Volvos neue Strategie: Eine Flatrate soll neue Kunden locken
Volvo war über Jahrzehnte der Inbegriff des Kombis. Etwas eckig, aber robust, praktisch und vor allem langlebig sind die Attribute des Schwedenmobils, das zuletzt unter der Bezeichnung V70 verkauft wurde. Inzwischen baut Volvo auch erfolgreich SUVs, der XC90 ist inzwischen das meistverkaufte Modell der Schweden. Eine große Limousine war zwar auch immer im Programm, neben den Erfolgen des V70 und vor allem des XC90 ging die S80 zuletzt etwas unter. Das soll die Neuauflage der Limousine, die unter dem Namen S90 an den Start gehen wird, ändern.
Foto: WirtschaftsWocheDabei profitiert der S90 von jenem Modell, das ihm einst den Rang abgelaufen hat: Im vergangenen Jahr haben die Schweden mit dem neuen XC90 ihr eigenes Baukastensystem vorgestellt. Auf dieser skalierbaren Produkt-Architektur – kurz SPA – werden künftig alle Modelle der Schweden von der Mittelklasse aufwärts basieren. Neben der bekannten 60er-Baureihe – bestehend aus der Limousine S60, dem Kombi V60 und dem SUV XC60 – wird nun auch die Oberklasse-Familie als 90er-Baureihe zusammengefasst. Die alten Bezeichnungen V70 (künftig V90) und S80 haben somit ausgedient. Die neue Verwandtschaft zum XC90 ist dem S90 auch sofort anzusehen: Die Scheinwerfer mit den charakteristischen LED-Tagfahrlichtern „Thors Hammer“ und der Kühlergrill mit dem neu gestalteten Volvo-Logo sind dem SUV wie aus dem Gesicht geschnitten.
Foto: WirtschaftsWoche„Mit der Einführung des Volvo XC90 haben wir deutlich gemacht, wohin die Reise geht. Jetzt sitzen wir fest im Sattel: Mit Investitionen in Höhe von elf Milliarden Dollar in den vergangenen fünf Jahren haben wir die Marke Volvo neu aufleben lassen und ihr die Rolle verschafft, die ihr gebührt“, sagt Volvo-Chef Håkan Samuelsson laut einer Mitteilung über die neue Modellfamilie und das Baukastensystem.
Foto: WirtschaftsWocheVon der Seite ist die Eigenständigkeit der Limousine vom SUV zu sehen. „Wir wollten etwas grundlegend Neues in dieses eher konservative Segment bringen. Mit dem Volvo S90 ist dabei ein Fahrzeug entstanden, dem man seine Führungsrolle und Vertrauenswürdigkeit sofort ansieht“, sagt Chefdesigner Thomas Ingenlath über seine Kreation.
Foto: WirtschaftsWocheÜber die Motoren des S90 hat sich Volvo in einer ersten, knappen Mitteilung noch nicht im Detail geäußert. Ein Blick zum Baukasten-Bruder XC90 zeigt zwei Benziner mit 254 oder 320 PS, dazu ein Diesel mit 225 PS sowie ein Plug-In-Hybrid mit 400 PS. Alles sind Vierzylinder-Motoren mit zwei Litern Hubraum. Spätestens mit der kommenden Generation der 60er-Baureihe dürften auch schwächere und sparsamere Versionen der Motoren auf den Markt kommen. Ob auch der S90 mit Aggregaten unterhalb von 200 PS ausgerüstet wird, ist noch nicht bekannt. Der Vorgänger S80 war sogar mit einem nur 116 PS starken Diesel erhältlich.
Foto: WirtschaftsWocheDie Heckansicht kombiniert das Design der bisherigen, oben bis in den Kofferraumdeckel eingezogenen Rückleuchten mit jenen C-förmigen des XC90. Damit folgt die Linie der in den vergangenen Jahren gezeigten Designstudien so sehr, dass ein chinesischer Hersteller von Spielzeugautos bereits ein sehr genaues Modell des S90 entworfen hat – weit vor der Veröffentlichung dieser ersten offiziellen Bilder.
Foto: WirtschaftsWocheObwohl der XC90 erst 2014 vorgestellt wurde, ist die Technik anderthalb Jahre später schon ein gutes Stück weiter. So verfügt der S90 laut Volvo über einen fortschrittlichen halb-autonomen Fahrassistenten „Pilot Assist“. Er soll das Auto bei Geschwindigkeiten von bis zu rund 130 km/h mit „dezenten Lenkeingriffen“ in der Spur halten, auch ohne sich dabei an einem vorausfahrenden Fahrzeug orientieren zu müssen. „Damit ist der Pilot Assist ein weiterer Schritt in Richtung vollautomatisiertem Fahren, einem Kernbereich der Volvo-Forschung“, so die Mitteilung.
Foto: WirtschaftsWoche„Den Innenraum der Premium-Limousine haben wir auf ein neues Niveau gehoben: Das luxuriöse Umfeld bietet ein Maximum an Komfort und Kontrolle“, sagt Designer Ingenlath. Die meisten Ausstattungsmerkmale sind bereits aus dem XC90 bekannt, etwa der senkrechte Touchscreen. Allerdings wurden alle Anzeigen und Bedienelemente auf die niedrigere Sitzposition angepasst. Materialien und Verarbeitungsqualität dürften aber gleich sein.
Foto: WirtschaftsWocheÜber den Touchscreen werden alle zentralen Funktionen von der Klimaanlage über das Radio bis zum Navigationssystem gesteuert. Als Tasten sind nur noch einige Shortcuts wie die Scheibenheizung oder die Lautstärkeregelung übrig geblieben – und natürlich gesetzlich vorgeschriebene Funktionen wie der Warnblinker. Allen Tasten-Fetischisten sei gesagt: Die Bedienung des Systems ist einfacher als gedacht und geht mit etwas Übung leicht von der Hand. Zudem hat Volvo die Anzeigen von fahrtwichtigen Informationen im Head-Up-Display, weniger wichtigen Anzeigen im Instrumentendisplay und Komfort-Funktionen mit Mitteldisplay klug angeordnet.
Foto: WirtschaftsWocheDas edle Ambiente des XC90 bleibt auch im S90 erhalten. Das Leder und die Echtholz-Elemente können selbstverständlich je nach Kundenwunsch angepasst werden.
Foto: WirtschaftsWocheWie im XC90 dürfte auch in der Limousine die speziell für Volvo entwickelte Soundanlage von Browers&Wilkins für ein besonderes Klang-Erlebnis sorgen. Über das große Display können die Klangprofile einiger bekannter Opernhäusern angewählt werden – damit der Schweden-Fan etwa die Göteborger Opernhalle überall auf der Welt klanglich erleben kann.
Foto: WirtschaftsWocheIm Premium-Geschäft zählt natürlich auch der Blick für das Detail. Ein kleines Fähnchen mit der schwedischen Flagge ziert die linke Seite des Beifahrersitzes und die Gurtschnalle ist mit dem Schriftzug „Since 1959“ graviert, als Erinnerung an den Dreipunkt-Sicherheitsgurt, den Volvo als erster Hersteller auf den Markt brachte.
Foto: WirtschaftsWocheMit weiteren Informationen zum S90 hält sich Volvo bislang zurück. Mehr dürfte es nach der Premiere der Limousine auf der North American International Auto Show (NAIAS) in Detroit im Januar 2016 geben. Einzig von dem 400 PS starken T8 Twin Engine hat Volvo bereits die Verbrauchswerte veröffentlicht: Mit 1,9 Litern auf 100 Kilometer und 44 Gramm CO2 pro Kilometer liegt er knapp unter den Werten des XC90 (2,1 Liter, 49 Gramm) – ein Indiz für die restlichen Motoren, aber keine gesicherte Information.
Foto: WirtschaftsWochePreise sind noch nicht bekannt. Zum Vergleich: Das Schwestermodell XC90 startet bei 49.400 Euro, der Vorgänger S80 steht derzeit noch ab 44.250 Euro in der Preisliste. Der S90, der ab Sommer 2016 bei den Volvo-Händlern stehen wird, dürfte sich dazwischen einordnen. Mehr dann erst im Januar.
Foto: WirtschaftsWocheMit einer Produktion von 100.000 Fahrzeugen im Jahr wird man in der Autoindustrie sicher wahrgenommen. Aber erst ab einer Größenordnung von einer halben Million Fahrzeugen wird man in der Branche ernst genommen – von den Wettbewerbern, von den Zulieferern und großen Dienstleistern– von den Kunden ganz zu schweigen.
Volvo brauchte 89 Jahre, um zu solch respektabler Größe heranzuwachsen. Der schwedische Autobauer, 1927 von zwei Managern des Kugellager-Herstellers SKF gegründet, gefiel sich lange Zeit in der Rolle des Exoten unter den Autobauern, der zahlungskräftige Individualisten in Europa und Nordamerika mit vergleichsweise robusten wie sicheren Fahrzeugen versorgte. Eine Jahresproduktion um die 200.000 Fahrzeuge reichte, um die zwei Werke in Göteborg und Gent einigermaßen auszulasten.
Daran änderte Ende des 20. Jahrhunderts auch die Übernahme der Pkw-Produktion durch den Ford-Konzern und die Eingliederung von Volvo Cars in die Ford-Luxuswagensparte Premier Automotive Group (PAG) nicht viel: Im Kreis von Lincoln, Mercury, Jaguar, Land Rover und Aston Martin blieb Volvo stets ein Fremdkörper. Die Wende brachte erstaunlicherweise erst der Verkauf der schwedischen Ikone an den chinesischen Geely-Konzern: Seitdem eilt Volvo Cars von einem Absatzrekord zum anderen. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen weltweit 503.127 Fahrzeuge ab und damit so viel wie nie in der Firmengeschichte. Im Vergleich mit Toyota oder Volkswagen ist man damit zwar immer noch ein Auto-Zwerg. Aber die frühere Schwester Jaguar Land Rover immerhin hat man im Ranking der 20 weltgrößten Pkw-Hersteller hinter sich gelassen: Die Briten kamen in Summe nur auf einen Absatz von gut 487.000 Fahrzeuge und belegten damit nur Position 18.
Autos sind nur ein Teil der neuen Volvo-Welt
Volvo-Chef Hakan Samuelsson wird auf der Bilanzpressekonferenz am 18. Februar in Stockholm schildern, wie das neue, stylische SUV namens XC90 das Geschäft von Volvo in der zweiten Jahreshälfte 2015 befördert hat und auch von den Erfolgen des Unternehmens in China schwärmen, wo Volvo dank des neuen Modells und nach dem Start der Autoproduktion in den Werken Chengdu und Daqing im Verkauf um über zehn Prozent zugelegt hat. Er wird einen Ausblick geben auf das neue, 500 Millionen Dollar teure Volvo-Werk in South Carolina, wo ab 2018 jedes Jahr bis zu 100.000 Autos für Kunden in USA und Kanada produziert werden sollen – und schließlich den neue Oberklasse-Kombi Volvo V90 präsentieren, das Topmodell mit einem 410 PS starken teilelektrischen Hybridantrieb.
Aber neue Autos sind nur ein Teil des Transformationsprozesses, den der schwedische Autohersteller derzeit durchlebt. „Mit neuen Autos allein kann man auf dem umkämpften Weltmarkt nicht mehr wachsen“, weiß Thomas Bauch, der seit Februar 2014 die Geschäfte von Volvo in Deutschland leitet und sich das Ziel gesetzt hat, den Marktanteil der Marke hierzulande bis 2020 auf zwei Prozent zu steigern. Im vergangenen Jahr kam Volvo in Deutschland mit einem Absatz von 36.120 Autos (plus 13 Prozent) auf einen Marktanteil von exakt 1,13 Prozent – da liegt also noch eine Menge Arbeit vor der Geschäftsführung und den Vertriebspartnern von Volvo Deutschland.
Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, verlassen Bauch und sein Team die ausgetretenen Pfade. Die Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt ließen sie im vergangenen Herbst links liegen. Auch 2017 und 2019 wird das Unternehmen einen Bogen um die „Massenveranstaltung“ IAA machen. Statt auf der Messe präsentierte sich die Marke lieber auf der Kunstmesse Art Fair in Köln, der Boot in Düsseldorf oder auf einem Ärztekongress – „dort, wo unsere Klientel eher anzutreffen ist“, argumentiert Bauch. Das Konzept soll in diesem Jahr weiter ausgebaut werden. Geplant ist die Teilnahme an insgesamt 50 Veranstaltungen im Bundesgebiet.
Intensiviert werden sollen die Kundenkontakte aber auch durch eine Reihe neuer Dienstleistungen. Intensiv bewirbt Volvo derzeit sein Einstiegsmodell V40. Nicht nur mit einer Null-Prozent-Finanzierung, sondern auch mit einer Art Flatrate: Für einen monatlichen Beitrag von neun Euro sind Vollkasko-Versicherung und Wartung des Fahrzeugs inklusive. Um das Finanzierungspaket schnüren zu können, hat Volvo Deutschland in einem Joint Venture mit der Santander-Bank die Volvo Financial Services GmbH aus der Taufe gehoben.
Und das Versicherungs-Paket wurde zusammen mit einem Tochterunternehmen der Allianz entwickelt – in einem weiteren Joint Venture und unter dem Namen Volvo Auto Versicherungen werden ab April in einer exklusiven Partnerschaft, so Bauch, „passgenaue Komplettlösungen“ angeboten werden. Was die 198 deutschen Volvo-Händler freuen dürfte: Sämtliche Wartungs- und Reparaturarbeiten – auch Glasarbeiten - werden ausschließlich in ihren Fachwerkstätten durchgeführt. Was die Volvo-Kunden freuen dürfte: Die Versicherungstarife berücksichtigen die hohen Sicherheitsstandards und niedrigen Unfallraten ihrer Fahrzeuge. Im Klartext: Sie werden niedriger ausfallen als die von Generalversicherern ohne Markenbindung. Über den Telematik-Dienst Volvo On Call sollen zu einem späteren Zeitpunkt weitere Services angeboten werden, auch eine Abrechnung nach persönlichem Fahrstil.
Neue Arbeitsteilung soll Werkstattzeiten verkürzen
Bauch macht sich große Hoffnungen, mit Unterstützung der neuen Tochterunternehmen auch die gewerblichen Zulassungen und damit den Anteil am lukrativen Flottengeschäft steigern zu können: „Im Unterschied zum Privatkundengeschäft wächst der Gewerbemarkt noch. Da müssen wir stärker mitspielen.“ Aktuell liegt der Privatkundenanteil von Volvo über die gesamte Modellpalette bei 46 Prozent.
Beim neuen XC90 hingegen werden 76 Prozent der Fahrzeuge als Dienstwagen genutzt. Das neue „Schwedenleasing“, ein Fullservice-Angebot mit „Kampfpreisen“ für kleine Flottenbetreiber (mit maximal 50 Autos im Fuhrpark), zeigt hier bereits Wirkung. Bauch stößt auch hier in die Nische vor: „Große Leasinggesellschaften haben an solch kleinen Flotten kein Interesse.“
Den Flottenkunden dürfte auch das neue Werkstattkonzept entgegenkommen, das Volvo derzeit in vier Pilotbetrieben erprobt: Um Wartezeiten der Kunden auf einen Termin wie auf die Fertigstellung des Fahrzeugs zu verkürzen, sollen künftig Teams von Mechanikern und Mechatronikern zeitgleich am Auto arbeiten. Eine große Inspektion etwa könnte so schon nach einer Stunde beendet sein. Bauch: „Unseren Kunden spart es Zeit – den Servicebetrieben bringt es eine Verdoppelung des Umsatzes während der Öffnungszeiten.“ Und weil das so schön ist, soll der Service nach Möglichkeit auch an Samstagen angeboten werden: „Da haben die Kunden Zeit.“