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Tauchsieder

Die Finanzkrise ist zurück

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Faktische Insolvenz bleibt folgenlos

Die faktische Insolvenz bleibt folgenlos; die Banknoten zirkulieren munter weiter – im bloßen Vertrauen darauf, dass das Papiergeld bis zum erhofften Widerruf der Bankeinschränkung seinen Wert behält und die Bank zwischenzeitlich genügend Kapital aufbaut, um die Notenausgabe“ künftig wieder auf den Betrag des Bankkapitals beschränken zu können.

Der Skandal dieser Geldrevolution besteht nicht nur in der scheinbar vollständigen Entmaterialisierung und Fiktionalisierung des Geldes, dessen behaupteter Wert sich von seinem bisherigen Träger (Gold) löst. Sondern vor allem in der künstlichen Verlängerung des Geldes als Vorschuss, Kredit und Schuld, in seiner Verdopplung als Bargeld und Obligation: Die neue Banknote ist Geld und Anti-Geld zugleich.

Bisher war Papiergeld als Zahlungsmittel ja überhaupt nicht in Umlauf; als Zahlungsversprechen (Wechsel) entsprach es einem Schuldschein – und das Vertrauen in diese „Quittungen“, „Noten“, „Billets“ und „Zettel“, die als goldsmith notes bei Goldschmieden, später dann bei Banken, eingelöst wurden, beruhte eben darauf, dass sie jederzeit durch Kurantmünzen und Edelmetallbarren abgesichert waren – und dass der Souverän für ihre Annahmepflicht bürgte.

Mit dem Referenzverlust des Papiergeldes stellt sich nun die bange Frage, ob die Weigerung der Bank, das Metallgeld auszuzahlen, nicht das gleiche bedeutet wie die Weigerung der Bank, überhaupt (jemals) zu zahlen – und das Wunder der bank-restriction besteht darin, dass der Anspruch auf Einlösung eines Schuldtitels ohne Bedeutung ist, sofern man sich einig ist, den Anspruch (vorerst) aufzugeben – und das Zahlungsversprechen einfach weiter reicht.

Unter der Oberfläche der Ablösung des Münzgeldes durch das Papiergeld findet also in Wahrheit eine Ausweitung der Geldschöpfung statt: Das Geld wird den ökonomischen Akteuren nicht mehr nur als gesetzliches Zahlungsmittel zur Verfügung gestellt, sondern es reproduziert sich als Anspruch auf eine Zahlung auch selbst – sofern es einer Institution gelingt, die ökonomischen Akteure davon zu überzeugen, dass es nicht weiter von Belang ist, wenn man seine Schulden mit den Schulden anderer bezahlt.

Das neue Papiergeld ist, ganz so wie heute Draghis Geld, Zahlungsmittel und Schuldtitel zugleich, Geld und Als-Ob-Geld, das heißt: es behandelt einen Kredit, als sei er bereits beglichen. In Wirklichkeit aber bewahrt der Schuldschein nur ein Versprechen auf, das darauf wartet, eingelöst zu werden. Das neue Geld ist demnach nicht nur fiktiv in dem Sinne, dass es gegenüber seinem Vorgänger, dem Münz-Geld, seinen stofflichen Wert und seine Substanz einbüßt, sondern auch, weil es als Bargeld eine Balance darstellt, die es als Obligation negiert – und als Obligation eine Imbalance anzeigt, die es als Bargeld leugnet.

Zu den problematischen Folgen dieser monetären Umformatierung gehört, dass sich Schuld und Schulden nicht mehr eindeutig zurück verfolgen lassen, dass sich Zahlungsketten fiktionalisieren – und dass sich das Papiergeld damit schleichend der Kontrolle durch die Obrigkeit entzieht. Bereits Adam Smith erzählt von Schuldnern, die ihre Schulden durch immer neue Schulden bezahlen – was bei Fälligkeit und Präsentation der Wechsel zwangsläufig zu einer Serie von Bankrotten führen müsse – irgendwann.

Denn einerseits sind die Zahlungen „völlig fiktiv“, so Smith, weil „der Strom, den die umlaufenden Wechsel aus den Tresoren der Banken fließen ließen, niemals durch einen anderen ersetzt [wurde], der tatsächlich wieder dorthin zurücklief“. Andererseits gilt: „Selbst wenn alle zahlungsunfähig werden…, was durchaus wahrscheinlich ist, wäre es doch reiner Zufall, falls sie es innerhalb kurzer Zeit würden.“

Hellsichtig erkennt Smith, dass sich mit dem neuen Geld eine neue Pumpwirtschaft und mit der neuen Pumpwirtschaft eine neue Mentalität der Sorglosigkeit ausbreitet: „Das Haus ist zwar baufällig und wird nicht mehr lange stehen, sagt sich ein müder Reisender, aber es wäre schierer Zufall, wenn es gerade heute Nacht einstürzte; ich will es daher wagen, darin zu übernachten.“

Im günstigsten Fall bringt die Bank of England mit ihrem Geld (gleichsam im Dienst des Staates) also buchstäblich blindes Vertrauen in Umlauf. Im ungünstigsten Fall jedoch erweist sich das Papiergeld als künstlicher Zement, der eine Nation von Spekulanten und Spielern zusammenhält – bis sie mit dem Glauben an das vom Staat emittierte Schein-Geld auch den Glauben an den Staat verlieren.

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