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Oddo-Seydler-Bankchef "Mr. Shorty" und der Mittelstand

Brauchen Mittelständler Geld von der Börse, gibt es oft nur eine Adresse: Oddo Seydler. Die Bank könnte durch eine Fusion mit der BHF-Bank noch gewichtiger werden. Doch der Seydler-Chef René Parmantier fällt durch dubiose Deals und Verluste für Anleger auf.

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René Parmantier, Chef der Oddo Seydler Bank, inmitten verlustreichen Firmen. Quelle: dpa

Andreas Granderath vom Softwareunternehmen P&I schwärmt: Fachkompetent und vertrauensvoll sei der Mann, sein Wort gesetzt, auch wenn eine Abmachung nicht „auf Papier“ stehe. Die Rede ist von René Parmantier, Chef der Oddo Seydler Bank in Frankfurt. „Er ist ein sehr verlässlicher Bankchef“, meint auch Martin Billhardt, Exchef von PNE Wind. Und ein anderer namhafter Unternehmer sagt: „Als es bei uns kriselte, stand nur noch ein Banker treu an unserer Seite: Parmantier.“ So wie diese Kunden schwärmen viele.

Vom Händlertisch in den Chefsessel

Wer im Mittelstand Geld über die Börse aufnehmen will, kommt an Parmantier kaum vorbei. „Für Großbanken sind wir zu klein“, sagt der Finanzvorstand eines Mittelständlers. Am Ende käme nur Oddo Seydler infrage. Die Bank hat die meisten Mittelstandsanleihen auf den Markt gebracht, ist Marktführerin im mittelständischen Investmentbanking. Parmantier ist der Banker des börsennotierten Mittelstands.

Unternehmen besorgt er Millionen – doch unter Investoren ist sein Ruf mittlerweile angekratzt. Ihr Armageddon: der Börsengang der Modekette Steilmann im November 2015, für den sich Parmantier engagierte. „Wir bringen kein Unternehmen an die Börse, das nicht profitabel ist“, zitierte ihn die „Börsen-Zeitung“. Ende März, knapp fünf Monate später, war die überschuldete Steilmann zahlungsunfähig.

Parmantier hatte seine Truppen kräftig Geld für Steilmann sammeln lassen. Allein 2015 legte Oddo Seydler drei Schuldscheine für das Unternehmen auf, brachte eine neue Anleihe auf den Markt und stockte eine alte zweimal auf. Insgesamt besorgte er Steilmann mindestens 74 Millionen Euro. Jetzt brach Steilmann unter der Schuldenlast zusammen.

Die Millionengräber der Oddo Seydler Bank

Parmantier hätte gewarnt sein können: Beim Börsengang hatten seine Leute die Aktie wie sauer Bier angeboten. Sie sammelten weniger als ein Zehntel der geplanten Millionen ein. Ein Blick in den Wertpapierprospekt von Steilmann lässt ahnen, warum: Vor vielen Kennzahlen standen schon vor dem Börsengang Minuszeichen. Oddo Seydler hält dem entgegen, Steilmann hätte einen Gewinn geplant, im vierten Quartal aber sei der Absatz in der Textilbranche eingebrochen, was sie nicht hätten vorhersagen können.

Steilmann könnte für Parmantier zum Bumerang werden: Erste Investoren wenden sich von der Bank ab. „Egal, wie gut ein Wertpapier aussieht, von Oddo Seydler kaufen wir nichts mehr“, sagt ein großer Investor, der der Bank lange treu zur Seite stand.

Und doch sieht es mittelfristig so aus, als ob sich sein Einfluss vergrößern könnte: So hat der französische Eigentümer von Oddo Seydler – Philippe Oddo mit seiner Oddo & Cie – kürzlich die BHF-Bank gekauft. BHF-Kreisen zufolge steht eine Fusion zwar kurzfristig nicht an. Doch: „Es macht keinen Sinn, zwei Banken mit teils überlappenden Geschäftszweigen nebeneinander bestehen zu lassen“, sagt ein Kenner. Er vermutet, dass Oddo die BHF zum Institut für Private Banking umbauen könnte. Das Kapitalmarktgeschäft der BHF könne zugunsten von Seydler eingedampft werden. BHF-Chef Oddo sagt dazu, dass er gemeinsam mit Mitarbeitern Ideen entwickeln werde.

Aktienbetreuung als Türöffner

Bei Oddo Seydler hat Parmantier die Abteilung für Aktienbetreuung („Designated Sponsoring“) aufgebaut. Die organisiert für kleine Unternehmen den Handel mit deren Aktien, kauft Anlegern Aktien ab, wenn kein anderer Käufer aktiv ist. „Für Großbanken war die Kurspflege nur ein Randgeschäft; die haben nur Kurse gestellt, auf die niemand handeln konnte“, sagt Ex-Seydler-Aufsichtsrat Gerold Lehmann. Parmantier gewann so „viele Kunden, mit denen er später auch andere Geschäfte machen konnte“, sagt Lehmann. Die Bank ist heute Marktführer im Sponsoring und betreut um die 200 Aktien mittelständischer Unternehmen – von Beate Uhse über Bastei Lübbe bis Borussia Dortmund. Anders als einige Wettbewerber schrieb Seydler stets schwarze Zahlen. Dass in der Finanzbranche oft schlecht über Parmantier gesprochen wird, ärgert Lehmann: „Das sind alles nur Neider. Sein Erfolg spricht für sich.“

Miese Mittelstandsanleihen

Tatsächlich kursieren in Frankfurt abenteuerliche Geschichten über den Banker. Er gilt als, gelinde gesagt, schwierig. So soll er einen Mitarbeiter, der eine Weihnachtsfeier im Literaturhaus gegen 23 Uhr verlassen hatte, in der gleichen Nacht gefeuert haben. „Respektloses Verhalten“ sei es, dass er so früh gegangen sei, zitiert der Ehemalige Parmantier. Als der Mann seine Sachen abholen wollte, zog der Chef die Kündigung zurück. Parmantier dementiert das nicht.

Oddo Seydler brachte Steilmann an die Börse – keine fünf Monate später war das Modehaus pleite. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Thomson Reuters; Geschäftsberichte

Kündigen wichtige Mitarbeiter oder gute Kunden, kann er sehr unangenehm werden: „Als wir gekündigt hatten“, sagt ein Ex-Sponsoring-Kunde, „musste ich mich von Parmantier beschimpfen lassen, was wir uns einbilden würden, einfach den Vertrag zu beenden.“ Die Bank sagt dazu, dass es „nicht dem Stil des Hauses“ entspreche, Kunden anzuschreien.

Der Chef des chinesischen Immobilienunternehmens Euro Asia Premier Real Estate, Patrick Chan, bezeichnet Parmantier als „verantwortungslosen Cowboy“. Er habe zugesagt, das Unternehmen bei der Platzierung einer Wandelanleihe zu unterstützen, 90.000 Euro vorab kassiert und dann das Projekt nicht zu Ende gebracht. „Ich kann akzeptieren, wenn jemand nicht mit uns zusammenarbeiten möchte“, sagt Chan. Doch es sei unverschämt „Geld zu nehmen, aber nichts dafür zu tun“. Von dem Honorar, das die Bank als marktüblichen Vorschuss für drei Monate bezeichnet, erhielt er nur 60.000 Euro zurück. Seydler sagt, dass sie die Wertpapiertechnik bereitstellen sollten. Der Auftrag sei nicht durchführbar gewesen, da Auflagen seitens Euro Asia nicht erfüllt waren. So sei Euro Asia nicht im regulierten Markt gelistet gewesen. Außerdem habe Euro Asia vertraglich vereinbarte Vorleistungen nicht erbracht. Das einbehaltene Honorar rechtfertigt die Bank außer mit Anwaltshonoraren damit, dass ein Bankmitarbeiter Immobilien in China besichtigt und dort einen hohen Leerstand vorgefunden habe.

Ansonsten soll der Banker nicht so zimperlich sein. Seine Mitarbeiter fordert der Chef dabei auch schon mal auf, Wertpapiere aggressiver zu vertreiben. So berichten es mehrere, die lange für ihn gearbeitet haben. Die Bank würde laut Stellungnahme den Ausdruck „aggressiv“ durch „engagiert“ ersetzen.

Miese Mittelstandsanleihen

Wer im Vertrieb aus seiner Sicht nicht genug leiste, den stutze Parmantier lautstark zurecht, bestätigen aktive und Exmitarbeiter. Sie klagen, dass der Vertriebsdruck immens sei. Die Bank sagt dazu, dass jeder Mensch Druck „höchst subjektiv“ empfinde. „Und ja, Herr Parmantier hält alle Mitarbeiter in allen Bereichen ständig zu Höchstleistungen an.“ Schließlich erwarteten die Kunden „Spitzenleistungen“.

Dazu passt die Geschichte eines Exkunden: Der berichtet, dass ein Vertriebler der Bank versucht habe, ihm eine Kapitalerhöhung aufzudrängen, obwohl sein Unternehmen kein Geld brauchte. Die Bank kann sich an keinen Vorgang erinnern, weist aber allgemein den Begriff „aufdrängen“ als „unzutreffend“ zurück. Sie sagt, dass eine Kapitalerhöhung „auch ohne akuten Finanzierungsbedarf“ sinnvoll sein könne, um die Finanzierungsstruktur einer Firma zu optimieren.

Kunden umgarnt Parmantier auf teuren Weinverkostungen oder Golfevents. Mit guten Kunden speist er in einem urigen Restaurant in Bad Homburg. Doch auch das beste Essen dürfte Investoren nicht beruhigen. Die Löcher in den Depots derer, die auf Papiere aus dem Hause Oddo Seydler gesetzt haben, werden größer. Einige Anleihen, die das Institut allein oder mit anderen Banken platziert hat, sind notleidend, vom Solarzulieferer 3W Power über das Modehaus Strenesse bis zum Suppenhersteller Zamek. Mit neun Anleihen verloren Anleger bislang rund eine halbe Milliarde Euro. Im Fall Zamek tönte Parmantier zur Anleihebegebung noch: „Als emissionsbegleitende Bank sehen wir unsere Verantwortung darin, nur qualitativ hochwertige Anleihen auf den Markt zu bringen.“ Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf gegen das Ex-Zamek-Management. Verdacht: Betrug mit der Anleihe. Die ehemaligen Zamek-Manager weisen die Vorwürfe als haltlos zurück; die Bank ist im Verfahren Zeuge.

"Teil des Risikos"

  • Aufsicht, Börse oder Staatsanwaltschaft machten der Bank Ärger, etwa wegen verbotener Kreisgeschäfte: Mehrere Händler der Bank hatten dafür gesorgt, dass Aktien zwischen dem Börsenparkett und dem elektronischen Handelssystem Xetra im Kreis hin und her gehandelt wurden. Teils wurden binnen zwei Minuten mehr Aktien gehandelt als sonst an einem Tag üblich. Kreisgeschäfte täuschen Anlegern Liquidität vor; obendrein können sie Aktienindizes wie den SDax oder MDax verfälschen. Der Umsatz, der mit einer Aktie gemacht wird, ist ein Kriterium für die Aufnahme in die Indizes. 2013 ermittelte die Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen künstlicher Umsätze in der vwd-Aktie. Das Verfahren stellte die Behörde gegen Geldauflage ein. 2015 verdonnert der Sanktionsausschuss der Börse Frankfurt die Bank zu 20.000 Euro Ordnungsgeld. Fünf Händler hatten fünf Aktien im Kreis gehandelt. Die Bank sagt dazu, sie habe auf „Basis eines Rechtsgutachtens“ in gutem Glauben gehandelt. Auch habe die Deutsche Börse damals „ihre Interpretation“ ihres Regulariums „geändert“.
  • Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt im Fall Xing wegen möglicher Marktmanipulation. Einem Xing-Mitarbeiter wurde laut Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, „den ebenfalls beschuldigten Mitarbeiter der (...) Bank (...) zur Manipulation des Kurses der (...) Xing-Aktie angestiftet zu haben“. Er musste „einen Geldbetrag zugunsten einer gemeinnützigen Einrichtung“ zahlen, Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt; jene gegen den Banker aber dauern an.
  • Das Berliner Unternehmen YOC, das sich mit Handywerbung beschäftigt, hat schwere Vorwürfe gegen Oddo Seydler erhoben, die den Verdacht auf Insiderhandel und Marktmanipulation nähren. YOC hatte die Bank beauftragt, eine Kapitalerhöhung zu machen. Doch bevor neue Aktien ausgegeben wurden, sackte der Kurs ab; YOC musste neue Aktien billiger verkaufen und erlöste weniger Geld als geplant. Den Kurssturz soll den Vorwürfen zufolge Seydler verursacht haben, indem die Bank Short-Verkäufe getätigt und mindestens einem Aktionär zum Verkauf der Aktie geraten habe. Bei Short-Geschäften verkaufen Börsenhändler Aktien, die sie nicht besitzen, etwa um Aufträge zu bedienen und so den Handel flüssig zu halten oder um sie später billiger zurückkaufen zu können. Wer den Auftrag für eine Kapitalerhöhung hat und short geht, schadet dem Kunden, weil der seine neuen Aktien zu tieferen Kursen ausgeben muss. Die Bank habe den Vertrag durch „Short-Verkäufe“ verletzt, trug YOC beim Landgericht Frankfurt vor. Manch einer in Frankfurt hat Parmantier deswegen schon „Mr. Shorty“ getauft. Das Institut, so YOC laut dem Gericht, habe „vertrauliche Informationen“ verwendet, um „Zusatzerträge zu generieren“.
Provisionserträge der Oddo Seydler Bank. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Thomson Reuters; Geschäftsberichte

Die Bank sagt dazu, dies sei zu keinem Zeitpunkt der Fall gewesen, und sie habe keine Short-Verkäufe getätigt. Sie führt den gesunkenen Aktienkurs vielmehr auf Researchberichte zurück, die in diesem Zeitraum veröffentlicht worden sein sollen. Für eine Verkaufsempfehlung eines Mitarbeiters habe sie auch „keine Anhaltspunkte“ gefunden. Ihre Mitarbeiter hätten aber auch „eine individuelle Meinung zu Wertpapieren und beraten ihre Kunden dahingehend“.

Die Verhandlung dazu, vom Landgericht Frankfurt für den 14. Januar 2016 terminiert, wurde abgesagt: Parmantiers Bank hatte sich mit YOC verglichen; die Berliner bekamen 750.000 Euro. Oddo Seydler will das nicht als Schuldeingeständnis gewertet wissen. Der Vergleich sei geschlossen worden, um die Übernahme der Bank durch Oddo abzuschließen.

Allerdings wurde der Vergleich im August 2015 geschlossen, die Übernahme der Bank aber wurde bereits sieben Monate zuvor finalisiert. So hieß es in einer Pressemitteilung von Oddo Seydler am 7. Januar 2015, dass die Übernahme „nach Zustimmung aller Aufsichtsbehörden erfolgreich abgeschlossen worden“ sei.

Wetten gegen die geheimen Champions

Zweifelhaft ist auch Parmantiers frühere Rolle als Präsident des Verwaltungsrats der Schweizer Ffm Mittelstand AG. Ffm, schreibt ein damaliger Mitstreiter, sollte einen Hedgefonds auf Malta auflegen, der auf fallende und steigende Kurse der „Hidden Champions“ im deutschen Mittelstand wetten sollte. Wirklich aktiv wurde der Fonds nie: Heute ist die Firma gelöscht. Das Projekt sei beendet worden, „ohne je dafür externe Gelder eingeworben zu haben“, bestätigt die Bank.

Parmantiers Engagement bei der Vorbereitung des Fonds wirft dennoch Fragen auf: Wenn der Chef einer mittelständischen Investmentbank sich federführend in einem Hedgefonds engagiert, der auf fallende Kurse mittelständischer Firmen wettet, kann ein Interessenkonflikt entstehen, wenn er gegen die eigenen Kunden spekuliert.

Bank-Eigner Oddo hält an Parmantier fest. Der soll ihm beim Frühstück – nach eigener Darstellung in Abstimmung mit den damaligen Eigentümern – gesagt haben, dass die Bank zu haben sei. „Ich will, dass du die Bank kaufst“, soll Parmantier zu Oddo gesagt haben, berichtete der Franzose im Juli 2015 vor Journalisten. „Dank René“ sei der Deal ein Erfolg geworden. Oddo zahlte 46,5 Millionen Euro für die Bank. Branchenkenner hatten den fairen Wert auf 25 bis 30 Millionen Euro taxiert. „Ich vertraue ihm“, sagt Oddo über „René“. Nur einmal erstarrte der sonst so charmante Franzose: als ihn jemand aus der Journalistenrunde nach den Kreisgeschäften der Bank fragte. Nach einer Pause antwortete Oddo: „Wenn man eine Firma kauft, dann kauft man gute und schlechte Dinge. Das ist Teil des Risikos.“

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