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Deutsche Börse Carsten Kengeter tritt zurück

Carsten Kengeter, der seit Monaten unter dem Verdacht des Insiderhandels stehende Chef der Deutschen Börse, tritt Ende des Jahres zurück. Der Aufsichtsrat bedauert das – und will bald einen Nachfolger präsentieren.

EZB sorgt für gute Laune - Börsenchef Kengeter tritt zurück

Carsten Kengeter ist nach monatelangem, zähen Ringen gescheitert. Ende Dezember 2017 räumt der Deutsche-Börse-Chef seinen Posten. „Der Aufsichtsrat hat den Rücktritt mit großem Bedauern akzeptiert“, teilte das Unternehmen nach einer Krisensitzung des Kontrollgremiums am Donnerstag mit. Wer Kengeters Nachfolger werden soll, werde „in Kürze“ bekanntgegeben. Kengeter werde den Dax-Konzern solange weiter führen und habe dafür „das volle Vertrauen des Aufsichtsrats“.

Dem ehemaligen Investmentbanker Kengeter wird ein Aktien-Deal zum Verhängnis: Seit Februar ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Kengeter wegen eines lukrativen Aktiengeschäfts in Millionenhöhe aus dem Dezember 2015. Damals hatte sich der Börsenchef mit Papieren der Londoner Börse LSE eingedeckt – gut zwei Monate vor dem Bekanntwerden der Fusionspläne der LSE.

Der Versuch, mit der Zahlung von Geldbußen eine Einstellung des Ermittlungsverfahrens zu erreichen, war Anfang der Woche am Widerstand des Frankfurter Amtsgerichts gescheitert. Die Deutsche Börse hätte 10,5 Millionen Euro zahlen müssen, Kengeter 500.000 Euro. Das Frankfurter Amtsgericht argumentierte: Angesichts der Bedeutung des Falls sei eine Einstellung nicht angemessen.

Börsenchef Kengeter in Schwierigkeiten

Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment, nannte Kengeters Rücktrittsentscheidung "richtig und konsequent." Der Aufsichtsrat sei nun gefordert, "so bald wie möglich einen überzeugenden Nachfolger zu benennen, der dem Unternehmen langfristig zur Verfügung steht und eigene Akzente setzt. Herr Faber sollte an Bord bleiben, um die Neuausrichtung des Unternehmens mitzugestalten.“

Die Ermittler werfen dem 50-jährigen Kengeter vor, schon im Sommer 2015 mit der LSE-Führung Gespräche über einen Zusammenschluss der beiden Unternehmen geführt und das Aktiengeschäft in diesem Wissen getätigt zu haben. Kengeter hatte im Rahmen eines speziell für ihn geschnürten Vergütungsprogramm Mitte Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro Deutsche-Börse-Aktien gekauft, die er nicht vor Ende 2019 veräußern darf. Der Konzern packte 69.000 weitere Anteilsscheine drauf. Gut zwei Monate nach dem Aktiengeschäft machten Deutsche Börse und London Stock Exchange (LSE) ihre – inzwischen gescheiterten – Fusionspläne öffentlich, was die Kurse trieb.

Aufsichtsrat, Vorstand und Kengeter persönlich hatten die Vorwürfe zurückgewiesen. Nun jedoch gehen die Ermittlungen weiter. Nach Abschluss des strafrechtlichen Verfahrens wollten zunächst auch die Finanzaufsicht Bafin und die hessische Börsenaufsicht den Fall genauer untersuchen. Am Donnerstagnachmittag gaben sie dann aber bekannt, ihre Prüfungen zu beenden. Beide Parteien begründeten den Entschluss damit, dass ein solches Verfahren "voraussichtlich nicht bis zum 31. Dezember 2017 abgeschlossen" sei.

Den Verantwortlichen lief die Zeit davon: Der Aufsichtsrat hatte sich darauf festgelegt, erst nach dem Abschluss aller Verfahren über eine eventuelle Verlängerung von Kengeters zum 31. März 2018 auslaufendem Drei-Jahres-Vertrag zu entscheiden. Die Hängepartie verärgerte sowohl Mitarbeiter als auch Investoren des Dax-Konzerns, denn die Vorwürfe binden seit Monaten Kapazitäten, die das Management nach dem Flop des LSE-Deals fürs Tagesgeschäft der Deutschen Börse hätten gebrauchen können. Mit der Rücktrittsentscheidung könnte nun endlich etwas Ruhe einkehren – doch vom Haken ist der Konzern mit Kengeters Rücktritt nicht: In den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht es auch um die Rolle des Unternehmens im Zusammenhang mit den Insidervorwürfen.

Aufstieg und Fall des Deutsche-Börse-Chefs

Als Kengeter am 1. Juni 2015 den Chefposten vom glücklosen Reto Francioni übernahm, blühte die Deutsche Börse zunächst auf. Kaum im Amt, zog der Manager zwei Übernahmen für mehr als 1,3 Milliarden Euro durch, krempelte den Vorstand um, gab dem Aktienhandel wieder ein stärkeres Gewicht und legte ein Effizienzprogramm mit dem bezeichnenden Namen „Accelerate“ („Beschleunigen“) auf. Bei Mitarbeitern, Investoren und externen Beobachtern kam Kengeter zunächst gleichermaßen gut an.

Doch Kengeters Stern begann bereits zu sinken, als sein Prestige-Projekt – der Zusammenschluss mit der Londoner Börse – scheiterte. Für Ärger sorgte vor allem die frühe Entscheidung des heute 50-Jährigen, London als rechtlichen Sitz des fusionierten Börsenriesen festzulegen. Als er diese Entscheidung Anfang 2016 bekanntgab, schwebte bereits das Schreckgespenst eines möglichen Austritts Großbritanniens über der EU. Als die Briten wenige Monate darauf tatsächlich für den Brexit stimmten, kam das dem Todesstoß für das ambitionierte Projekt gleich.

Als zum Februar 2017 der Verdacht des Insiderhandels gegen Kengeter aufkam, war der Imageschaden enorm. „Ermittlungen gegen einen Börsenchef wegen Insiderhandels sind so, als würde gegen einen Bankchef wegen Bankraubs ermittelt“, kommentierte Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), später. Trotzdem sollte es dann noch fast neun Monate dauern, bis Kengeter nun am Donnerstag seinen Hut nahm.

Am Donnerstagabend wollte die Deutsche Börse noch ihre Zahlen für das dritte Quartal vorstellen. Analysten erwarteten Nettoerlöse von rund 587 Millionen Euro und damit eine Steigerung um etwa fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ob die Deutsche Börse ihr ausgegebenes Wachstumsziel von fünf bis zehn Prozent im Gesamtjahr noch halten kann, ist unklar. Im ersten Halbjahr betrug der Zuwachs nur drei Prozent. Auch beim Gewinn liegt der Konzern unter dem eigenen Plan.

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