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VW-Jahresabschluss Wolfsburg hängt unter der Dieselwolke

In Wolfsburg legt der Volkswagen-Konzern die Bilanz des Geschäftsjahres 2015 vor, das durch die Abgasaffäre verhagelt wurde. Der Skandal hat aber auch sein Gutes: Er hilft Konzernchef Müller bei der Neuausrichtung.

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VW-Chef Matthias Müller bei der Jahrespressekonferenz von Volkswagen. Quelle: AP

Gefühlte zwei Minuten dauerte die Begegnung von VW-Konzernchef Matthias Müller mit US-Präsident Barack Obama Anfang der Woche auf der Hannover Messe. Gerne hätte der Deutsche dem Amerikaner bei der Gelegenheit von den neuen Elektroautos vorgeschwärmt, der der Konzern in den kommenden Jahren auf den Markt bringen will. Auch die neuen Mobilitätskonzepte oder die Digitalisierungsstrategie hätten jede Menge Stoff für einen anregenden Plausch geliefert.

Stattdessen aber ging es – wieder mal – nur um ein Thema: Müller entschuldigte sich bei Obama persönlich für die Software-Manipulationen bei Dieselmotoren, für die Tricksereien und Betrügereien einiger Ingenieure und die gesundheitlichen Schäden, die US-Bürger möglicherweise durch die erhöhten Stickoxid-Emissionen in den zurückliegenden Jahren erlitten haben.

Ähnlich erging es Müller am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz des VW-Konzerns in Wolfsburg: Eigentlich wollte der VW-Chef hier die "Dieselthematik" nur kurz streifen und anschließend ausführlich über die umfassende Neuausrichtung des Konzerns reden, über Investitionen in neue Elektroautos und Mobilitätsdienstleistungen, über die neuen Volkswagen Group Future Center in Potsdam, Peking und im Silicon Valley, über das Digital-Lab und den Modularen Elektrifizierungsbaukasten, kurzum: die Neuaufstellung von Europas größtem Automobilhersteller auf die anbrechende neue Ära des Individualverkehrs.

Doch statt dessen gab es bohrende Fragen nach den finanziellen Belastungen des Konzerns durch den Abgasskandal, durch Rückrufaktionen, Reparaturmaßnahmen und Kompensationszahlungen.

Nein, so schnell wird sich die schwarze Rußwolke über Wolfsburg nicht verziehen. Der Dieselskandal bleibt auch 2016 eine Belastung für den Autokonzern. Gewiss, mit den US-Umweltbehörden ist inzwischen eine Rahmenvereinbarungen über Wiedergutmachmachungen, über die Reparatur der betroffenen Fahrzeuge und Schadenersatzzahlungen an die betrogenen Autokäufer in den Staaten getroffen. Auch wurden 1,8 Milliarden Euro zurückgestellt, für Investitionen in US-Umweltprojekte und die Elektromobilität – wofür genau das Geld verwendet wird, soll bis zum 21. Juni in weiteren Gesprächen und unter strikter Geheimhaltung geklärt werden.

Wie VW die „Dieselgate“-Drahtzieher finden will

Auch in Europa geht es langsam voran. Auf der Bilanzpressekonferenz konnte Müller mit sichtlicher Erleichterung vortragen, dass das Kraftfahrbundesamt endlich grünes Licht für den Rückruf der VW Golf mit dem "Höllen"-Diesel EA 189 gegeben hat: Der Temperatursturz in der vergangenen Woche hatte Erprobungsfahrten der modifizierten Fahrzeuge im Straßenverkehr unmöglich gemacht und die Freigabe verzögert. Aber der Zeitplan ist bereits heftig durcheinander geraten. Ob wie ursprünglich geplant bis zum Jahresende alle elf Millionen Autos in Europa, die mit einer Schummel-Software unterwegs sind, lässt sich derzeit nicht absehen.

Und die juristische Aufbereitung des Skandals hat noch gar nicht begonnen. Der Abschlussbericht über die VW-interne Untersuchungen durch die Anwaltskanzlei Jones Day soll nach Stand der Dinge nun erst zum Jahresende vorliegen und – nach vorheriger Sichtung durch das US-Justizministerium – anschließend veröffentlicht werden.

Auch bei den strafrechtlichen Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig ist noch kein Land in Sicht. Frühestens Anfang 2017 werden die Ermittler entscheiden, ob und gegen wen der derzeit 17 Beschuldigten ein Verfahren eröffnet wird. Gegen sechs Beschuldigte ermittelt die Staatsanwaltschaft zudem wegen des Verdachts, durch möglicherweise zu niedrig angegebene Verbrauchsangaben bei Fahrzeugen über Jahre hinweg die Finanzbehörden betrogen zu haben.

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