Mutmaßliches Auto-Kartell Wie wir unsere Branchen kaputtreden

Der aktuelle Vorwurf des Auto-Kartells ist nicht nur in der Autobranche ein Skandal. Der Fall zeigt, dass auch in den Medien einiges schief läuft, wenn regelmäßig ganze Branchen unter Generalverdacht gestellt werden.

Zetsche, Krüger und Müller beim

Der Verdacht wiegt schwer: Fünf deutsche Autobauer sollen sich seit den Neunzigerjahren abgesprochen haben. In über 60 informellen Gremien sollen mehr als 200 Mitarbeiter von VW, Audi, Porsche, Daimler und BMW technische Details, Preise und Lieferanten abgesprochen haben. So berichtet es der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe.

Das spektakulärste Beispiel: Die sogenannten „5er-Kreise“, wie die Runden angeblich intern in Anspielung auf die fünf Unternehmen genannt wurden, sollen sich auf zu kleine AdBlue-Tanks verständigt haben. AdBlue ist eine Harnstofflösung, mit der (Diesel-)Abgase von giftigen Stickoxiden gereinigt werden können. Größere und schwerere Tanks sind teuer und kompliziert einzubauen. Mit den strenger werdenden Abgasvorschriften reichte das AdBlue aus den kleinen Tanks irgendwann nicht mehr aus, um die Abgase ausreichend zu reinigen. Die Schlussfolgerung des „Spiegel“: „Es half nur noch Tricksen.“

Das Auto-Kartell als Quelle des Abgasskandals? Ganz langsam!

Fragen & Antworten: Jedes zweite Kartellverfahren wird durch Kronzeugen aufgedeckt

Alleine schon von „dem Auto-Kartell“ zu sprechen, geht zu weit. Es gibt den Verdacht und zahlreiche Indizien – aufgrund derer nun das Bundeskartellamt und die EU-Kommission ermitteln. Richtig ist also von einem „mutmaßlichen“ oder „möglichen“ Kartell der Autobauer zu sprechen.

Es gilt die Unschuldsvermutung

Bewiesen ist noch nichts – und das wird auch noch eine ganze Weile dauern. Die Autobauer sollen sich schließlich nicht nur bei der Größe der AdBlue-Tanks abgesprochen haben, sondern in unzähligen Bereichen – genannt wurden bislang etwa auch Getriebe und Cabriodächer. Sollten die potenziellen Absprachen wirklich dieses Ausmaß haben, muss jeder Fall gesondert betrachtet werden. In einigen Fällen mag das kriminell, in anderen kartellrechtlich bedenklich, in wiederum anderen Fällen vollkommen unproblematisch sein.

So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

Journalistisch bedenklich ist auf jeden Fall die Kampagne, die das Hamburger Magazin im Anschluss an seine Enthüllung gestartet hat. Der Online-Kommentar „Einmal Schrottpresse“ wird etwa angerissen mit den Worten: „Bislang waren Daimler, Volkswagen, Porsche, Audi und BMW der Stolz der deutschen Industrie. Dann kamen der Dieselskandal und nun der Kartellskandal. Die Branche riskiert nicht nur Milliardenstrafen – sie zerstört die Basis ihrer Geschäfte.“

Die Unschuldsvermutung? Gibt es beim „Spiegel“ offenbar nicht. Auch in einem Meinungsbeitrag gelten journalistische Standards – die Freude über die eigene Enthüllung war offenbar größer. Die Unschuldsvermutung ist ein Grundsatz fairer und unvoreingenommener Berichterstattung.

Ergeben die Ermittlungen, dass es nicht rechtens zugegangen ist, müssen die Unternehmen Strafen zahlen, womöglich im Milliarden-Bereich. Schließlich haben sie dann Kunden und Lieferanten geschädigt. Die angeblich 200 beteiligten Mitarbeiter haben ihren Firmen einen Bärendienst erwiesen. Anstatt ein paar Millionen zu sparen, dürften die Strafen drastischer ausfallen. Und sollten sie mit Freigabe aus dem obersten Management gehandelt haben, müssen auch (damalige) Vorstände in Regress genommen werden.

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