Wirtschaft von oben #341 – Südchinesisches Meer: Diese Atolle und Riffe nutzt China für seine Machtspiele gegen Vietnam, die Philippinen – und die USA
Das Schiff der chinesischen Küstenwache jagt das der philippinischen mit hohem Tempo. Drischt durch die Wellen, die das Boot vor ihr zurücklässt, liegt leicht schräg in der Kurve. Plötzlich taucht von links ein weiteres, deutlich größeres Schiff auf, ein Waffensystem vorn an Deck, die Kennnummer 164 am Rumpf aufgemalt. Es schneidet der chinesischen Küstenwache den Weg ab. Die kracht mit dem Bug vorneweg in die Seite des Schiffs mit der 164.
Was auf den Bildern etwas surreal aussieht, ist die reale Kollision zweier chinesischer Schiffe, von Küstenwache und Marine, zu sehen auf Videoaufnahmen der philippinischen Küstenwache vor wenigen Tagen. Sie stellt einen weiteren Tiefpunkt dar in den Auseinandersetzungen zwischen China und den Philippinen im Südchinesischen Meer.
China beansprucht fast das gesamte Gebiet für sich. Es ist nicht nur geostrategisch bedeutsam: Etwa 60 Prozent des weltweiten Seehandels werden über Handelswege durch das Südchinesische Meer transportiert. Das Militär hat viele Dutzend Riffe, Atolle und Inseln in Festungen mitten im Ozean verwandelt, wie exklusive Satellitenbilder von LiveEO zeigen.
Der internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag wies die Gebietsansprüche 2016 zurück. China ignoriert das Urteil. Es ist ein Territorialstreit, in den sich auch die USA immer wieder einmischen – mit Präsenz vor Ort und verbaler Unterstützung für die Philippinen und andere Nachbarstaaten, die Teil dieses Konflikts sind. Der Vorwurf dieser Länder an Peking: eine zunehmende Militarisierung der Region.
Scarborough-Riff, Südchinesisches Meer
02.08.2025: Das weitgehend versunkene Atoll liegt deutlich näher am philippinischen Festland als an China im Norden oder den Spratly-Inseln im Süden. Und doch mitten in der Konfliktzone.
Bild: LiveEO/Google Earth
Austragungsort der maritimen Machtspielchen in dieser Woche: die Gegend um das Scarborough-Riff. Dieses beanspruchen sowohl China als auch die Philippinen für sich. Es liegt wenige Hundert Kilometer westlich vom philippinischen Festland. Hier fand nicht nur die Verfolgungsjagd und die Kollision der chinesischen Schiffe statt, nach der das chinesische Militär erklärte, es habe im Einklang mit geltendem Recht das philippinische Boot überwacht, ist jedoch nicht auf die Kollision eingegangen. Kurz darauf der nächste Zwischenfall: Die Marine der Volksrepublik habe ein US-Kriegsschiff vertrieben, hieß es von chinesischer Seite. Der Zerstörer USS Higgins habe das Gebiet des Scarborough-Riffs ohne Zustimmung der Regierung in Peking befahren. Die USA hätten somit Chinas Hoheitsrechte verletzt. Die US-Marine bestritt dies und berief sich auf die Freiheit der Schifffahrt in internationalen Gewässern.
Das Scarborough-Riff ist bei weitem nicht der einzige Streitpunkt. China beansprucht rund 80 Prozent des 3,5 Millionen Quadratmeter großen Südchinesischen Meeres für sich. Im Zentrum stehen vor allem die Spratly-Inseln, die deutlich weiter südlich als das Scarborough-Riff liegen. Weiter im Norden geht es um die Paracel genannten 130 Korallen-Inseln, die auch Vietnam beansprucht. Im Ostchinesischen Meer streitet China mit Japan um die chinesisch Diaoyu oder japanisch Senkaku genannten Inseln, 200 Kilometer nordöstlich von Taiwan.
Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Sentinel-2, LiveEO/Airbus/SPOT
Die Inseln, die China kontrolliert, haben eine erstaunliche Transformation durchgemacht. Vor zehn Jahren noch unbewohnt findet sich auf dem Subi-Riff nun eine gewaltige Militärbasis. Auf neuen Satellitenaufnahmen ist ein Großteil der Fläche bebaut. Es gibt Hangars und einen Leuchtturm. Auch sind mehrere Radar-Türme und Verteidigungsanlagen zu sehen. Sogar ein Sportstadion wurde errichtet.
Wie mit dem Subi-Riff ist China in der Region in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Riffen vorgegangen. 2016 ist das Mischieff-Riff auf einmal angewachsen. Sand wurde aufgeschüttet, eine Start- und Landebahn errichtet. China verwandelte das einstige Korallenriff in eine Militärbasis, rund 200 Kilometer von der philippinischen Insel Palawan entfernt.
Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Sentinel-2, LiveEO/Airbus/SPOT
Alle Anrainer sind an dem interessiert, was sich im Wasser befindet. Möglicherweise gibt es auch Ölvorkommen. Aber reich und erreichbar sind vorerst die Fischbestände. Dicht an dicht parken auf vielen Satellitenbildern die Schiffstrawler.
Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Sentinel-2, LiveEO/Airbus/SPOT
Auch das Fiery-Cross-Riff kommt vor rund zehn Jahren zu seiner heutigen Größe. In ähnlicher Windeseile wie die anderen Riffe verwandelten die Chinesen auch dieses. Es gibt, wie die Satellitenfotos belegen, mehr Landeplätze für Militärmaschinen und im Norden Radaranlagen als Menschen, die hier leben.
Mit der Aufrüstung der Inseln als Militärposten chinesischer Art können die Nachbarländer zwar nicht mithalten. Eines aber schon: Vietnam schüttet seit 2021 vermehrt künstlich Inseln auf. Spratly Island ist eine der Spratly-Inseln – und unter Kontrolle der Vietnamesen. Sie ist mit rund 15 Hektar die viertgrößte der Spratly-Inseln, auf denen viele vietnamesische Soldaten stationiert sind.
Die USA schicken regelmäßig Schiffe ins Südchinesische Meer zu Operationen, die sie als „Einsätze zur Sicherung der Freiheit der Schifffahrt“ bezeichnen. Die Fahrt der USS Higgins in dieser Woche war die erste publik gewordene Operation dieser Art am Scarborough-Riff seit mindestens sechs Jahren.
Das chinesische Militär erklärte, der Schritt der USA verletze die Souveränität und Sicherheit Chinas. Er untergrabe den Frieden und die Stabilität im Südchinesischen Meer auf schwerwiegende Weise.
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