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Hans Richter Der Staatsanwalt, vor dem die Großen zittern

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Ein Überzeugungstäter


Wendelin Wiedeking Quelle: dpa

Die Unterlagen sollen wenig schmeichelhaft für die Ex-Porsche-Lenker sein. Das sagt Richter nicht, aber ganz dicht halten die Ermittler in Stuttgart auch nicht. Zu rund zehn verschiedenen Zeitpunkten soll der Sportwagenhersteller den Kapitalmarkt bewusst falsch informiert und damit den Kurs der VW-Aktie manipuliert haben. Wiedeking und Härter haben die Anschuldigungen bislang bestritten, ebenso Porsche und VW. Sollte die Staatsanwaltschaft Anklage erheben – Insidern zufolge ist das für Herbst geplant –, treffen 2012 zwei Personen vor Gericht aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Auf der einen Seite Wiedeking, sendungsbewusst, raubeinig, reich. Ein Alpha-Tier, dessen Streben nach Geld und Größe sich in seinen letzten Jahren bei Porsche beschleunigte wie ein 911 Turbo S. Wiedeking machte aus der Sportwagenschmiede erst eine Goldgrube und dann einen aggressiven Hedgefonds. Er jonglierte mit geliehenen Milliarden, um den 60 Mal größeren VW-Konzern schlucken zu können – und verlor das Gleichgewicht. 2009 hatte Porsche lebensbedrohliche elf Milliarden Euro Schulden. Und einen neuen Chef.

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    Wiedekings Widersacher: Oberstaatsanwalt Richter, Spross einer Arbeiterfamilie („Bei uns gab es keinen mit Hochschulabschluss und schon gar keinen Juristen“), Diplomkaufmann, promovierter Rechtswissenschaftler, Idealist. Nach dem Studium hat er sich gegen das Salär einer Wirtschaftskanzlei und für den Job des Strafverfolgers entschieden. Auch die anfängliche Empörung der Gemahlin – „Ich habe doch keinen Beamten geheiratet“ – konnte an seinem Entschluss nichts ändern.

    Richter ist ein Überzeugungstäter. Aber keiner vom Stamme Traumtänzer. „If you want peace fight for justice“ (Wenn du Frieden willst, kämpfe für Gerechtigkeit), hat Richter ganz oben auf die Pinnwand geschrieben, die in seinem mit Aktenbergen vollgestellten Büro hinter dem Schreibtisch hängt. Großes – Frieden, Gerechtigkeit –, mühsam erbaut aus den kleinen Puzzleteilchen der Paragrafen, das ist die Welt des Hans Richter.

    Wer in seinem Zuständigkeitsbereich den Anschein erweckt, G’schäftle mit G’schmäckle getätigt zu haben, bekommt die Gründlichkeit des bodenständigen Weltverbesserers zu spüren. In den Achtzigerjahren etwa zerrte Richter eine Ikone der schwäbischen Wirtschaft wegen Parteispenden vor Gericht: Hans Merkle, zuvor 21 Jahre lang unantastbarer Chef des Autozulieferers Bosch, wurde verurteilt. Bei Daimler ist Richter inzwischen ein alter Bekannter. Gleich mehrfach rückte er dort zur Razzia an, wegen des Verdachts der Korruption, der Untreue, des Betrugs.

    Klare Spielregeln

    Aber Richter hat einen Rochus nicht nur auf Industrielle, die sich danebenbenehmen. Seine wohl mutigste Aktion war 2004 eine Untersuchung gegen die eigene Dienstherrin, die damalige Justizministerin des Landes Corinna Werwigk-Hertneck von der FDP. Sie hatte einem Parteikollegen Ergebnisse staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen gegen ihn verraten. Am Ende musste die Dame zurücktreten und wurde zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt.

    Auch Ex-Porsche-Chef Wiedeking kennt schon Richters Hartnäckigkeit. Nach mehr als drei Jahren Recherche, Razzien in seinem Haus und am früheren Arbeitsplatz, mehr als einem Dutzend Experten-Gutachten und der Befragung unzähliger Börsenhändler sei Richter, so erfuhr die WirtschaftsWoche bereits im Juni aus Polizeikreisen, zu der Überzeugung gelangt: Der frühere Porsche-Chef habe bei seiner Milliarden-Jonglage böse getrickst. Seinen Zuschauern an der Börse habe er das eine erzählt und hinter ihrem Rücken etwas ganz anderes gemacht – informationsgestützte Marktmanipulation nennt dies Paragraf 20 des Wertpapierhandelsgesetzes. Mit fünf Jahren Haft kann ein solches Verbrechen bestraft werden.

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