Mobilitätswende: Ist die Antriebsfrage im Schwerlastverkehr schon entschieden?
Elektro-Lkw auf der IAA 2022 in Hannover.
Foto: imago images4.436 Kilometer nur mit Batterie von Frankfurt am Main bis zum Nordkap in Norwegen. Zwölf Tage haben zwei Elektro-Lkw-Prototypen von Daimler Trucks dafür gebraucht. Der Hersteller will den Beweis antreten: Elektromobilität ist auch in der Logistik auf dem Vormarsch – dank großer Batterien und effizientem Verbrauch. Viele Studien aus der Wirtschaftsforschung sind ähnlich optimistisch – auch was die Preise angeht.
Ein Blick auf die Ladeinfrastruktur-Landkarte des europäischen Automobilverbandes ACEA lässt allerdings Zweifel aufkommen, inwieweit die Antriebsfrage bereits gelöst ist. 61 Prozent der Ladepunkte im wichtigen EU-Binnenmarkt konzentrieren sich auf nur drei Länder: die Niederlande, Deutschland und Frankreich.
„Der Ausbau der Ladeinfrastruktur schreitet in der Region des Balkans hingegen unterdurchschnittlich voran“, sagt Philipp Müller, Experte des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik. Gleiches gilt den Angaben zufolge für ganz Osteuropa. Wie offen oder entschieden ist das Rennen um den Lkw-Antrieb der Zukunft also wirklich? Und wie steht es um Wasserstoffantriebe und E-Fuels?
Die Energiefrage
Die Zeit der fossilen Energieträger Diesel, Benzin und Gas neigt sich dem Ende zu – auch beim Lkw. Die Gründe reichen vom Klimaschutz über die Versorgungssicherheit bis hin zum perspektivischen Angebotsrückgang. Doch was soll an ihre Stelle treten? Die drei derzeit vielversprechendsten Alternativen sind die direkte Nutzung von elektrischem Strom, die Nutzung von Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe, die aus erneuerbaren Energien hergestellt werden – so genannte E-Fuels. Alle diese Alternativen benötigen große Mengen an Strom.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW hat untersucht, welche Antriebsart mit Blick auf den benötigten Ausbau der Stromproduktion am sinnvollsten ist. Die schnelle Antwort: Mit einem Anstieg des Stromverbrauchs in Deutschland um gut 40 Terrawattstunden – das wären rund acht Prozent mehr als aktuell – würde die Nutzung von batterieelektrischen Lkws oder solchen mit einer Versorgung über Oberleitungen am effektivsten abschneiden.
Wasserstoff und E-Fuels sind der Studie zufolge dagegen deutlich ineffizienter, da beide Energieträger erst aus Strom hergestellt werden müssen. Die Wandlungsverluste bei der Herstellung von Wasserstoff sind geringer als bei E-Fuels. Umgekehrt verhält es sich bei der Speicherung: Da E-Fuels den fossilen Kraftstoffen chemisch ähnlich sind, benötigen sie keine neue Infrastruktur wie Wasserstoff.
Für die Grundsatzfrage spielt diese Abwägung aus Sicht der Autoren jedoch keine Rolle. Der „positive Flexibilitätseffekt von Wasserstoff- beziehungsweise E-Fuel-Speichern für den Stromsektor (werde) durch ihre schlechte Energieeffizienz mehr als aufgewogen.“ Eine „Elektro-only“-Strategie würde die Kosten der Stromversorgung hierzulande je nach Ladestrategie um 2,3 bis 3,8 Milliarden Euro pro Jahr verteuern. Umgerechnet auf die Fahrzeuge wären das zwischen 7.200 und 11.900 Euro.
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Die Praxisfrage
Für den Logistikverband DSLV ist der Dreiklang aus Umweltvorteilen, Gesamtbetriebskosten der Flotten und einer länderübergreifenden Ladeinfrastruktur entscheidend für den Umstieg von Verbrennern auf alternative Antriebe. Zwar sieht auch der Verband den E-Antrieb als „unbestritten energieeffizienteste Antriebsform im Straßengüterverkehr“, doch die Beantragung von Stromanschlüssen und LKW-Ladesäulen werde durch bürokratische Hürden erschwert.
Auch das DIW sieht darin einen entscheidenden Faktor. Ein wesentlicher Schlüssel für den Markthochlauf von elektrisch betriebenen Lkw und Sattelzugmaschinen sei die Bereitstellung von Ladeinfrastruktur und entsprechenden Netzanschlüssen, sowohl für Schnellladepunkte als auch für Lademöglichkeiten auf Betriebshöfen. Geschieht dies nur langsam, bleibt der Wandel stecken.
Fraunhofer-Experte Müller weißt zudem noch auf einen weiteren Bremsklotz für einen schnellen Umstieg hin: „Das durchschnittliche Alter von Nutzfahrzeugen in Süd- und Osteuropa (ist) signifikant höher als auf dem deutschen Markt“, sagt er. Die Fahrzeuge würden also länger genutzt, was den Umstieg verlangsame.
Die Absatzfrage
Für die Lkw-Hersteller stellt sich die entscheidende Frage: Was kaufen meine Kunden? Die Strategien und Annahmen der Unternehmen gehen dabei durchaus auseinander, haben aber eine entscheidende Gemeinsamkeit: Keiner setzt allein auf Elektro-Lkws.
Daimler rechnet bei E-Lkw damit, dass 60 Prozent der Langstreckenfahrten kürzer als 500 Kilometer sind, dementsprechend hält der Hersteller hier eine Ladeinfrastruktur auf den Betriebshöfen für ausreichend. Für längere Fahrten ist dagegen der Aufbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur Voraussetzung, erst dann ist diese Antriebsart im europaweiten Fernverkehr praktikabel. Da dies noch nicht der Fall ist, setzt das Unternehmen auf die Wasserstoff-Brennstoffzelle. Ein Prototyp sei bei einer Testfahrt mit einer Tankfüllung 1047 Kilometer weit gekommen.
Volvo hingegen sieht sich als globaler Hersteller, der sich nicht auf die Entwicklung in einer Weltregion konzentrieren will. Von Biosprit, Gas und Biogas über Elektro- und Wasserstoffantriebe wollen die Schweden so ziemlich alle möglichen Antriebsarten bedienen. Es gebe nicht die eine Antriebslösung, heißt es. Aber auch Volvo sieht die E-Lkw zunächst im Mittelstreckenbereich bis 450 Kilometer, der schon heute einen Großteil der Gesamtfahrleistung abdeckt.
Damit entspricht die Strategie der Hersteller den Erwartungen der Logistiker. „Es wird eine längere Zeit aber wohl auf einen Dreiklang aus batterieelektrischem, wasserstoffbetriebenem und klassischem Verbrennermotor hinauslaufen“, glaubt der DSLV. In der Energiewirtschaft werden aus Sicht des Verbandes derzeit die Märkte neu verteilt – weltweit, die eigene Branche habe darauf wenig Einfluss.
Statt diesem aktuell aus Sicht der beteiligten Wirtschaftsakteure viel zu langsamen Prozess weiter zuzuschauen, plädieren die Hersteller für eine stärkere Nutzung der CO2-Bepreisung als Hebel. „Wir vertreten den Standpunkt, nicht eine Antriebsart oder einen Kraftstoff zu verbieten, sondern im Umkehrschluss CO2 zu verbieten“, heißt es bei Volvo.
Ähnlich äußerte sich der Vorstandschef von Daimler Truck Martin Daum auf der diesjährigen Hauptversammlung: Die Politik müsse den Betrieb von Diesel-Fahrzeugen verteuern. „Das lässt sich am besten mit einer Bepreisung von CO2 erreichen, also mit einem Instrument wie der CO2-basierten Maut“, sagte Daum. Deutschland habe diesen Schritt bereits getan und müsse sich dafür einsetzen, dass dieses Modell auf ganz Europa ausgeweitet werde.
Ob schlussendlich die Hersteller mit ihrer offenen Antriebsstrategie oder die Ökonomen mit ihren Modellrechnungen Recht behalten, hängt sich beiden Seiten zufolge vor allem an einer Frage auf: Wird in Zukunft genügend günstiger Wasserstoff (oder E-Fuels) aus anderen Weltregionen importiert, oder wird das Angebot bereits durch andere Sektoren wie die Stahlindustrie abgeschöpft? Mit Blick auf die aktuelle Weltlage und die zusehend freihandelsfeindlichen Bedingungen dürfte das schwer vorherzusehen sein. Das DIW zeigt sich hier skeptisch, die Hersteller setzen dagegen auf ausreichend günstige Energieimporte in der Zukunft.
Ist die Antriebsfrage also bereits ausgemacht, nein. Daimler will derweil weiter testen, wie sich seine Elektro-Lkw auf der Langstrecke schlagen, der südlichste Punkt Europas - Tarifa in Spanien - ist eines der Ziele. Ob sich die Stuttgarter auch trauen, ihre Schützlinge von Deutschland bis nach Athen durch die Ladesäulenwüste des Kontinents zu schicken, verrät der Hersteller nicht. Wird der Beweis geführt, dass auch diese Strecke rein elektrisch und wirtschaftlich zu befahren ist, könnte das eine Entscheidung aber stark beschleunigen.
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