Deutsche-Post-Streik: Der Post drohen Imageschaden und Kundenverlust
GDL gegen die Deutsche Bahn
Sechs Tage streikten die Lokführer der Bahn, um ihre Forderungen durchzusetzen. Nur ein Drittel der Züge im Personenverkehr fuhr. Der Güterverkehr wurde noch einen Tag länger bestreikt. Es handelte sich um den längsten Streik in der Geschichte der Bahn - was aber bei einem ehemaligen Staatsbetrieb nicht weiter erstaunlich ist. In anderen Wirtschaftszweigen und Unternehmen haben Tarifkonflikte zu weit längeren Arbeitsniederlegungen geführt. Nachfolgend die zehn längsten Streiks in der Geschichte der Bundesrepublik.
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Vom 16. März bis 16. Juni 2006 streikten die Angestellten Ärzte an deutschen Universitätskliniken und Krankenhäusern. Sie protestierten gegen schlechte Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung. Am 16. Juni 2006 legten bundesweit fast 14.000 Ärzte die Arbeit nieder, nachdem zuvor immer wieder tausende bei Kundgebungen auf sich aufmerksam gemacht haben.
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Von Februar bis Mai 2006 streikte der öffentliche Dienst wegen angekündigter längerer Arbeitszeiten. 16 Wochen lang dauerte der Ausstand der Beamten. Sowohl Angestellte der Länder als auch der Kommunen legten die Arbeit nieder.
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Von Oktober 1956 bis Februar 1957 dauerte der Streik der Metallindustrie in Schleswig-Holstein. 34.000 Arbeiter und IG Metall-Mitglieder setzten sich für bessere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Nach 114 Tagen erreichten die Metaller zumindest einen Teilsieg: Wer länger als zwei Wochen krank war, bekam für die ersten drei Tage 90 Prozent des Nettolohnes.
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Anfang 1994 riefen der Bundesverband Druck und die IG Medien die Beschäftigten der Druckindustrie zum Streik auf. Das Ziel: Höhere Löhne. Erst am 3. Juli 1994 beendete die IG Druck den fast sieben Monate dauernden Ausstand. Die rund 250.000 Beschäftigten bekamen 1994 und 1995 jeweils zwei Prozent mehr Lohn.
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Bundesweit wenig Beachtung fand der Streik der Granitindustrie im Bayerischen Wald: Von Juli 1991 bis Mai 1992 protestierten knapp 400 von insgesamt 1200 Granitarbeitern gegen die geplante Absenkung der Akkordlöhne. Rund zehn Monate lang ließen sie die Arbeit in den Steinbrüchen ruhen.
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Über ein Jahr blieben in Leverkusen 2004 die Busse stehen. Am 9. Januar 2004 traten die 50 Mitarbeiter einer Tochter des Verkehrsverbandes Leverkusener Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) in den Streik. Bis zum 8. Februar 2005 legten die Busfahrer für höhere Löhne ihre Arbeit nieder.
Foto: dpaPiloten, Erzieher, Lokführer, alle sind dieses Jahr schon in den Streik gezogen. Doch keine Berufsgruppe erhielt bei ihrem Arbeitskampf so viel Rückhalt von der deutschen Bevölkerung wie die Postboten: Selbst nach vier Wochen Leere in den Briefkästen zeigten noch 63 Prozent der Bürger Verständnis für den Arbeitskampf, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov.
Am Ende hat dieser Rückhalt der Gewerkschaft Verdi nicht viel gebracht, die Post hat ihr wichtigstes Ziel erreicht: Die 49 Regionalgesellschaft mit dem Namen Delivery-GmbH bleiben bestehen. Damit kann Frank Appel nun endlich seine Lohnkosten senken. Denn bei den Delivery-Töchtern beschäftigt die Post ihre Paketboten nicht zu dem üblichen Haustarif, sondern zu den rund 20 Prozent günstigeren Löhnen des Logistiktarifvertrages.
Verdi ging aus den Verhandlungen mit einem Schutzpaket für die Konzernmitarbeiter, einer Einmalzahlung von 400 Euro und einer Lohnerhöhung von 2,7 Prozent heraus. Für die schlagkräftige Gewerkschaft ist das nach vier Wochen Streik eher eine enttäuschende Ausbeute.
Doch wie hoch sind die Kosten des Streiks für die Post tatsächlich? Wie viele Millionen sie durch den Streik verloren hat, stellt sich wohl erst mit den Veröffentlichungen der Quartalszahlen im August heraus. Einige der Folgen werden aber schon jetzt deutlich: Die Post hat wichtige Kunden verärgert und einen gewaltigen Rufschaden in Kauf genommen. Die Konkurrenz freut sich darüber.
Großkunden der Post zeigen Verständnis
Der Poststreik hat dem Bonner Konzern viele schlechte Schlagzeilen eingebracht: Immer wieder warf Verdi die Frage auf, wieso ein Konzern mit einem Umsatz von 56 Milliarden Euro und einem Gewinn von rund 3 Milliarden Euro am Lohn der Mitarbeiter sparen sollte. Immer wieder gab die Post die Antwort: Um wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch vor allem wegen dem Einsatz von Beamten und ausländischen Leiharbeitern, mit denen die Post die Folgen des Streiks abmildern wollte, erhielt der Konzern viel Kritik. Fotos und Videos dokumentierten die immer höheren Stapel von Briefen und Paketen, Mitarbeiter berichteten von weggeworfenen Werbeprospekten. Die Post bestritt die Vorwürfe.
Selbst Auftraggeber, die jährlich Millionen für Briefporto zahlen müssen, zeigten Verständnis für die streikenden Zusteller: Nach einer Umfrage des Verbandes DVPT, der Großkunden wie Banken und Versicherungen vertritt, hielten 51 Prozent den Streik für angemessen. Über 65 Prozent der Befragten fühlten sich außerdem nur unzureichend oder auch gar nicht von der Post informiert. „Vor allem viele mittelständische Unternehmen waren von dem Streik stark betroffen und haben tagelang gar keine Post erhalten“, sagt Verbandsvertreter Serkan Antmen. Die Kunden ziehen die entsprechenden Konsequenzen: 26 Prozent der befragten Unternehmen planen, in Zukunft einen anderen Dienstleister als die Post einzusetzen.
Die Konkurrenz freut es: „In den vergangenen Wochen haben wir von zahlreichen Händlern, die mit DHL zusammenarbeiten, Mengen übernommen“, sag Martin Frommhold, Sprecher des Hamburger Paketdienstes Hermes. Die Mengen seien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 20 bis 30 Prozent angestiegen. „Dabei mussten wir auch leider aus Kapazitätsgründen Anfragen ablehnen“. Auch Wettbewerber wie UPS, DPD oder der Briefdienstleister Pin AG hatten während des Streiks von vermehrten Kundenanfragen berichtet. Hermes will diese neue Kunden auf jeden Fall behalten: Die entsprechenden Verhandlungen würden derzeit geführt.
Damit hat der Poststreik den umkämpften Markt für Pakete zumindest kurz aufgeschüttelt. Doch mit dem Ende des Kampfs um die neuen Tochtergesellschaften hat die Post nun einen Vorteil. Mit den Delivery-Töchtern verringert Postchef Frank Appel außer seinen Lohnkosten auch den Abstand zu den Konkurrenten wie Hermes, DPD oder GLS, die ihren Zustellern meist nur den Mindestlohn zahlen. Sie alle wollen vor allem im Paketgeschäft, das durch den Onlinehandel einen wahren Boom erlebt, wachsen. Die Post ist mit rund 42 Prozent in diesem Markt die Nummer Eins. Die Delivery-Töchter hat die Post auch deshalb gegründet, damit das so bleibt. Der Konzern wird deshalb einiges unternehmen, um Hermes und Co die gerade gewonnenen Kunden wieder abzujagen.