerade erst in unserem Halbjahresbericht zur Entwicklung der Schäden durch Naturkatastrophen festgestellt, dass Hitze, Dürre und Waldbrände in vielen Regionen der Welt zunehmen. Das spiegelt sich aktuell in der Vielzahl schwerer Brände in Europa und auch in Deutschland wider. Für belastbare Schätzungen, wie sich das bis Jahresende noch entwickelt und welche Schadenssummen hier in Europa zusammenkommen, ist es trotzdem noch zu früh. Aus Versichererperspektive wird der Schaden aber überschaubar bleiben.

Inwiefern?
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die gesamtwirtschaftlichen Schäden an Privat- oder Staatsforsten 2022 hoch ausfallen. Möglicherweise landen wir tatsächlich bei Rekordschäden. Doch so bedrohlich, womöglich sogar existenzbedrohend, die Schäden aus Sicht der einzelnen Waldbesitzer in diesem Jahr sein mögen, aus Sicht der Versicherungswirtschaft stellt die Häufung und Schwere der Brände in Europa kein wirklich gravierendes Ereignis dar. Ganz anders als etwa die Flutschäden des vergangenen Sommers.

Was heißt das konkret?
2017, im Jahr mit den höchsten Waldbrandschäden in Europa in der jüngeren Vergangenheit, summierten sich die Versicherungsleistungen nach Waldbränden europaweit auf rund 200 Millionen Euro; in Deutschland war es eine niedrige zweistellige Millionen-Euro-Summe. Das ist sehr wenig verglichen mit den jährlichen Milliardenschäden, die die Versicherer in den USA etwa nach den Waldbränden in Kalifornien begleichen müssen. Oder eben zu dem Milliardenschaden allein in Deutschland, den die Julifluten 2021 ausgelöst haben.



Wie kommt es zu der Diskrepanz?
Das liegt zum einen daran, dass in Deutschland und Europa viele Waldbesitzer, ähnlich wie viele Landwirte, ihre Forste oder Anbauflächen nicht gegen Naturkatastrophen versichern. Zum anderen kommt es hier auch viel seltener als etwa in Kalifornien dazu, dass sich die Feuer aus den Wäldern in Wohnsiedlungen oder Gewerbegebiete ausbreiten. Bei uns brennen zumeist einfach Waldflächen ab, in Kalifornien greifen die Feuer regelmäßig auf ganze Ortschaften über, zerstören Häuser, Fabriken und andere hochwertige und versicherte Infrastrukturen. Da steigen die Schäden dann schnell auf Milliarden-Dollar-Niveau.

Wie kommt es, dass die Versicherungsquote hier so niedrig ist? Fehlt das Risikobewusstsein? Sind die Policen zu teuer? Oder weigern sich die Versicherer gar, die Forste zu versichern?
Letzteres ganz sicher nicht. Als Rückversicherer ist die Munich Re nur in begrenztem Maß im Endkundengeschäft aktiv. Aber natürlich bieten wir den Erstversicherern an, auch Waldbrandrisiken abzusichern. Es kann zwar im Einzelfall Unternehmen geben, die die Versicherung eines Forstes nicht übernehmen wollen. Aber grundsätzlich müsste sich in der Branche immer ein Anbieter finden, der eine Police anbietet, wenn ein Waldbesitzer sie haben will.

Wo klemmt es dann?
Es hat sicher etwas mit den vielfach familiären Strukturen des Waldbesitzes zu tun, mit den teils seit Jahrhunderten geübten Gepflogenheiten im Waldbau, zu denen hierzulande bisher eher keine Waldbrandversicherung gehörte. Dazu kommt, dass die staatlichen Forste in der Regel ebenfalls nicht versichert sind. Und mitunter, gerade in der Landwirtschaft, sind manchem Bauern vielleicht auch die Prämien zu hoch, angesichts der teils sehr geringen Margen. Speziell vor dem Hintergrund, dass große Wald- und Flächenbrände in der Vergangenheit recht selten waren, erschien das Vielen vertretbar.

Und das rächt sich nun?
Ich würde eher sagen, es ändert sich nun. Wir verfolgen die Schadensarten und -höhen weltweit seit den 1970er Jahren. Und da zeigt sich, dass Hitze-, Dürre- und Brandrisiken inzwischen auch in Regionen deutlich zunehmen, die vor 10 oder 20 Jahren von solchen Szenarien merklich seltener betroffen waren. Damit müssen auch Waldbesitzer und Landwirte ihre Brandgefahren neu bewerten.

Und, steigt die Nachfrage nach Waldbrandversicherungen?
Auch da ist das Bild zweigeteilt. Bei den klassischen, ich nenne sie mal „familiären“ Waldeigentümern tut sich noch wenig. Ausnahme sind Unternehmen, die etwa Baumschulen für Weihnachtsbäume betreiben. Ganz anders sieht es aus, wo Wälder in Form professioneller Investitionsprojekte bewirtschaftet werden. Die Zahl derartiger Anlageobjekte wächst stark; auch Munich Re ist hier über unseren Vermögensverwalter MEAG investiert. Und da gehört zu einer professionell gemanagten Investmentgesellschaft auch ein professionelles Risikomanagement. Diese Firmen schließen selbstverständlich im Interesse ihrer Anleger auch Versicherungen etwa gegen Waldbrände oder Schädlingsbefall ab.

Auch bei uns?
Hier in Europa gibt es das auch, aber noch ist es relativ selten. Anders als etwa in Neuseeland, Australien oder auch Südamerika, wo derartige Investmentformen schon eine ganz andere Rolle spielen als auf unserem Kontinent. Ich glaube aber, dass sich das ändert.

Ernst Rauch Quelle: imago images

Weil bei den betroffenen Waldeignern mit zunehmenden Schäden auch die Bereitschaft wächst, die Forste zu versichern?
Das Risiko ist zweifellos da. Wir glauben jedenfalls, dass die Bedeutung entsprechender Policen in Zukunft steigen wird.

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