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Siemens-Energy-Jahreszahlen „Das ist ein Knüppel zwischen die Beine von Siemens Energy“

Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment, hat exklusiv mit der WirtschaftsWoche über Siemens Energy gesprochen. Quelle: PR

Auch im Geschäftsjahr 2021 schrieb Siemens Energy rote Zahlen. Im neuen Jahr soll es nun aufwärts gehen. Portfoliomanagerin Vera Diehl sieht das Management vor schweren Aufgaben – die sich durch die Aufspaltung des Konkurrenten GE noch verschärfen.  

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Vera Diehl ist seit 2002 Portfoliomanagerin bei dem Vermögensverwalter Union Investment. Nach einer Banklehre und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre hat Diehl unter anderem für Morgan Stanley Asset Management und Merrill Lynch gearbeitet. Bei Union Investment ist Diehl zuständig für Maschinenbau Europa und Retail Global.

WirtschaftsWoche: Vor gut einem Jahr hat Siemens seine Energiesparte unter dem Namen Siemens Energy an die Börse gebracht. Welche Bilanz ziehen Sie nach dem ersten Jahr von Siemens Energy als eigenständiges Unternehmen?
Vera Diehl: Siemens Energy hat seine Reise in die Unabhängigkeit mit sehr schwerem Gepäck begonnen. So machen die fossilen Altlasten des Konzerns immer noch rund die Hälfte des Portfolios aus. Wie schwer diese Posten aus der Vergangenheit wiegen, zeigte sich schon vor der Aufspaltung bei der Besetzung des Chefpostens. Nicht ohne Grund hat der designierte CEO Michael Sen den Posten damals nicht angetreten, sodass Christian Bruch Vorstandschef von Siemens Energy wurde. Offenbar war Herr Sen damals unter anderem nicht damit einverstanden, was Siemens alles an fossilen Restposten in dieses neue Unternehmen hineingepackt und sich selbst davon entledigt hat. Auch wenn die langfristigen Ziele von Siemens Energy vielversprechend sind – die Firma ist auf dem Weg zu einem grünen Unternehmen –, kann der Konzern diese nur mit dem Portfolio erreichen, das dem Konzern zur Verfügung steht. Das ist die enorme Schwierigkeit, vor der das Management steht. Und dieses Problem hat der Vorstand auch nach einem Jahr noch nicht gelöst.

Welche Bereiche des Portfolios sind besonders problematisch?
Das beginnt schon beim Markennamen. Damit der Konzern sich Siemens Energy nennen darf, müssen jährlich Lizenzgebühren an den ehemaligen Mutterkonzern abgeführt werden. Die größte Fessel ist sicher das Öl- und Gasgeschäft. Das hat Siemens wie gesagt in seiner ganzen Last an Siemens Energy abgegeben. Ein weiteres großes Problem ist der enge finanzielle Spielraum des Konzerns. Für Firmenübernahmen hat Siemens Energy im Moment keine ausreichenden Mittel. Dabei könnte der Konzern sehr davon profitieren, das Portfolio mit innovativen Unternehmen anzureichern.



General Electric, einer der maßgeblichen Konkurrenten von Siemens Energy, hat gerade bekannt gegeben, dass der Konzern in drei Teile aufgespalten werden soll. Welche Folgen hat das für Siemens Energy?
Diese Nachricht ist ein Knüppel zwischen die Beine von Siemens Energy. Denn die Sparte GE Renewable Energy, die nun geschaffen werden soll, tritt natürlich in direkte Konkurrenz zu Siemens Energy. Der Kampf um die Kunden und um die Investoren wird damit noch härter für den Konzern.

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    Der Windturbinenbauer Siemens Gamesa, an dem Siemens Energy die Mehrheit hält, gilt als die grüne Hoffnung des Konzerns. Gleichzeitig enttäuschte Gamesa zuletzt mit zwei Gewinnwarnungen. Wie gefährlich ist das Schwächeln von Gamesa für Siemens Energy?
    Die Beteiligung an Gamesa ist zweifelsohne die Zukunftshoffnung von Siemens Energy. Mit dieser Beteiligung steht und fällt der Erfolg des ganzen Konzerns. Die Probleme von Gamesa bestehen vor allem im Bereich Onshore, während der Offshore-Bereich sehr gute Ergebnisse bringt. Ich habe keinen Einblick, welche detaillierten Maßnahmen von Herrn Bruch eingeleitet worden sind, um Siemens Gamesa in den Griff zu bekommen. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Kommunikation mit der Tochter nicht sehr gut funktioniert. Herr Bruch wirkte selbst überrascht von der vorletzten Gewinnwarnung. Da frage ich mich natürlich schon, warum der Vorstandsvorsitzende nicht früher über die Probleme des Tochterunternehmens Bescheid weiß.

    Derzeit hält Siemens Energy rund 67 Prozent der Anteile an Siemens Gamesa. Könnte eine vollständige Übernahme der Tochter die Probleme lösen?
    Die Frage stellt sich wohl insofern nicht, weil Siemens Energy nicht genügend finanzielle Mittel für die vollständige Übernahme hat. Eine Möglichkeit könnte sein, dass Siemens eine solche Übernahme für Siemens Energy finanziert. So hat Siemens auch die Übernahme von Varian für Siemens Healthineers finanziert. Doch dass Siemens zu diesem Schritt bereit wäre, darauf deutet im Moment wenig hin. Eine Kapitalerhöhung wäre eine andere Möglichkeit zur Finanzierung.

    Siemens Energy hat eine Reihe von Wasserstoffprojekten gestartet und positioniert sich frühzeitig bei dieser Technologie. Kann Wasserstoff den Konzern zum Gewinner der Energietransformation machen?
    Auch beim Thema Wasserstoff leidet Siemens Energy unter seinen engen finanziellen Mitteln. Im Moment kann Siemens Energy maximal 50 Millionen Euro pro Jahr für Forschung und Entwicklung an Wasserstoffprojekten ausgeben. Dass der Konzern zahlreiche Partnerschaften bei dieser Technologie mit anderen Konzernen eingegangen ist, mag gut klingen. Aber ich frage mich, wie solche Projekte und die Opportunitätskosten abgerechnet werden und wer von den Partnern dann letztlich wirklich davon profitiert. Zudem wird das Thema Wasserstoff frühestens ab 2025 spruchreif sein. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Und den muss Siemens Energy mit seinen fossilen Altlasten stemmen.

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    Intern wird der Vorstand um CEO Christian Bruch wegen des Jobabbaus von weltweit 7800 Arbeitsplätzen hart kritisiert. Wie agiert das Management gegenüber dem Kapitalmarkt?
    Jobabbau ist niemals eine Generallösung. Letztlich sollen ja Synergien geschaffen werden. Wie das bei dem aktuellen Programm bewerkstelligt werden soll und ob am Ende nicht Arbeitskräfte fehlen, kann ich nicht sagen. Was mir an dem Management gefällt, ist das Herzblut, mit dem Christian Bruch und Finanzvorständin Maria Ferraro an die Sache gehen. Zudem hat der Vorstand in Sachen Transparenz in den letzten Monaten einiges verbessert. Herr Bruch sagt ganz klar, welche Bereiche Schwierigkeiten haben und wie sehr Siemens Energy sich bei Innovationen anstrengen muss, um für die Kunden interessant zu bleiben.

    Mehr zum Thema: Siemens Gamesa, die Windtochter von Siemens Energy, stellt sich strategisch selbst ein Bein, was für heftigen Ärger sorgt. Firmenchef Andreas Nauen will nun radikal umsteuern. Die Wahrheit über das Windproblem von Siemens Energy.

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