Air Berlin Millionen für Entschädigungen wegen häufiger Verspätungen

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Passagieren stehen Entschädigungen zu, wenn ihre Flüge mindestens drei Stunden verspätet sind oder kurzfristig abgesagt werden. Deswegen muss Air Berlin Millionen für Entschädigungen zahlen.

Quelle: dpa

Die vielen Flugausfälle und Verspätungen belasten Air Berlin nun auch zunehmend finanziell. Basierend auf Daten der führenden Fluggastrechte-Portale Fairplane und Flightright, die für Passagiere Entschädigungszahlungen eintreiben, musste die Linie von Januar bis Mai bereits annähernd fünf Millionen Euro überweisen, weil sie Kunden zu spät oder gar nicht ans Ziel brachte. Kunden stehen laut EU-Recht zwischen 250 und 600 Euro zu, wenn ihre Flüge mindestens drei Stunden verspätet sind oder kurzfristig ganz abgesagt werden.

Das sind nicht nur doppelt so viele Fälle wie in den ersten fünf Monaten 2016. Air Berlin hat mit derzeit bis zu 20 000 Auszahlungen an Kunden zudem die mit Abstand meisten Entschädigungsfälle in Deutschland. „Bei uns betrifft inzwischen bereits mehr als jeder vierte Fall die Air-Berlin-Gruppe“, sagt Fairplane-Sprecher Ronald Schmid. Vor einem Jahr war lediglich einer von zwölf Fairplane-Kunden mit Air Berlin geflogen.

Die Probleme rühren vor allem aus dem Umbau des Unternehmens, durch den in bestimmten Teilen immer wieder Personal fehlt. Sie betreffen vor allem kleinere Routen wie Saarbrücken–Berlin oder Dresden–Düsseldorf, wo an manchen Tagen nur einer von vier geplanten Flügen abhob. Großen Ärger verzeichnen die Entschädigungsportale zudem auch bei den Flügen, die Air Berlin für die Lufthansa Billigtochter-Eurowings erledigt. „Hier senden beide Airlines die Passagiere im Kreis und jede behauptet, die andere müsse zahlen. Das ist eine neue Zermürbungstaktik, mit der die Airlines Passagiere zum Aufgeben bewegen wollen“, so Schmid.

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Zwar mietet die Linie reichlich bei anderen Airlines Maschinen nebst Besatzung. Hierzu zählen auch ungewöhnliche Modelle wie ein Flugzeug in der Bemalung der einst vom italienischen Haudrauf-Schauspieler Bud Spencer gegründeten italienischen Postlinie Poste Italiane, die heute ein dänisches Unternehmen mit einer Besatzung aus Polen betreibt.

Trotzdem kommen besonders bei Unwetter immer wieder spektakuläre Totalausfälle vor. So brachte Air Berlin am Wochenende Kunden mit dem Bus von Berlin nach Stuttgart – und bescherte ihnen statt des rund 70 Minuten langen Flugs eine Reisedauer von fast 13 Stunden.

Ein Ende der Verspätungen und Ausfälle inklusive der hohen Ausgaben ist nicht absehbar. „Wir gehen davon aus, dass auf Air Berlin Forderungen in zweistelliger Millionenhöhe zukommen“, erwartet Flightright-Chef Marek Janetzke.

Aufstieg und Niedergang von Air Berlin
Kim Lundgren (l), Mitgründer und Präsident der 'Air Berlin Inc.' und Pilot, mit seinem Sohn Shane Lundgren, ebenfalls Pilot bei Air Berlin Inc. Quelle: airberlin
Joachim Hunold Quelle: airberlin
Einstieg ins Linienfluggeschäft Quelle: airberlin
Service an Bord von Air Berlin 2003 Quelle: airberlin
Niki Lauda (2009) Quelle: dpa
Airbus A 320 (2005) Quelle: airberlin
dba Air Berlin Quelle: AP

Zum einen sind viele der bisherigen Fälle noch nicht erfasst, weil viele Kunden erst Tage oder Wochen nach einer Verspätung Entschädigung beantragen. Dazu stocken die Auszahlungen. Denn die durch Reorganisationen geschwächte Linie bearbeitet die ungewohnt vielen Anträge auf Entschädigung derzeit nur mit großen Verzögerungen. Dazu wächst der Unmut bei den Kunden vor Ort, sie sehen sich oft unzureichend betreut. „Spätestens das bringt selbst gutmütige Kunden dazu, nun auch Entschädigung zu fordern“, so Fairplane.

Zu guter Letzt ist nicht absehbar, wann Air Berlin am Flughafen Berlin Tegel die Probleme mit seinem Abfertigungsunternehmen Aeroground, einer Tochter des Flughafens München, in den Griff bekommt. Zwar verhandelt derzeit Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann persönlich mit dem Chef des Münchner Flughafens Michael Kerkloh. Doch laut Insidern sind die Probleme kurzfristig nicht lösbar. „Die bayerischen Kollegen haben nicht nur zu wenige qualifizierte Leute eingeplant und dann zu zögerlich neue Mitarbeiter gesucht“, so ein führender Manager eines deutschen Flughafens. „Sie haben sich auf den Job in Berlin offenbar nicht richtig vorbereitet. Dabei hätten sie sofort sehen können, dass ihre vom großzügigen und effizienten Münchner Airport gewohnten Arbeitsabläufe auf dem alten und verbauten Flughafen Tegel nie und nimmer umzusetzen sind.“

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