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Fake-Standorte Sixt vermietet Wagen an Stationen, die es gar nicht gibt

Sixt Quelle: dpa

Wer bei Sixt ein Auto bucht, kann eine böse Überraschung erleben: Der Konzern bietet Wagen an Standorten an, die es gar nicht gibt. Der Kunde bleibt empört zurück – für den Konzern lohnt sich die Masche trotzdem.

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Der Berliner Stadtflughafen Tegel erfreut sich auch Jahre nach der einst angepeilten Schließung größter Beliebtheit. Das merken nicht nur Easyjet-Touristen, sondern auch diejenigen, die nach einem Mietwagen Ausschau halten. In Tegel einen Wagen beim Marktführer Sixt zu mieten ist derzeit selbst mit einigen Tagen Vorlauf unmöglich. Aber das ist kein Problem, sollte man nach dem ersten Blick auf den Stadtplan des Konzerns im Internet meinen: Eine Handvoll weiterer Stationen findet sich da allein im Nordwesten der Stadt. Einer der attraktiveren, weil mit der Ringbahn in wenigen Minuten zu erreichenden Standorte: der Bahnhof Gesundbrunnen.

So knapp die Auswahl am Flughafen sein mag, so vielfältig sind die Möglichkeiten hier. Schon in der kleinsten Kategorie gibt es ein knappes Dutzend unterschiedliche Fahrzeuge. Wer die arg verdichteten Örtlichkeiten am Bahnhof kennt, den könnte das erstaunen, doch gerade aus der Ferne anreisende Mietwagenkunden mangelt es meist an ebendieser. Schon ist der Kleinwagen gebucht, zum fairen Tagespreis von 48 Euro. Es dauert nur Sekunden, da landet die Antwort im Postfach: Bestätigungsnummer, Zeitpunkt, Abholung: Berlin Badstraße 1-3.

Wenn es bloß so einfach wäre. Die Adresse schließt das gesamte Bahnhofsgebäude ein, inklusive zweier Etagen von Geschäften, die Klassiker der Bahnhofsverpflegung. McDonalds, Bäcker Ditsch, ein Bio-Supermarkt. Auf den ersten Blick jedoch nicht vorhanden: eine Sixt-Station. Dieser Eindruck ändert sich auch nach diversen Passantenbefragungen und dreimaliger Umrundung des Gebäudekomplexes nicht. Die letzte Hoffnung ist deshalb, ausgerechnet: die DB-Information. Und hier wissen sie tatsächlich ein bisschen was. Sixt? „Die Station gibt es nicht mehr, aber da haben wir doch letztens eine Mail bekommen“, sagt der Kundenberater und vertieft sich in seinen Bildschirm. „Hier ist sie: Die Kunden sollen sich ein Taxi nehmen und in die Station Müllerstraße kommen. Kosten übernimmt Sixt.“

Zehn Minuten dauert die Fahrt, zehn Minuten, in denen man sich wahlweise ärgern kann über den Zeitverlust, seine Mails nochmal durchschauen um in einer separaten Benachrichtigung tatsächlich einen Hinweis auf die Müllerstraße zu finden, oder sich einfach zu wundern: Warum tun die das? Warum bietet ein Unternehmen Mietwagen in einer Station an, die es gar nicht gibt?

In der Müllerstraße, Wedding, direkt gegenüber eines großen Bayer-Standorts, wartet dann zumindest eine schöne Überraschung: Kleinwagen haben sie hier gar nicht. Also gibt es einen Kombi zum gleichen Preis. Auch wenn sie den hier anfallenden Kundenärger nicht lindern kann, weiß man hier zumindest, was hinter der Sixt-Filiale ohne Geschäftsräume und Mietwagen steckt: „Das ist eine sogenannte virtuelle Station“, erläutert sie, „da erwägt Sixt, eine Station zu eröffnen und testet so, ob es Interesse gibt.“

Je länger man darüber nachdenkt, desto absurder klingt dieses Konzept. Und läuft am Ende auf eine brachiale Schlussfolgerung hinaus: Die eigenen Kunden werden für die Marktforschung missbraucht. Anstatt für viel Geld Dienstleister damit zu beauftragen, wo Bedarf für eine Sixt-Station bestehen könnte, lässt man echte Buchungsdaten sprechen – die Daten dürften tatsächlich valider sein als alles, was sich anhand von Befragungen über mögliche Buchungsabsichten erfahren lässt. Die Sache hat nur einen Haken: die frustrierten Kunden.

Und so klingt das offizielle Statement des Konzerns zu der Praxis auch ganz anders. Ja, so lässt Sixt mitteilen, es treffe schon zu, dass man eine ganze Reihe solcher Stationen betreibe, eine genaue Zahl gibt man zwar nicht heraus, die Stationen seien aber „häufig an Bahnhöfen oder zentralen Plätzen“. Das aber sei natürlich ganz im Interesse der Kunden: „Sie dienen vor allem dazu, unseren Kunden weitere Anlaufstellen zu bieten und somit kürzere Wege zu ermöglichen.“

Das klingt zwar nicht gerade plausibel. Schließlich entsteht dem Kunden ja nicht nur der Zeitverlust durch die Fahrt zur vermeintlichen Station, sondern zusätzlich noch der von dort zur realen Station. Im extremsten Fall, wo ein Kunde genau auf halber Strecke zwischen einer realen und einer virtuellen Station wohnt, verdreifacht sich der Anfahrtsweg glatt.

Der Kunde fährt also in jedem Fall besser damit, wenn er gleich an der echten Station bucht. Und so trifft wohl vor allem der letzte Satz, den Sixt zu der fragwürdigen Praxis formuliert, den Kern der Sache: „Unsere Erfahrungen damit sind sehr gut.“

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