N26: Ein Mobilfunkvertrag von der Bank? Dieses System steckt dahinter
Die erste Bank in Deutschland bietet jetzt Mobilfunkverträge an. Eigentlich lief das Spiel umgekehrt: Lange versuchten Telekommunikationsunternehmen, zusätzlich Finanzdienstleistungen anzubieten. In Afrika und Lateinamerika zahlen Millionen Mobilfunkkunden über ihre Smartphones. Doch in Europa floppte das Modell.
Jetzt läuft der entgegengesetzte Versuch: Der Neobroker N26 bietet seinen Kunden auf seiner App unter dem Namen N26 SIM eigene Mobilfunkverträge auf dem Vodafone-Netz an – ganz ohne zusätzliche Legitimierung. „Obwohl es in Deutschland viele Anbieter und Tarife gibt, fehlt es oft an flexiblen, einfachen Prozessen und einem nahtlosen, günstigen und voll digitalen Erlebnis. Genau hier setzen wir an“, so eine Sprecherin von N26.
Branchenfremde Player haben sich bereits seit einiger Zeit im Mobilfunksektor etabliert: Supermarktketten wie Aldi und Lidl oder Glasfaserunternehmen wie Ewe-Tel bieten ihren Kunden eigene Verträge. Dennoch gibt es Chancen für das neue Angebot: „Wir sehen ein Potenzial für Mobilfunkabschlüsse bei etwa zehn bis 20 Prozent der Kunden von Neobanken“, sagt Nejc Jakopin von der Unternehmensberatung Arthur D. Little.
N26 hatte Ende letzten Jahres mehr als 4 Millionen Kunden, der Konkurrent Revolut etwa 52 Millionen. Das würde für N26 mittelfristig ein Potential von etwa 400.000 bis 800.000 Mobilfunkverträgen bedeuten, wenn die Neobank das Angebot wie angekündigt auf weitere Märkte ausweitet. Kunden von Neobanken seien „häufig junge, urbane und technologie-affine Menschen, die zugleich preisbewusst sind“, so Jakopin.
N26-Chef und Mitgründer Valentin Stalf hatte den Plan, in den deutschen Mobilfunkmarkt einsteigen zu wollen, erst vor wenigen Tagen bekannt gegeben. Wie viele Kunden N26 mit dem neuen Angebot erreichen will, verriet der N26-Chef nicht. „Langfristig ist unser Ziel, N26 SIM zu einem skalierbaren Produkt weiterzuentwickeln, das über verschiedene Märkte hinweg funktioniert“, so die N26-Sprecherin.
Vodafone und N26 stehen für diese Dienstleistung nicht direkt miteinander in einem Vertragsverhältnis. Beide haben ein Abkommen mit dem Telekommunikationsunternehmen 1Global abgeschlossen, als sogenanntem Mobile Virtual Network Enabler, kurz MVNE. In Deutschland sind insgesamt 105 Millionen Sim-Karten (ohne Karten für das Internet der Dinge) aktiviert. Davon entfallen rund 19 Millionen Sim-Karten auf Kunden von virtuellen Netzbetreibern (MVNOs) wie Aldi Talk, Ay Yildiz, oder 1Global.
„Vodafone hat Kapazitäten an 1Global verkauft“, so die Vodafone-Pressestelle. Die vermarktet sie an N26 und womöglich weitere Großkunden weiter. Im Gespräch ist offenbar auch ein Deal mit dem Neobroker Revolut. Im Heimatmarkt Großbritannien stellt der seinen Kunden bereits seit 2022 über 1Global Mobilfunkverträge zur Verfügung.
N26 kommt dem Konkurrenten Revolut zuvor
Seit März 2024 können Kunden bei Revolut in über 100 Ländern, darunter auch Deutschland, zudem Verträge zum Surfen im Internet buchen. In diesen sind aber weder Telefonie noch SMS enthalten, sie bieten daher bislang keine vollständige Alternative zu herkömmlichen Handyverträgen. Die britische Neobank hatte aber ebenfalls angekündigt, noch in diesem Jahr ein umfassendes Mobilfunkangebot in Deutschland einzuführen. Nun ist N26 aber schneller.
„Auch wenn einige Fintech-Player bereits eSIM-Angebote für Reisen eingeführt haben, ist N26 der erste Anbieter, der lokale Mobilfunktarife direkt über eine Banking-App zugänglich macht“, erklärt die Sprecherin.
Nourdine Abderrahmane, Innovationsexperte bei der Unternehmensberatung Lucht Probst Associates, erwartet, dass auch Neobroker wie Trade Republic künftig ein Mobilfunkangebot machen könnten. Denn Abderrahmane glaubt, dass Neobanken in den Mobilfunkmarkt streben, um zusätzliche Daten zu generieren: „Banken erfahren von einem Kundenwunsch immer erst, wenn Käufe bereits abgeschlossen sind“. Mit einem Zugang zu mehr Kundendaten könnten Neobanken Nutzern demnach besser rechtzeitig personalisierte Angebote senden.
Das Geschäftsmodell hinter dem N26-Mobilfunkangebot ist nicht zu komplex: Die Kunden werden aufs Vodafone-Netz gebucht. Dabei wird die Bank förmlich zum virtuellen Netzbetreiber und dient als Kundenschnittstelle. Sie hält über ihre App mit den Kunden Kontakt, rechnet ab und bietet den Kundenservice. Der technische Dienstleister dahinter ist 1Global. Der erstellt und versendet die eSim, ist für die Compliance zuständig und bietet die Schnittstelle zum Netzbetreiber.
Obwohl jetzt drei an einem Deal verdienen wollen, den normalerweise höchstens zwei machen, ist das Angebot preislich aktuell dank eines zusätzlichen Rabatts sehr günstig: unbegrenztes Telefonieren plus 10 Gigabyte Datenvolumen gibt es für 12 Euro, 100 Gigabyte für 28 Euro. Auch ohne Rabatt können die Preise von N26 bei gleichen Bedingungen mit den großen deutschen Anbietern wie Vodafone, Telekom oder O2 konkurrieren. Kleinere Anbieter wie die Telekom-Marke Fraenk unterbieten N26 preislich aber.
Unternehmensberater Jakopin sieht keinen Margendruck in dem Geschäftsmodell: „Weil eine Neobank an dem Angebot nicht zwingend direkt verdienen will, bei den Marketingkosten Synergien nutzt und keine Provisionen zahlen muss, dürfte die Bezahlung für den Netzbetreiber nicht schlechter sein als bei anderen Deals mit virtuellen Netzbetreibern.“
Keine Neukunden für Vodafone
Vodafone kämpft seit mehreren Jahren mit anämischem Wachstum auf dem deutschen Markt. Ihr kann es nur recht sein, das Netz zusätzlich mit Bankkunden auszulasten. In ihre Neukundenbilanz aufnehmen will Vodafone die über die Bank gewonnenen Kunden aber nicht: „MVNO-Kunden zählt Vodafone nicht als eigene Kunden. In diesem Fall sind es also N26-Kunden und nicht unsere“, so Vodafone.
Branchenkenner zeigen sich überrascht, dass der Zuschlag von N26 an 1Global ging. Medien berichteten zunächst von der deutsch-amerikanischen MVNE Gigs von den beiden Gründern Hermann Frank und Dennis Bauer als Favorit. Die bedienen bereits Banken wie NuBank in Brasilien, Zolve in Indien und die Super-App Grab in Singapur. 1Global dagegen ist der Dienstleister hinter der niederländischen Bunq.
Außerdem pflegt 1Global offenbar sehr gute Kontakte zu Vodafone: Der frühere Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter fungiert seit Herbst 2023 als Aufsichtsratschef von 1Global. Dem Unternehmen gehört Truphone, ein eSim-Dienst, den der Putin-nahe Oligarch Roman Abramowitsch von London aus betrieb.
Nach den Sanktionen gegen russische Oligarchen wurde Truphone unter staatliche Aufsicht gestellt. Auto1-Milliardär Hakan Koc kaufte 2022 für nur ein Pfund alle Assets. Truphone nutzte dank des lockereren britischen Telekommunikationsrechts die Möglichkeit, weltweit eSIMs ohne vorherige Legitimation des Teilnehmers auszugeben – auch in Deutschland. Auch bei 1Global scheinen Kontoeröffnungen von Deutschland aus nach wie vor ohne Identifikationsverfahren möglich zu sein.
Die Bundesnetzagentur prüfte Truphone damals. Denn in Deutschland ist bei Prepaid-Tarifen der Diensteanbieter verpflichtet, die Identität der Kunden zwecks möglicher späterer Auskunftsersuche von Sicherheitsbehörden zu überprüfen. Das ist dank des strengen Legitimationsprozesses, den Bankkunden bei der Kontoeröffnung durchlaufen, eigentlich kein Problem. Oder doch?
Gerade erst musste N26 eine Geldstrafe in Höhe von 9,2 Millionen Euro wegen zu spät gemeldeter Geldwäsche-Verdachtsfälle im Jahr 2022 zahlen. Von Ende 2021 bis Mitte 2024 hatte die Bankenaufsicht Bafin N26 wegen Qualitätsmängeln in der Compliance eine Wachstumsbeschränkung auferlegt, 2022 zudem eine Geldstrafe. Offenbar war es für Kriminelle zu leicht, lasche Systeme für sich zu nutzen. „Alle Beteiligten sind gut beraten, die Legitimationspflichten ernst zu nehmen, denn neben der Bankenaufsicht ist jetzt auch die Bundesnetzagentur als Telekommunikationsaufsicht zuständig“, sagt Berater Jakopin. „Es gibt doppelten Druck.“
Fakt ist: So schnell und formlos wie über N26 bekommen sie derzeit auf legalem Weg nirgendwo sonst eine sofort freigeschaltete eSim. Die lässt sich zum Beispiel auch problemlos an Dritte weiterreichen. Bleibt die Frage nach der Qualität des Netzes. Hier gibt der Onlinedienst TelTarif eine mäßige erste Einschätzung: Das Gesprächsniveau erinnere mit unnatürlich klingenden Gegenstellen an Internettelefonie, zudem verhalte sich die eSim anders als gewohnt: Deutsche Nummern lassen sich nur im internationalen Format mit +49 wählen, es können keine kostenlosen Sonderrufnummern mit Vorwahlen wie 0800 angerufen werden, das Roaming ist streng auf EU-Mitgliedsstaaten beschränkt. Mobilfunk-Connaisseur Hennig Gajek schließt lakonisch: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Besseres findet.“
Transparenzhinweis: Der Artikel wurde um Details zum Einstieg von Hakan Koc ins Mobilfunkgeschäft ergänzt.
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