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Ein Lokomotivführer berichtet „Eine stetige Arbeitsverdichtung“

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„Paradiesische Zustände“?

Mit Beginn der Privatisierung der Bahn fand eine stetige Arbeitsverdichtung statt, die Schichten von nicht selten über zehn Stunden Dauer (auch nachts) und relativ kurzen Pausen zur Folge hatte. Nun ist es natürlich nicht angebracht, sich während der Dienstzeit auszuschlafen, aber es sollte eben auch im Interesse des Arbeitgebers sein, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter zu erhalten und typische, durch Wechseldienst bedingte, Krankheiten vorzubeugen. Gelänge dies, erhöht es die Wahrscheinlichkeit, seine Dienstfähigkeit bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter zu erhalten, was im Übrigen auch zu einer nachhaltigen Personalpolitik seitens des Konzerns gehören würde.

Der Zusatz-Urlaub ist dafür eine Möglichkeit, genau wie die im Artikel erwähnten elf Tage „Urlaub“ für ältere Mitarbeiter, bei dem es sich um die geforderte Fortschreibung der „Reduzierung der Jahresarbeitszeit zur Entlastung älterer Arbeitnehmer“, einem Teilzeit-Modell, handelt. Ich möchte zur Einordnung in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass in Frankreich zum Beispiel ein Lokführer für den geleisteten Wechseldienst bereits mit Mitte 50 in Rente gehen kann.

Abschließend möchte ich unterstreichen, dass „Lokführer“ von Kindheit an mein Traumberuf gewesen ist und ich bis heute diese Tätigkeit gerne ausübe. Darüber hinaus bietet die Deutsche Bahn AG als Arbeitgeber ihren Mitarbeitern sehr viele Sozialleistungen. Einiges davon gäbe es aber wohl nicht, wenn Gewerkschaften dies nicht erstritten oder erkämpft hätten. Dass bei den Arbeitsbedingungen „paradiesische Zustände“ herrschen, kann ich jedoch nicht bestätigen. Wie sonst kann es denn sein, dass im Bereich der Lokführer nach meinem Kenntnisstand immer noch circa 1000 Mitarbeiter fehlen? Dieser Zustand permanenten Personalmangels in allen Bereichen der Betriebseisenbahner hat in den vergangenen Jahren zu einer hohen Belastung durch Überstunden geführt. Die DB steht zudem in den kommenden zehn Jahren vor der Herausforderung, dass überproportional viele Mitarbeiter das Pensions- beziehungsweise Renteneintrittsalter erreichen werden. Von den aktuellen Zielen der Politik, hinsichtlich des Klimawandels mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, wofür zusätzliches Personal im Eisenbahn-Sektor vonnöten sein wird, möchte ich gar nicht reden.

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Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit meinen Zeilen mal eine andere Sichtweise geben als die, die gern von anderer Stelle dargestellt wird. Die Tatsache, dass es nach wie vor schwer ist, geeignetes Personal wie Lokführer, Zugbegleiter, Wagenmeister, Fahrdienstleiter zu finden, könnte damit zusammenhängen, dass diese Berufe für viele Menschen nicht attraktiv genug sind gegenüber anderen Berufen der freien Wirtschaft. Sei es aufgrund der Bezahlung oder eben aufgrund der besonderen Arbeitsbedingungen. „Paradiesische Zustände“ können wohl nicht der Grund sein.“

Mehr zum Thema: Die Lokführer-Gewerkschaft GDL fordert mehr Geld und Verbesserungen beim Arbeitsklima. Dieser Artikel der WirtschaftsWoche hat Lokführer Thomas Jasper zur Replik animiert: „Paradiesische Zustände für Bahn-Mitarbeiter?“

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