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Quelle: REUTERS

Wirecard ist das Fukushima des Lobbyismus

Der Skandal um Wirecard war nur möglich, weil die Lobby der Wirtschaftsprüfer griffige Regeln bei Rotation und Haftung verhindert hat. Ein Eigentor.

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Für höllische Projekte hat er eine Schwäche. Im Mai 2010 begab sich Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Frau bei einem AC/DC-Konzert auf den Highway to Hell – und verließ ihn seither kaum noch, so scheint es. Wirecard ist die jüngste Affäre, in der sein Name auftaucht. Der gefallene Politstar setzte sich bei Angela Merkel dafür ein, dass sie auf ihrer China-Reise die Hochstapler aus Aschheim unterstützt. In einem persönlichen Gespräch, versteht sich. Von Guttenberg war nicht der einzige Wirecard-Gesandte, der im Kanzleramt vorsprach. Auch Exgeheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche verdingte sich als PR-Söldner.

Der Finanzausschuss des Bundestages schaut sich das in einer zweiten Sondersitzung Anfang September genauer an. Neben dem Versagen der Aufsichtsbehörden wird die Frage im Raum stehen, warum Lobbyisten ungehindert Zugang zur höchsten Regierungsebene erhalten und das keinen stört. Doch leider dürfte die Aufklärung nicht darüber hinausgehen. Dabei zeigt der Fall Wirecard auf, was exzessiver Lobbyismus alles anrichten kann. Da geht es nicht um Kaffeekränzchen mit der Kanzlerin, sondern um die systematische Verhinderung griffiger Gesetze. Ein Finanzplatz kommt in Verruf, weil die unheimliche Macht der Wirtschaftsprüfer über Jahre den Gesetzgeber an die kurze Leine nahm – statt umgekehrt.

Keiner fragte, wer auf die Idee kam, Wirtschaftsprüfern ein Haftungsprivileg einzuräumen. Hebammen müssen für ihre Fehler unbegrenzt zahlen, bei PwC, KPMG, Deloitte und Co. ist bei lächerlichen vier Millionen Schluss. Keiner wunderte sich, warum Wirtschaftsprüfer nicht häufiger rotieren müssen. Ernst & Young bemerkte bei Wirecard mehr als zehn Jahre nichts. Es wäre einfach zu verhindern gewesen. Keiner wollte genau wissen, warum die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung als zahnloser Tiger konzipiert wurde. Und, und, und ...

Nach dem Cum-Ex-Steuerskandal um die mehrfache Rückerstattung von Kapitalertragssteuer verantwortet die institutionalisierte Produktion von Gesetzeslücken nun den nächsten GAU. Das Geschäft sollte nicht durch klare Regeln gestört werden. Ein Eigentor, denn sie wären ein Anreiz für mehr Qualitätskontrolle gewesen, ein Schutz für Finanzplatz und Wirtschaftsprüfer zugleich. Wirecard ist das Fukushima des Lobbyismus. Es braucht dringend eine Wende im System. Nicht nur zu Guttenberg muss den Highway to Hell endlich verlassen.

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„Big Four“ nennt man die führenden Wirtschaftsprüfer – wegen ihrer Macht und ihres politischen Einflusses. Die Kritik am Oligopol der Bilanzwächter ist alt. Neu ist: Der Wirecard-Skandal erzwingt eine Reform.

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