E-Autos: Hertz zieht E-Autos den Stecker – Experte sieht Mitschuld bei Regierung
Schriftzug der Autovermietung Hertz in Zürich. Der US-Autovermieter will sich von der Vermietung von E-Autos wieder ein stückweit verabschieden.
Foto: imago imagesFür umweltbewusste Kunden des US-Autovermieters Hertz könnte das Angebot in Zukunft kleiner werden: Das Unternehmen hat angekündigt, einen Teil seiner E-Auto-Flotte zurückzubauen. Konkret soll ein Drittel der weltweiten Elektroauto-Flotte verkauft und der Erlös zum Teil in den Kauf von Verbrennern gesteckt werden.
Der Schwenk scheint in Zeiten der weltweit ausgerufenen Automobilwende kontraintuitiv. Man wolle damit das Angebot an die Nachfrage anpassen, teilte Hertz mit. Verkauft werden im Laufe des Jahres 20.000 Elektrofahrzeuge verschiedener Hersteller in den USA. Hertz nimmt dafür eine zusätzliche Abschreibung von 245 Millionen Dollar in Kauf, verweist aber darauf, dass der operative Gewinn durch den Umstieg steigen werde.
Bei Branchenkennern wie dem Wirtschaftswissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer ist umstritten, ob die vom Unternehmen genannten Gründe die ganze Wahrheit sind. Der Fachmann aus Bochum schreibt dem verfrühten Auslaufen der Förderung für E-Fahrzeuge in Deutschland eine Mitschuld zu. Die Bundesregierung sei durch ihre „katastrophale Ankündigung“, die Förderung bereits zum Jahreswechsel auslaufen zu lassen, für die Verunsicherung bei Autovermietern, Leasinganbietern und Privatkunden verantwortlich. Das sagte er der WirtschaftsWoche am Freitag auf Anfrage. Die Nachricht sei sehr ernst zu bewerten: „Ohne stabile Regulierung läuft die Entwicklung ins Chaos“. Die Entscheidung, die Förderung von einem Tag auf den anderen zu streichen, habe genau das bewirkt.
Ganz anders argumentiert Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach: Hertz sei ein internationales Unternehmen, die Entscheidung in Deutschland habe hier eher keine Rolle gespielt. Stattdessen sei Hertz schlichtweg zu schnell vorgeprescht mit seinen Ausbauzielen. Hertz hatte im Herbst 2021 angekündigt, 100.000 Teslas zu kaufen. Danach wurde mitgeteilt, dass 175.000 Elektroautos bei General Motors und 65.000 bei Polestar bestellt werden sollen.
Lesen Sie auch unser Interview mit dem Polestar-Chef: „Es ist das erste Mal, dass die E-Autoindustrie einen Abschwung mitmacht“
Doch bereits im vergangenen Jahr zeigte sich der Autovermieter dann ernüchtert und wollte den Anteil von Elektroautos langsamer ausbauen. Jetzt der aktive Schritt zurück.
Zwar gehen die Geister bei der Frage auseinander, welchen Anteil der Bund an der Unternehmensentscheidung in Estero im US-Bundesstaat Florida hat, beide Experten sehen im aktuellen Preiskampf im E-Auto-Markt jedoch einen wichtigen Faktor. Die durch Rabatte deutlich gesunkenen Restwerte der Fahrzeuge sorgen bei Autovermietern demnach für Stirnrunzeln. Laut Dudenhöffer trifft dies auch die Leasinganbieter, die – falls Kunden ihr Auto nach drei Jahren zurückgeben – mit einem niedrigeren Wiederverkaufswert rechnen müssen, als ursprünglich einpreist.
Am CAM prognostiziert man für die nächsten ein bis zwei Jahre enorme Preisschwankungen. Zusätzlich für Zurückhaltung bei Hertz & Co werde den Experten nach zudem die Erkenntnis sorgen, dass Erfahrungen im Umgang und in der Wartung von E-Autos fehlen, insbesondere bei der Frage von Reparaturkosten und dem Lade-Management. Auch Hertz-Chef Stephen Scherr sagte dem Finanzdienst Bloomberg, es habe sich als schwieriger als erwartet herausgestellt, die höheren Kosten rund um den Betrieb von Elektroautos zu drücken.
Ausgemacht ist den Worten aus Bochum und Bergisch Gladbach nach auch, dass China bei der Entwicklung des E-Auto-Marktes eine entscheidende Rolle spielen wird. Dudenhöffer sieht sinkende Preise als Hebel, der das Vertrauen der Käufer bestimmen wird. Die Skalierung der Produktion im Reich der Mitte könnte hier der Treiber sein. Bratzel verweist darauf, dass der Automarkt in China sich schon jetzt deutlich von Europa unterscheide, 2023 sei bereits jedes vierte neu zugelassene Fahrzeug ein Stromer gewesen.