Fahrverbote Dieselfahrer, Euer Zorn ist gerecht!

Schon seit über 20 Jahren ist der Autoindustrie das Stickoxid-Problem der Diesel-Autos bekannt. Quelle: imago

Der Groll der Diesel-Halter ist angebracht. Sollte sich aber an die Richtigen wenden. Die Autoindustrie kennt seit über 20 Jahren das Stickoxid-Problem der Diesel-Autos und hat schon ebenso lange eine technische Lösung dafür. Bloß genutzt hat sie das nicht. Lieber hat sie Schummel-Diesel verkauft. Nun gibt es dafür die Quittung.

Gestern war nicht nur der Tag des Fahrverbotsurteils, der als Anfang vom Ende des Dieselmotors in die Geschichte eingehen wird. Gestern vor genau 125 Jahren reichte der deutsche Erfinder Rudolf Diesel sein Patent für den Dieselmotor ein. Der Titel: „Neue, rationelle Wärmekraftmaschine“.

Das war er wirklich, der Dieselmotor – eine wunderbar rationelle Maschine, ohne die es manchen Fortschritt und manches Kapitel der Industrialisierung heute schlicht nicht gäbe. Nun aber, nach dem weltweiten Siegeszug des Motors versieht ihn ausgerechnet ein deutsches Gericht mit einem Verfallsdatum. Natürlich nicht direkt – das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig urteilte nur über die Möglichkeit von Fahrverboten. Aber das Vertrauen von Kunden in den Motor ist dahin und das völlig zu Recht. Sein Aussterben im Pkw ist nur noch eine Frage von Jahren.

Diesels Wärmekraftmaschine passt nicht mehr zur den heutigen Ansprüchen an die Luft in Ballungsräumen. Der Aufwand, den Diesel wirklich sauber zu machen, ist so hoch, dass er sich ökonomisch für die Hersteller kaum noch rechnet. Die Autohersteller wissen das schon lange. Über mehr als ein Jahrzehnt halfen sie sich deshalb mit der ganzen Palette des Mogelns – vom knallharten Betrug bis zur gerade noch legalen Augenwischerei.

Jetzt, da die Mauscheleien aufgeflogen sind und die Öffentlichkeit, Gerichte und Kommunen wirklich saubere Diesel verlangen, verlieren die Hersteller das Interesse am Diesel. VW-Chef Matthias Müller fordert das Ende der steuerlichen Diesel-Subventionierung. Wohl wissend, dass der Diesel damit ziemlich tot wäre. Das hat natürlich Kalkül: Wer schon, wie VW, in zwei Jahren ein E-Auto zum Preis eines Diesel anbieten kann, dem ist die Diesel-Subventionierung ein Dorn im Auge. In den USA versuchen es sämtliche deutsche Hersteller erst gar nicht mehr mit dem Diesel. Volvo hat den Dieselausstieg schon beschlossen, Fiat-Chrysler inklusive der SUV-Marke Jeep werden wohl demnächst folgen. Und Porsche hat gerade – angeblich vorübergehend – die Produktion von Dieseln eingestellt.

15 Millionen Deutsche mit einem Diesel vor dem Haus reiben sich heute die Augen. Ihnen waren ihre Autos als moderne, klimafreundliche „Clean Diesel“ angedreht worden, von den Herstellern wie auch der Politik. Nun plötzlich sollen die Autos Steinzeit-Technik sein? Ist es nicht vielmehr so, dass die Deutsche Umwelthilfe (DUH) mit ihren Fahrverbotsklagen hinter diesem unfassbaren Image-Absturz des Diesels steckt?

Richtig ist, dass ohne die Umwelthilfe heute wohl niemand über Fahrverbote und Dieselkrise sprechen würde. Der VW-Skandal wäre wahrscheinlich weitgehend zu den Akten gelegt und angebliche „Clean Diesel“ vielleicht immer noch Verkaufsschlager. Aber: Als Umwelt-Organisation hat die DUH einfach nur ihren Job gemacht. Und sie hat ihn aus NGO-Perspektive exzellent gemacht. Das kleine Team der Umwelthilfe hat Dickschiffen wie Greenpeace vorgeführt, wie man die mächtigste Industrie eines Landes und ihre Fans in der Politik auf den Weg der Tugend zwingt. Dabei hat sie keine Probleme aufgebauscht oder gar erschaffen, sie hat nur eines verlangt: Dass Umweltgesetze nicht nur auf dem Papier stehen, sondern zum Schutz von Menschenleben auch angewandt werden. Schlimm genug, das es dafür eine NGO braucht und es keine Selbstverständlichkeit in diesem Rechtsstaat ist.

Trotzdem ist der Groll der Diesel-Halter angebracht. Er sollte sich aber gegen jene richten, die das ganze Debakel wirklich zu verantworten haben: die Autohersteller und ihre wegschauenden Aufseher in der Politik.

Ich habe mich nach dem Urteil gestern gefragt, wie lange das Stickoxid-Problem eigentlich schon bekannt ist und seit wann die Autobauer dafür Lösungen parat haben. Ich dachte so an gute zehn Jahre. Ein Blick in unser Pressearchiv belehrte mich eines Besseren: „Stickoxide gelten als Mitverursacher am Sommersmog“, schrieb die WirtschaftsWoche 1996. Und weiter: „Die Europäische Kommission will deshalb besonders strenge Grenzwerte festlegen, die im Jahr 2000 in Kraft treten sollen. Mit den heutigen Reinigungstechniken lassen sie sich nicht einhalten.“

Aber, so wusste die WirtschaftsWoche damals auch zu berichten, es gab bereits eine Lösung: „Forscher der Daimler-Benz AG in Stuttgart haben ein Verfahren entwickelt, um die Stickoxide im Abgas von Dieselmotoren unschädlich zu machen.“ Für Lkw hätten Mercedes und MAN eine Abgasreinigung entwickelt, bei der „Stickoxide bei der Reaktion mit Harnstoff zerstört werden“. In Bayern sei „vor wenigen Tagen ein zweijähriger Pilotversuch mit MAN-Lkw angelaufen.“ Ein Jahr später war die Technik auch für Autos einsatzbereit und wurde auf der Automesse IAA präsentiert.

Diese Art der Neutralisierung von Stickoxiden mittels Harnstoff funktioniert tadellos. Sie sorgt heute dafür, dass Lkw praktisch kein Stickoxid-Problem mehr haben. Bei den Autos aber sparten sich die Autobauer die aufwändigere Reinigung, um Kosten zu sparen und Kunden nicht mit dem Nachfüllen von Harnstofflösung zu nerven. Sie bauten keine oder nur schlecht funktionierende Harnstoff-Technik ein, aber vermarkteten die Autos skrupellos als „Clean Diesel“.

Deshalb reden wir heute über Fahrverbote. Nicht wegen der Deutschen Umwelthilfe.

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