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Der Krisengewinner heißt Airbnb „Reisen wird sich grundlegend ändern“

 Im Frühjahr 2020 verlor Airbnb wegen der Corona-Beschränkungen innerhalb von acht Wochen achtzig Prozent seines Geschäfts. Quelle: REUTERS

Airbnb hat 2020 einen Rekordverlust von 4,6 Milliarden Dollar verbucht. Trotzdem ist es der mit Abstand wertvollste Touristik-Konzern der Welt. Wie passt das zusammen?

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Brian Cheskys Stimme überschlug sich fast vor Enthusiasmus. „Reisen kommt wieder zurück“, jubelte der Chef von Airbnb am Donnerstag bei der Präsentation der Zahlen des Jahresendgeschäfts. Die Menschen würden Reisen sehnsüchtiger vermissen als Restaurantbesuche – Geschäftsreisen ausgenommen. Und: „Wir kommen aus der Pandemie stärker heraus als zuvor.“

So schnell wendet sich das Blatt. Im Frühjahr 2020 verlor Airbnb wegen der Corona-Beschränkungen innerhalb von acht Wochen achtzig Prozent seines Geschäfts. Chesky, der Airbnb im August 2008 mit zwei Freunden gegründet hatte, musste erstmals in großen Umfang Mitarbeiter entlassen., rund ein Viertel der Belegschaft. Airbnb, das einen Börsengang geplant hatte, legte diesen auf Eis, nahm stattdessen eine Milliarde Dollar an Wagniskapital plus eine Milliarde Dollar an Schulden auf.

Weil die Börsen förmlich mit Geld zugeschwemmt wurden, wagte Airbnb im Dezember doch noch den Börsengang. Seitdem hat sich die Aktie in der Spitze fast verdoppelt und hält sich im Olymp der wertvollsten Unternehmen. Am Donnerstag legte Airbnb im nachbörslichen Handel um knapp drei Prozent zu. Das Unternehmen ist jetzt 110 Milliarden Dollar wert, mehr als doppelt soviel wie Marriott International, dem größten Hotelkonzern der Welt. Was daran liegt, dass Airbnb nur eine Vermittlungsplattform ist und nicht mit dem Betreiben von Hotels belastet ist.

Die Quartalszahlen fielen weit besser aus als von Analysten prognostiziert. Im vierten Quartal 2020 fiel der Umsatz zwar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 22 Prozent auf 859 Millionen Dollar. Doch der Rückgang ist moderater als wegen der Corona-Reisebeschränkungen erwartet. Im vierten Quartal verbuchte Airbnb einen Rekordverlust von 3,9 Milliarden Dollar. Doch 2,8 Milliarden Dollar davon entfielen auf außergewöhnliche Kosten durch Börsengang und das Bilanzieren von Aktienoptionen.

1,1 Milliarden Dollar Verlust bei 859 Millionen Dollar Umsatz sind für ein Wachstumsunternehmen hinnehmbar. Besonders in einer Branche, die mit Ausnahme der Gastronomie, so stark gebeutelt ist wie keine andere. „Die Ergebnisse von Airbnb sind ein Indikator für die allgemeine Erholung der Reisebranche“, meint Sooho Choi, Analyst des Beratungsunternehmens Publicis Sapient.

Das gelang nicht nur wegen Airbnbs Geschäftsmodell. Auch, weil die Einbrüche im Kernmarkt USA nicht so heftig waren wie etwa in Europa, dort unter anderem in Großbritannien, Italien und Deutschland. Zugleich fuhr Airbnb die Ausgaben für Produktentwicklung und Marketing drastisch zurück und legte Abteilungen zusammen.

„Wir haben Kostendisziplin gelernt“, sagt Chesky. Was eine gewisse Ironie birgt. Denn in 2020 hat Airbnb immerhin einen Rekordverlust von 4,6 Milliarden Dollar verbucht. Über die Hälfte entfiel zwar auf den Börsengang und Aktienoptionen. Doch es ist immer noch mehr Verlust als in den vier Jahren davor zusammengenommen. Dafür kommt das Unternehmen nun aus der Pandemie dank des Börsengangs mit einem gewaltigen Finanzpolster – 6,4 Milliarden Dollar hat es auf der hohen Kante.

Zwar hat Airbnb gerade eine große Werbekampagne gestartet – die erste globale seit fünf Jahren – doch das Marketing soll sich grundlegend verändern. Im Frühjahr 2020 hatte Airbnb die bis dahin üppigen Werbeausgaben drastisch zurückgedreht, doch kaum einen Effekt bei den Besucherzahlen der Seite beobachtet. Künftig werde man deshalb stärker in PR als in klassische Online-Werbung investieren, kündigte Chesky an.



Der Airbnb-Chef sieht die Zeit nach Corona als riesige Chance für sein Unternehmen. „Reisen wird sich grundlegend ändern“, ist er überzeugt. Wegen der neuen Möglichkeiten durch Tele-Arbeit könnten viele nun ihren Aufenthaltsort flexibler wählen. Und die Kosten dafür durch das Vermieten der eigenen Wände kompensieren.

Zugleich würden andere Reiseziele abseits der Touristenmagnete stärker erkundet. Das will das Unternehmen nun mit einer zusätzlichen Suchfunktion fördern, bei der kein Reiseziel eingeben werden muss, sondern nur Umkreis, Dauer oder Reisemonat. „Damit können wir auch die Nachfrage besser steuern“, sagt Chesky.
Airbnb kommt das auch aus einem anderen Grund entgegen. Das Unternehmen steht weltweit in der Kritik, vor allem in Großstädten wie Paris, Barcelona oder auch Berlin Wohnraum dem Mietmarkt zu entziehen und ihn damit zu verteuern. Immer mehr Städte und Gemeinden kontern mit dem Beschränken touristischer Vermietung.

Hält der Trend auch nach der Pandemie?

Wenn nun mehr seiner Gäste in andere Regionen ausweichen, nimmt das Druck von Airbnb und gestattet zugleich neues Wachstum. Die Frage ist nur, wie beständig dieser Trend nach der Pandemie ist. Und ob die ländlichen Regionen diesen Besucherstrom überhaupt wollen.

Mit seiner neuen Werbekampagne will Chesky vor allem um neue Vermieter buhlen. Sie sollen sich künftig „innerhalb von zehn Minuten“ als Gastgeber auf der Plattform anmelden können.
Airbnb steht bei vielen seiner langjährigen Vermietern heftig in der Kritik. Kulant hatte der Internet-Konzern während der Coronakrise erlaubt, Buchungen kurzfristig abzusagen und die Stornogebühren erlassen. Doch das ging fast ausschließlich zu Lasten der Gastgeber. Die bekamen nach viel Druck zwar Einnahmeausfälle erstattet, jedoch nur einen Bruchteil davon. Professionelle Vermieter kamen so gleich doppelt in die Bredouille. Sie hatten über Nacht keine Einnahmen mehr, mussten allerdings die Hypotheken oder Mieten ihrer Objekte stemmen.

Chesky ficht die Kritik nicht an. „90 Prozent unserer vier Millionen Hosts sind individuelle Gastgeber“, behauptet er. Damit meint er Leute, die nur gelegentlich Zimmer in ihrem Haus, Ferienwohnung oder Ferienhaus vermieten – also die ursprüngliche Idee der Plattform.

„Sie setzen damit im Schnitt unter 10.000 Dollar im Jahr um“, gibt Chesky preis. Damit widerspricht er Marktbeobachtern, die von bis zu dreißig Prozent Profi-Anbietern ausgehen. Künftig will er noch stärker auf „individuelle Hosts“ setzen. Diese würden den „eigentlichen Reiz“ von Airbnb ausmachen, mit ihrem persönlichen Service und ihrer Lokalkenntnis. Seine Anzeigenkampagne hat Airbnb deshalb so gestaltet, dass tatsächliche Gäste und Gastgeber dort vorgestellt werden und nicht fiktive Personen.
Traditionelle Reiseanbieter konkurrieren mittlerweile um diese Klientel. „Konkurrierende Sektoren wie Fluggesellschaften gehen Partnerschaften ein, um Luxuswohnungen zu vermieten, und Hotelunternehmen zielen erfolgreich auf Freizeitkunden ab“, beobachtet Publicis Sapient-Berater Choi.

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Chesky erinnerte daran, dass Airbnb nicht umsonst in einer Rezession gegründet wurde, damals in der Finanzkrise von 2008. Die Idee steckt im Namen–- die erste Vermietung war im San Francisco Apartment von Chesky und Mitgründer Joe Gebbia. Während einer Designkonferenz offerierten sie Luftmatratzen an Teilnehmer, die sich die hohen Hotelkosten in San Francisco nicht leisten konnten. So will es zumindest die Firmenfolklore. „Wir waren damals auf zusätzliche Einnahmen angewiesen, wie viele andere auch.“ Cheskys Vermögen wird dank des Börsengangs nun auf 14,3 Milliarden Dollar geschätzt.

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