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Wirtschaft von oben #132 – Kernkraft Neue Atomkraftwerke: Hier entscheidet sich die Zukunft der Kernenergie

2026 soll das Kraftwerk Hinkley Point C mit einer Leistung von 3200 Megawatt fertig werden und 27 Milliarden Euro kosten. Deutlich mehr als anfänglich geplant. Quelle: LiveEO/Skywatch

Abseits von Deutschland erlebt die Kernkraft gerade eine Renaissance. Doch dass der Bau neuer Kraftwerke nicht immer problemlos abläuft, zeigen Satellitenbilder. Die Hoffnung ruht auf einer neuen Technik. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

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Ein Spoiler vorweg. Bilder von deutschen Atomkraftwerken gibt’s hier nicht zu sehen. Wie auch? Deutschland will raus aus der Kernkraft, das ist beschlossen und besiegelt, oder?

In anderen Ländern ist die Kernkraft dagegen nicht so verpönt wie bei uns. Im Gegenteil. Dort gibt’s derzeit, zumindest in öffentlichen Bekundungen, eine regelrechte Renaissance. Denn die Kernenergie gilt jetzt plötzlich nicht mehr als planetenvernichtend brandgefährlich, sondern als: klimarettend sauber. Frankreich etwa, traditionell ein Freund alles Nuklearen, begreift die Atomenergie im Kern als grüne Energie, möchte sogar, dass die Europäische Union das auch so sieht, um dann besser Investorengelder einwerben zu können. Auch Großbritannien, das früh raus ist aus der Kohle, auf Windkraft setzt, aber sich nicht darauf verlassen will, kokettiert mit neuen Meilern. Und osteuropäische Länder ohnehin. Die wollen auch weg von der schmutzigen Kohle, sich aber keinesfalls von russischem Erdgas abhängig machen. Fernab Europas geht’s ohnehin recht hemdsärmelig zu, was die Atomkraft betrifft. China zumindest, liebt die nukleare Variante – und die USA auch.

Dabei zeigt der Blick auf ein paar derzeit im Bau befindliche Atomkraftwerke mit exklusiven Satellitenbilder von LiveEO vor allem eines: Der Bau dauert länger als der Bau des Berliner Flughafens und die Kosten explodieren. Beispiel Nummer eins: Das Kernkraftwerk Flamanville in der Normandie, das vom französischen Energiekonzern EDF gebaut wird: Ein Milliardengrab. Ursprünglich sollte das Kraftwerk 3,3 Milliarden Euro kosten: Wenn es, Stand heute: 2023 mit elf Jahren Verzögerung ans Netz geht, werden die Kosten auf 19 Milliarden Euro angestiegen sein.


Kaum anders verhält es sich mit dem Werk Hinkley Point C im englischen Somerset, an dem ebenfalls der französische Betreiber EDF beteiligt ist. Er baut die Anlage des sogenannten EPR-Typs mit einem chinesischen Partner. Die Leistung des neuen Werks im Südwesten Englands soll etwa 3200 Megawatt betragen.

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    Nach derzeitigen Schätzungen wird das Werk, das 2026 fertiggestellt werden soll, etwa 27 Milliarden Euro kosten – und damit doppelt so viel wie bei den ersten Planungen 2008 angenommen.


    Weil vergleichbare Großprojekte, etwa auch auf der Insel Olkiluoto vor der Westküste Finnlands, eher abschreckend wirken, geht der Trend auch zum so genannten Mini-Atomkraftwerk, dem SMR-AKW. SMR steht für Small Modular Reactors. Diese SMR erzeugen eine Leistung von bis 300 Megawatt. Größere Kernkraftwerke können mehr als 1000 Megawatt erzeugen.

    Mini-Kraftwerk? Was zunächst so klingt, als würde man sich einen strahlenden, niedlichen Gartenzwerg hinters Haus stellen, wird von vielen als die große Chance für eine Renaissance der Atomkraft betrachtet. Die Befürworter der kleinen Atomkraftwerke sehen sie als Ergänzung zu einer Strategie, die im Prinzip auf erneuerbare Energien setzt. Wenn die erneuerbaren Energien aber, etwa wegen der berühmtberüchtigten Dunkelflaute, weder genug Sonnen- noch genug Windenergie liefern, dann muss ein anderer Energieträger einspringen. Kohle. Gas. Oder eben die Kernenergie.

    Die kleinen Kraftwerke hätte dabei viele Vorteile, argumentieren die Befürworter, auch die von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA): Die Kraftwerke seien klein, würden viel weniger Fläche benötigen als herkömmliche AKWs. Sie seien modular, die einzelnen Bestandteile könnten in Fabriken vorproduziert und dann am Standort montiert werden. Das alles mache diese Reaktoren sehr flexibel, betonen Experten. Sie könnten bei Flauten auch flexible einspringen. 84 Reaktoren seien in 18 Ländern im Bau, meldete die Behörde, insgesamt würden 70 verschiedene Typen der Mini-Atomkraftwerke entwickelt.


    Russland etwa hat mit der „Akademik Lomonossow“ gleich ein schwimmendes SMR entwickelt. Es liegt im Nordpolarmeer vor Anker, unweit Stadt Pelenek wie die Satellitenbilder zeigen. Nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) ist es das erste SMR-Kraftwerk. SMR-Fans argumentieren, unter dem Strich seien die Mini-Varianten günstiger als größere Kernkraftwerke. Auf eine Milliarde Euro werden die Kosten für ein 300-Megawatt-Kraftwerk geschätzt. Die Kosten für größere Kraftwerke explodieren, wie die Beispiele Flamanville oder Hinkley Point C zeigen.

    In Großbritannien ist Rolls Royce in das Geschäft mit den Mini-AKWs eingestiegen und hofft auf staatliche Hilfe. Und auch in China wird kräftig entwickelt. Erst im Oktober hat die China National Nuclear Corporation (CNNC) vermeldet, dass in der Provinz Hainan das Fundament für das SMR ACP100 gelegt worden sei, ein Demonstrationsprojekt. Das ACP100 soll das erste, auf Land gebaute, kommerzielle Mini-Kraftwerk werden. 125 Leistung soll das Kraftwerk haben.


    In den USA ist das Interesse ebenfalls riesig. Politisch befürwortet US-Präsident Joe Biden die weitere Entwicklung der kleinen Kernkraftwerke, finanziell setzt Microsoft-Gründer Bill Gates auf diese Technik, um den Kampf gegen den Klimawandel voranzubringen.

    Und natürlich ist Frankreich trotz zwischenzeitlicher Zweifel wieder voll auf der nuklearen Schiene. Gerade erst hat Präsident Emmanuel Macron den Plan „France 2030“ verkündet, bis 2030 will er eine Milliarde Euro in die Mini-Kraftwerke investieren. Sieht die Zukunft also wie die Vergangenheit aus? Nuklear, nur kleiner?

    Die Kritiker können den Argumenten der Atomfreunde nicht folgen. Zwar würde in jedem einzelnen Reaktor weniger nukleares Material enthalten sein, aber die Sicherheitsvorkehrungen seien nicht vergleichbar mit denen bei größeren Kraftwerken. Bei einem Unfall könnte die Wirkung des nuklearen Materials zudem vervielfacht werden. Kosten seien in zweifacher Hinsicht falsch kalkuliert. Niedrigere Anschaffungskosten könnten nur erzielt werden, wenn die Mini-Atomkraftwerke in großer Stückzahl produziert würden. Und wenn man bei den Kosten die Endlagerung der nuklearen Materialien miteinbeziehe, würden die Preise ohnehin explodieren. Schließlich müsse man solche nuklearen Materialien gerne einmal mehrere Hunderttausend Jahre kontrollieren – für Zeitgenossen ein recht schwer überschaubarer Zeitraum. In einem Gutachten für das Bundesamt für die Sicherheit nuklearer Entsorgung heißt es zudem: Um weltweit dieselbe elektrischer Leistung zu erzeugen wie mit heutigen neuen Atomkraftwerken wäre ein um ein Vielfaches größere Anzahl an Anlagen erforderlich. „Anstelle von heute circa 400 Reaktoren mit großer Leistung würde dies also den Bau von vielen tausend bis zehntausend SMR-Anlagen bedeuten.“

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    Auch wenn sich in Deutschland mittlerweile wieder mehr Befürworter der Kernenergie aus der Deckung trauen, lehnen jene, auf die es ankommt, eine erneute Debatte ab: die Unternehmen der Energiewirtschaft und vor allem die Betreiber der sechs verbliebenen Atomkraftwerke, Eon, RWE und EnbW. „Kurz vor Abschalten in Deutschland eine Debatte darüber zu starten, ob Kernkraftwerke einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, ist befremdlich“, sagte Eon-Chef Leonhard Birnbaum dem Handelsblatt: „Sie kommt viel zu spät und nutzt keinem mehr.“ Und diese Absage scheint für alle Kernkraftwerke zu gelten, ob groß oder klein.

    Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört

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