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Probefahrt im Chinaauto Superpreis, Reichweite na ja

WirtschaftsWoche-Redakteurin Annina Reimann mit dem chinesischen Elektroauto Aiways U5.

Das chinesische Auto Aiways U5 wird jetzt in Deutschland verkauft –und hat vom ADAC sogar gute Noten bekommen. Die WirtschaftsWoche hat daher eine Probefahrt unternommen. Ein Selbstversuch.

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Irgendwie piept es ständig. Ich bin etwas irritiert, schließlich fahre ich eigentlich nicht zu nah an der Leitplanke. Und weder vor noch hinter mir ist ein anderes Auto in Sicht. Wieso piepst es also? 

Ich mache eine Probefahrt mit dem Aiways U5, einem Elektroauto aus China, das der Elektronikhändler Euronics seit Sommer 2020 exklusiv über seine Filialen vertreibt. Angeschaut werden kann das E-Auto in etwa 50 Niederlassungen der Kette, bestellt wird im Internet. Der ADAC hat den U5 gerade erst getestet. Fazit, nachdem die Testingenieure das Auto eigenen Angaben zufolge „bis ins kleinste Detail untersucht“ hätten: Abgesehen von einigen Schwächen im Detail beweise der Aiways U5, dass Autos, die in China gebaut würden, nicht mehr billig im Sinne von „qualitativ minderwertig“ sein müssten.  

Das will ich genauer wissen. Ich buche die Probefahrt im Internet. Alles läuft ganz unkompliziert. Ich muss nur ein paar Daten eingeben, schon trudelt eine Mail in meinem Postfach ein: Um die Probefahrt anzutreten, soll ich lediglich einen gültigen Führerschein vorlegen und über 21 Jahre alt sein. Doch als ich in der Filiale der Euronics-Technikgalerie etwas außerhalb von Frankfurt komme, ruft der Verkäufer erstmal: „Probefahrt? Heut‘? Können Sie mir mal die E-Mail weiterleiten? Ich hab‘ nix bekommen…“  Kurze Irritation – doch dann macht der Verkäufer die Ausfahrt möglich.

Sprint von 0 auf 100 km/h in 7,8 Sekunden

Geschwind erklärt er mir das Auto. Das Wichtigste sei bei dem Automatikgetriebe eigentlich, dass ich zum Parken immer die Buchstaben N und P anwählen würde. Sonst fahre das Auto alleine davon. Einem Kunden sei es passiert, sodass er ins rollende Auto springen musste. 

Etwas anderes ist für mich als E-Auto-Novizin allerdings viel gewöhnungsbedürftiger ist: Man hört nicht, wenn es läuft. Wie bei vielen modernen Autos benötigt man den Schlüssel nur zum Öffnen der Tür. Beim Fahren surrt der Wagen wenigstens leise, aber wenn er noch steht, muss man testen, ob er in Betrieb ist. 

Wenn er fährt, beschleunigt er gut. Der ADAC beziffert die Leistung auf 150 kW (204 PS). Der Sprint von 0 auf 100 km/h sei „in sportlichen 7,8 Sekunden erledigt“, sagen die Tester. Die Höchstgeschwindigkeit werde zugunsten der Energieeffizienz bei 160 km/h abgeregelt. Ich stimme zu: An der Autobahnauffahrt ziehe ich erstmal einen BMW ab. Und dann surre ich leise davon. Bis es wieder piepst. Was ist das bloß? 

36,5 Meter langer Bremsweg 

Die Bremsen teste ich lieber nicht auf der Autobahn, sondern an einer Ampel. Auf einen Laien, wie mich, wirken sie ausreichend. Der ADAC bemängelt allerdings, dass der U5 bei der Bremsleistung schwächele. „Aus einer Geschwindigkeit von 100 km/h benötigt der U5 einen 36,5 Meter langen Bremsweg“, schreiben die Tester. Mancher Konkurrent stehe rund drei Meter früher. 

Gut am U5 ist, dass er viel Platz bietet: In den Kofferraum passt locker ein größerer Kinderwagen und vorne und hinten lässt es sich gleichzeitig mit ausreichend Beinfreiheit sitzen. Selbst der Verkäufer, nach eigener Auskunft „eigentlich kein E-Auto-Fan“, schwärmt: Er habe selber einen Tiguan, aber der U5 biete mehr Platz. „Brutal viel Platz“ sogar.



Mit fünf Erwachsenen bereits überladen 

Laut ADAC misst der U5 4,68 Meter in der Länge – acht Zentimeter weniger als der Konkurrent Mercedes EQC. Und trotzdem bietet der Elektro-SUV aus China laut ADAC etwa genauso viel Platz im Innenraum wie das Premiumprodukt. Der Kofferraum fasst laut ADAC in normaler Konfiguration 370, mit umgeklappten Rücksitzlehnen 960 und bei maximaler dachhoher Beladung 1675 Liter. Da könne der Mercedes EQC (355/755/1230 Liter) „nicht mithalten“. Allerdings gelte das Chinaauto schon mit fünf erwachsenen Personen und ohne Gepäck „als überladen“. Ein Minuspunkt. 

Bei der Reichweite ist der Verkäufer ehrlich. Die Stunde, die ich fahren darf, hielte der Wagen durch. Die Angaben von Aiways seien jedoch sehr optimistisch. Der Hersteller gibt die Reichweite mit bis zu 400 Kilometern an (nach dem Prüfmodus WLTP). Bei 140 km/h auf der Autobahn habe das China-Auto bei der privaten Ausfahrt des Verkäufers allerdings nur um die 250 Kilometer geschafft. Bei einer vernünftigen Fahrweise seien aber 320 Kilometer realistisch, meint er. „Die Reichweite“, urteilt auch der ADAC, falle mit „290 Kilometern unterdurchschnittlich aus“. Schnell lädt das Auto dafür auf der Autobahn: Während einer halbstündigen Pause kann der Aiways eine Reichweite von 214 Kilometern nachladen – der Mercedes EQC 400 ist genauso gut. 



14 Autos habe der Händler in den letzten Monaten verkauft, verrät er. Das sei mehr, als er erwartet habe. Er fungiert nur als Vermittler. Kunden können bei ihm Probefahren, den Vertrag aber machen sie mit Aiways. Der Händler bekommt eine Provision. Die Premiumedition gibt es - Umweltprämie schon abgezogen – ab 33.070 Euro. Dabei ist dann auch ein gläsernes Schiebedach, Vordersitzheizung, ein Notbremsassistent für Fußgänger und Fahrräder, eine Einparkhilfe oder elektrisch beheizbare Außenspiegel. Den Preis sieht auch der ADAC als das „stärkste Argument für den Aiways“. Das Angebot an Komfort- und Sicherheitsdetails sei „angesichts des Kaufpreises sogar konkurrenzlos“. 

Es kostet halb so viel wie ein Mercedes EQC 

Er koste „nur etwa halb so viel wie zum Beispiel ein Mercedes EQC, der von den Abmessungen her in der gleichen Liga spielt“. Doch „mitnichten“ sei er nur halb so gut wie der Mercedes. In der Verarbeitung erreiche der China-SUV zwar nicht das sehr hohe Niveau des Mercedes EQC, aber der Aiways sei „sauber zusammengebaut, die Lackqualität tadellos“. Im Innenraum gebe es geschäumte Oberflächen im oberen Bereich von Armaturenbrett und den Türverkleidungen sowie Filz in den Türablagen, das sorge „für einen wertigen Eindruck“. Ich persönlich finde den Innenraum unspektakulär. Ganz sicher haben die Designer von Mercedes dort mehr Herzblut reingesteckt. 

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Was mir allerdings wirklich fehlte war zum Beispiel das Handschuhfach und ein Navigationssystem. Letzteres sei nicht mehr der Trend, meint dazu der Verkäufer. Heute habe doch jeder sein Navi im Handy. Das kann man ans Auto anschließen. 

Am Ende der Fahrt versuche ich mich nochmal in einer Sackgasse. Ich will den Wendekreis testen. Eine 30er-Zone führt dort hinein. Plötzlich piept es wieder. Ich blicke auf das Display vor mir: 32 km/h. Offenbar hat mich das System auf der Fahrt immer gewarnt, sobald ich einen Tick zu schnell unterwegs war. Tja, so gut, wie ein Elektroauto beschleunigt, kann man leicht zum Raser werden. 

Mehr Zum Thema: Chinesen kaufen gern deutsche Autos – und umgekehrt? Das wird sich bald zeigen. Denn zahlreiche chinesische Autobauer greifen mit Elektromodellen in Europa an.

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